Wie sich durch die Einführung der tierischen Brutpflege das komplexe menschliche Sozialverhalten entwickelt hat und warum wir trotz größter Selbstaufopferung Kinder bekommen.
Unermüdlich fliegen im Sommer Rauchschwalben in ihren charakteristischen Lehmnestern unter den Dachgiebeln alter Bauernhöfe ein und aus. Wer sich die Zeit nimmt, diese mit Sonnenaufgang beginnenden und erst mit Sonnenuntergang endenden Aktivitäten der beiden Schwalbeneltern zu beobachten, wird bald feststellen, dass die Aufzucht der Vogeljungen für die Eltern extreme Schwerarbeit bedeutet. Zu zweit werden täglich 250 bis 350 Futterportionen, die aus bis zu zwanzig Insekten bestehen, ans Nest gebracht. Bis zu dem Zeitpunkt, wo der Schwalbennachwuchs flügge wird und sich selbst versorgen kann, muss er von seinen Eltern circa 6.000 Mal gefüttert werden. Um diese Leistung zu erbringen, steigert sich der Grundumsatz bei diesen Vögeln um das Vierfache, während sie in dieser Phase der Aufzucht zwischen 10 und 20 Prozent ihres Körpergewichts verlieren.
Warum tun sich diese Tiere das an, möchte man sich als Mensch angesichts dieser aufopfernden Selbstlosigkeit fragen. Aber sieht es bei uns so anders aus? Eine Studie des deutschen Statistischen Bundesamts zeigte, dass die tägliche Kinderbetreuung deutlich mehr Zeit beansprucht, als ein erwerbstätiger Erwachsener an seinem Arbeitsplatz verbringt.
Den jährlich für Betreuung, Versorgung und Ausbildung des Nachwuchses aufgewendeten ca. 2.000 Stunden stehen ‚nur' etwa 1.500 Arbeitsstunden gegenüber. Also auch menschliche Eltern investieren sehr viel, bis ihre Kinder ein eigenständiges Leben führen können, und stellen sich damit an die Spitze der evolutiven Entwicklung zur Brutpflege. Warum lohnt sich dieser Aufwand?
Brutpflege umfasst aus biologischer Sicht sowohl den Bau von Nestern wie im Weiteren das Hüten der Eier, die Versorgung vor (z.B. Nahrungsreservoir in Form von Dotter) und nach dem Schlüpfen (Füttern mit Nahrung) sowie schließlich auch den sozialen Beistand, den Eltern leisten, indem sie die Jungtiere gegen Räuber verteidigen.
Betrachten wir entwicklungsgeschichtlich ältere Wirbeltiere wie zum Beispiel Fische, dann finden sich in dieser Tiergruppe vergleichsweise nur wenige Beispiele für Brutpflege. Meistens geben die Weibchen unbefruchtete Eier direkt ins Wasser ab, die dort von den Männchen besamt werden. Damit es zu erfolgreichen Befruchtungen kommt, bedarf es aber einer sehr großen Menge des Laichs. Bei jenen Arten, die bei der Fortpflanzung auf eine hohe Reproduktionsrate setzen, geht die elterliche Investition ausschließlich auf Kosten körperlicher Substanz, die für die energieintensive Herstellung der zahlreichen Ei- und Samenzellen benötigt wird. Viele dieser Tierarten – wie zum Beispiel Lachse – sterben deswegen auch nach der Eiablage. Diese in der Ökologie ‚R-Strategen' genannten Lebewesen erzeugen sehr viele Nachkommen, investieren jedoch wenig in die Aufzucht, mit der Folge, dass nur ein geringer Teil der Brut überlebt. Solche Arten sind auf diese Weise aber in der Lage, neue Lebensräume rasch zu besiedeln.
Dem gegenüber steht die sogenannte ‚K-Strategie': Ist für eine Population bereits die Kapazitätsgrenze eines bestimmten Lebensraumes erreicht, dann wäre eine Massenvermehrung nur mehr Verschwendung. Da in diesem Fall die Anzahl der Individuen nahezu konstant bleibt, ist es aus evolutionärer Sicht effizienter, durch stärkere Betreuung des Nachwuchses dessen Überlebensrate zu erhöhen. Solche Arten konzentrieren ihre Ressourcen auf wenige Nachkommen, die dann auch eine höhere maximale Lebenserwartung haben.
Der US-amerikanische Biologe James Carey sieht in der ‚Einführung' der Brutpflege den entscheidenden evolutiven Sprung von den Dinosauriern zu den Vögeln. Während die reptilienartigen Dinos ihre Eier in Nester am Boden legten und ihrem Schicksal, sprich Räubern und Temperaturschwankungen, überließen, sollen die Vorläufer unserer heutigen Vogelarten zum Bewachen ihrer Gelege und zum Brüten übergegangen sein. Dies würde laut Carey auch die Entwicklung des wärmenden Federkleides erklären. Die geschlüpften Jungtiere wurden von ihren Eltern in Nestern auf niedrigen Pflanzen versteckt. Da diese Nestbauten mit der Zeit immer höher angelegt wurden, machte dies zunehmend das Gleiten und Fliegen für diese Tiere notwendig.
Die Konsequenzen dieses ‚neuen' parentalen Verhaltens verhalfen den Säugetieren, einschließlich uns Menschen, dann zu ihrem Ausbreitungserfolg auf der Erde.








