Stress ist ein bewährter Reaktionsmechanismus auf mögliche Gefahrensituationen. Fatal wird es aber, wenn Tieren wie Menschen die einzigen zwei Handlungsmöglichkeiten unterbunden werden.Der computeranimierte Film ‚Ice Age' aus dem Jahr 2002 wird von einem nervös einer Eichel nachjagenden ‚Säbelzahneichhörnchen' eröffnet. Da es diesem fiktiven Urnagetier trotz manischer Aktivität nicht gelingt, das begehrte Objekt in seinen Besitz zu bekommen, und sich ihm immer wieder neue Hindernisse in den Weg stellen, kann man die Eskalation der Stressphänomene gut beobachten: Die Pupillen erweitern sich, das Fell sträubt sich (dem entspricht beim Menschen die sogenannte Gänsehaut), durch Ausschüttung von Adrenalin werden die Reaktionen des Tierchens noch schneller, weswegen auch die Durchblutung steigen muss und damit seine Atemfrequenz.
Nachdem die jeweilige Gefahrensituation überwunden wurde, kommt es zu einem sichtbaren Erschöpfungszustand, bei dem der Körper regenerieren sollte, um das Übermaß an verbrauchter Energie zu kompensieren. Doch in diesem Film bleibt dem Nager keine Zeit dafür und er wird sofort von der nächsten kritischen Situation bedroht.
In einer Zeichentrickwelt ist das durchaus lustig, im realen Leben wäre das jedoch tödlich.
Bewusst oder unbewusst haben sich die Zeichner bei der Gestaltung von ‚Scratch', wie dieses Urzeitlebewesen genannt wird, an einem Tier orientiert, das noch immer in den Waldgebieten Südostasiens lebt und sich auch so verhält: das Tupaia, ein Tier aus der zoologischen Ordnung der Spitzhörnchen.
Dessen Vorfahren bildeten vor circa 90 Millionen Jahren eine Gruppe, aus der sich später die Primaten und damit die Menschen entwickelten.
Tupaias sind zu bevorzugten Versuchstieren für Stressforscher geworden, weil sie nicht nur leicht in Stress geraten, sondern weil man ihnen diesen durch die vielen Signale, die sie aussenden, außerdem auch noch leicht ansieht. Unter sozialem Druck richten sich ihre Schwanzhaare zur buschigen Bürste auf. Das Ausmaß und die Tagesdauer der Sträubung werden sogar zu einem ‚Schwanzsträubwert' (SST) verdichtet und als direktes Stressmaß herangezogen.
In freier Wildbahn verteidigen diese Spitzhörnchen ein mehrere tausend Quadratmeter großes Revier. Männliche Eindringlinge werden sofort attackiert und der Kampf ist meist innerhalb weniger Sekunden oder Minuten entschieden. Der Verlierer verlässt umgehend das Gebiet und kehrt dorthin auch nie mehr zurück.
Schwerwiegend sind jedoch die Folgen für das Tupaia, wenn ein Rückzug nicht möglich ist.
Der deutsche Verhaltensforscher Dietrich von Holst hat in den 1960er Jahren Tupaias in Gefangenschaft untersucht und musste dabei feststellen, dass die Tiere nicht wie andere Versuchstiere zu halten sind: Bei Anwesenheit eines fremden Artgenossen im Gehege beginnt sofort der Angriff. Der Unterlegene flieht in einen geschützten Winkel, wo er sitzen bleibt und den Sieger bei allen Bewegungen beobachtet. Wird der Verlierer hungrig, dann wagt er sich für kurze Zeit aus seiner Ecke heraus und läuft zum Futternapf. Obwohl sich der Sieger überhaupt nicht mehr für den dominierten Mitbewohner im Käfig interessiert, ist dieser nach wenigen Tagen tot. Bei der Obduktion fand von Holst zu seiner Überraschung heraus, dass der Verlierer keine Verletzungen zeigte und sein Magen auch mit ausreichend Nahrung gefüllt war. Trennte man aber den Käfigteil des Unterlegenen durch eine undurchsichtige Wand ab, dann lebte das Tierchen normal weiter. Bei Sichtkontakt durch ein Gitter hingegen starb es wie seine Vorgänger offenbar aufgrund der von ihm nicht bewältigbaren Angst. Durch die permanente sichtbare Präsenz des Siegers starben die Tiere an Harnstoffvergiftung infolge eines Nierenversagens, ausgelöst durch übermäßigen Stress.








