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29. August

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Anfängergeist

Beten ohne Gott – Das Wunder der Achtsamkeit

UW81ST-AnfaengergeistWill man sich erleuchten, kann man das üben. Eine lebenslange Übung kann wie ein Gebet sein. Ein Gebet, in dem man sich selbst bittet, sich aus den immer wieder gleichen eigenen Problemen, aus dem sogenannten ‚samsara', zu befreien. Erleuchtung ist nichts Esoterisches. Sie ist konkret.

Würden wir jemanden sehen, der über das Wasser geht, bezeichneten wir das wohl als Wunder. Ich sähe etwas, was ich noch nie gesehen habe. Aber ist es nicht ebenso ein Wunder, wenn wir etwas gelernt haben, was wir zuvor nicht konnten? Es eröffnet sich eine Welt, die wir nicht kannten. Ich fahre nach Griechenland, spreche nicht Griechisch und bewege mich in einer merkwürdigen Welt, in der ich gar nichts verstehe. Lerne ich allerdings mehrere Jahre Griechisch, werde ich die Welt dort völlig anders erleben, ich könnte mich verständigen.

Ebenso ist es mit der Achtsamkeit. Sie eröffnet eine neue Welt. Unter Achtsamkeit versteht man im Buddhismus die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit. Wenn ich über die Straße gehe, wäre es die nach außen gerichtete Aufmerksamkeit, die Autos auf der Straße zu sehen, und die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit, dabei auf die eigenen Gedanken und Gefühle zu achten. Hand aufs Herz: Worauf achten Sie im Straßenverkehr? Auf die anderen Verkehrsteilnehmer oder auf Ihre Gefühle? Auf unsere Gedanken und Gefühle achten wir selten. Dabei wäre gerade das so wichtig. Meistens sind uns unsere Gedanken, Absichten und Gefühle gar nicht bewusst. Der Mann vor 2.500 Jahren, der sich als Erster mit diesen Themen beschäftigte, hat daher festgestellt: Die meisten Menschen schlafen die meiste Zeit. Er selbst hingegen bezeichnete sich als den ‚Erwachten'. Ihm waren seine Gefühle, Reaktionen und alle anderen Inhalte im Geist ständig bewusst. Und zwar 24 Stunden am Tag, auch wenn er schlief. Das ist eine gewaltige Leistung. Aber so weit müssen wir gar nicht gehen, uns gar nicht üben. Es wäre schon ein Gewinn, wären uns unsere eigenen Absichten zumindest mehrere Stunden am Tag bewusst. Offensichtlich sind sie den meisten Menschen aber nur ganz selten bewusst, wir gehen ‚schlafend' durchs Leben und wundern uns, dass wir nicht dort ankommen, wo wir hin wollten. Wir wünschen uns Glück und Zufriedenheit und finden uns ständig in Ärger und Unzufriedenheit.

Wir sehen zwar die Autos, aber nicht unsere Gedanken. Das hat zwar den Vorteil, dass wir nicht überfahren werden, glücklich werden wir so aber nicht. Warum nicht? Weil unsere Gedanken unser Problem sind. Ständig ärgern wir uns und sind unzufrieden, zum Beispiel über Muslime oder Finanzkrisen, und erkennen nicht, dass nicht die Muslime und Finanzkrisen die Ursache unseres Ärgers sind, sondern unsere eigenen Gedanken darüber. Wir denken, wir hätten keine Probleme in Deutschland, lebten dort keine Muslime und hätten die Banker dort keine Krise erzeugt. Wären wir wirklich achtsam, erkennten wir, dass es ganz anders ist. Wie ein Wunder täte sich die Welt für uns neu auf. Wir erkennten, nicht die Muslime sind das Problem. Die Muslime unterscheiden sich durch nichts von uns Christen oder Buddhisten. Unsere Gedanken und Gefühle über Muslime sind unser Problem, sie machen uns ärgerlich und unzufrieden. Die Muslime selbst sind genauso engstirnig, verbittert, glücklich, ehrgeizig, zufrieden und unzufrieden wie wir. Es gibt keinen Grund, uns über sie zu ärgern. Wir erkennten, nicht die Banker haben die Finanzkrise verursacht, sondern wir alle. Wir alle sind die Gesellschaft, die Gewinnsucht und die Finanzkrise.

Ich hätte nicht recht, werden Sie sagen. Versuchen Sie, nur zwölf Stunden täglich achtsam zu sein, antworte ich, dann sehen wir weiter.

Das ist das Wunder der Achtsamkeit: Ich entdecke plötzlich die Welt völlig neu! Solange ich das nicht getan habe, bleibt sie verborgen. Ein unachtsamer Mensch ist wie ein Blinder, der das Wunder des Sehens nicht erkennen kann.

Es stellen sich zwei Fragen. Die erste ist wohl, ob das überhaupt stimmt, was ich sage. Die einzige Möglichkeit, diese Frage zu beantworten, ist, dass Sie es selbst herausfinden. Aber wozu sollten Sie das tun, wenn es doch sicher Jahre dauert zu lernen, ständig achtsam zu sein? Eine Begründung könnte sein, dass der Buddha gelehrt hat, ohne Achtsamkeit könnte man nicht dauerhaft glücklich, gelassen und zufrieden werden. Sind wir das?

Wenn man darauf vertraut, dass es stimmen könnte und man Achtsamkeit lernen möchte, ergäbe sich die zweite Frage: Wie erreicht man diesen Zustand?

Der Buddha hat gelehrt, es braucht sieben Fähigkeiten, um sich zu erleuchten. Man wird nämlich nicht erleuchtet. Niemand erleuchtet einen. Man kann sich nur selber erleuchten. Man kann nur selber von einem unbewussten, von einem ‚schlafenden' Menschen zu einem ‚Erwachten' werden. Niemand weckt uns auf, wenn wir das nicht selber tun. Manches Mal helfen äußere Ereignisse: eine schwere Erkrankung, eine Geburt, ein Unfall, ein Sonnenaufgang in den Bergen. Aber letztlich sind wir es immer selber, die erwachen.

Wenn man in seinem Denken so weit gekommen ist, wenn man im Leben schon so lange gelitten hat und unzufrieden war, dass man den Weg des Buddha versuchen möchte, der nichts mit Glauben und mit Göttern zu tun hat, sondern vor allem mit dem eigenen Ärger und der eigenen Unzufriedenheit, ergibt sich das nächste Problem: Wie und wie lange muss ich diese sieben Fähigkeiten zur Erleuchtung üben, zu der die Achtsamkeit die erste und wichtigste ist?

Was ist rechte, also richtige Achtsamkeit? Über die Straße zu gehen, völlig achtsam, sich glasklar aller eigenen Gedanken und Gefühle bewusst sein – und dabei überfahren zu werden, kann ja nicht das Ziel sein. So wird es der Buddha nicht gemeint haben. Es gibt vier Grundlagen der Achtsamkeit, man kann sie täglich üben, wie ein Gebet.

Die erste Grundlage der Achtsamkeit ist der Körper. Dieser kann stehen, gehen, sitzen und liegen. Mehr kann er nicht, der Körper. Wenn ich am Bahnsteig stehe und auf die U-Bahn warte, ist es die Achtsamkeit auf den Körper, mit der ich mir bewusst bin, dass ich stehe. Man kann sich auch noch anderer körperlicher Wahrnehmungen bewusst sein, zum Beispiel, dass man atmet. Dass man einatmet und ausatmet. Und dass zwischen Einatmung und Ausatmung eine Pause ist. Und dass die Einatmung einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat und dass dann der Anfang und die Mitte und das Ende von der Pause dazwischen kommt und danach der Anfang und die Mitte und das Ende von der Ausatmung und danach wieder der Anfang und die Mitte und das Ende von der Pause dazwischen und so weiter und man wird bemerken, dass das alles ziemlich rasch geht und dass man das ziemlich selten wirklich bemerkt und dass man sich all dessen ziemlich selten bewusst ist. Genauso wenig, wie all der Gedanken, die wir ständig haben und die auch jeweils einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Und all der Gefühle, Reaktionen und aller anderen Inhalte im Geist, die in uns ständig ablaufen.

Das sind nämlich die anderen Grundlagen der Achtsamkeit: die Gefühle, Reaktionen und alle anderen Inhalte im Geist. Aber uns gelingt es ja nicht einmal, sich des eigenen Atems ständig bewusst zu sein oder dass wir stehen, gehen, sitzen oder liegen. Die Königsübung dafür heißt Vipassana. Das ist die Methode der Sitzmeditation, bei der man versucht, achtsam auf den Atem zu sein und von dort ausgehend auf alle anderen inneren Phänomene. Der Buddha hat sie als Erster beschrieben, als er der Geschichte nach unter einem Bodhi-Baum im Wald sitzen geblieben ist, bis er sich, also seinen Geist, erleuchtet hat. Er beschrieb das als nicht ganz einfach. Eine gelegentliche Übung wird daher meist nicht reichen. 14 Stunden täglich und das nicht nur ein oder zwei Tage, sondern, so wie der Buddha, zumindest eine Woche am Stück kann günstiger sein. Wie lange es dauert, um zu Resultaten zu kommen, muss jeder für sich selbst herausfinden. Phasen intensiver Übung können mit weniger intensiven abwechseln. Sich ständig aller inneren Vorgänge im Körper und Geist bewusst zu sein ist nicht leicht. Man nennt das auch Gewahrsamkeit, eine völlig absichtslose und nicht anstrengende, einen selbst 24 Stunden täglich begleitende Achtsamkeit.

Beginnen kann man, indem man mehrmals täglich versucht, auf den Körper und seine vier Stellungen, das Stehen, Gehen, Sitzen und Liegen, achtsam zu sein. Danach entsteht allmählich die Achtsamkeit auf die Gefühle, Reaktionen und alle anderen Inhalte im Geist. Auch das kann man immer wieder üben. Die tägliche Übung der Achtsamkeit kann wie ein Gebet sein.

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