Nein, die gibt es nicht. Buddha hat seine Lehre für ganz normale Menschen verkündet, nicht für monströse Typen wie diesen jungen Mann. Der Täter stellt sich gegen jegliche menschliche Norm, in diesem Sinne ist er verrückt, wenngleich nicht wahnsinnig. Er kann offensichtlich ganz klar und logisch denken. Doch auch wenn es keine buddhistische Sicht auf diese Schreckenstat gibt, lässt sich aus der buddhistischen Erfahrung doch etwas dazu sagen. Es wird gemutmaßt, dass rechtsradikales Gedankengut ursächlich für seine Tat verantwortlich ist. Zweifelsohne ist es richtig, dass das eine Rolle spielt, die einzige Ursache wird es wohl nicht sein. Ich vermute, diese liegt zusätzlich auch im Bewusstsein und im Gefühlsleben des Täters. So wie man geisteskrank oder körperlich krank sein kann, scheint er ein gestörtes ‚Fühlen' zu haben, er dürfte mit seinen Gefühlen nicht in Kontakt sein.
Ich schließe das aus seinem Verhalten zur Tatzeit. Wenn ich mir auch noch vorstellen kann, dass man sich total in irrationale Gedankenwelten verliert, sich in Machtfantasien ergeht, so kann ich den Augenblick der Tat, als seine absurden Fantasien real wurden, nicht mehr nachempfinden.
Im Augenblick, als die erste Bombe hochging, war seine Gedankenwelt in der Realität angekommen und jetzt entsteht neben allem anderen das für mich völlig Unverständliche.
Jeder von uns kennt Momente, in denen man sich irgendetwas ausmalt, etwa in einem öffentlichen Vortrag etwas ganz besonders Intelligentes sagen oder einem stärkeren Gegner gegenübertreten oder bei einer Prüfung glänzen zu wollen.
Solange man das nur für sich selbst denkt, kann man noch Ruhe bewahren. Doch im Augenblick des nach ‚Außentretens' entsteht ein Gefühl in einem selbst. Man ist aufgeregt, der Körper fühlt sich eventuell flau oder heiß an oder in irgendeiner anderen Form ungewöhnlich. Die Stimme kann zittern und vieles andere mehr. Scheinbar nicht so bei ihm.
Er bleibt völlig gelassen, er steigt in sein Auto, fährt zu dem Camp, begehrt ganz ruhig Einlass, ruft all die jungen Menschen zu sich. Den Berichten nach, kann er ganz klar und unaufgeregt reden und agieren. Aber das ungewöhnliche Ereignis, das in einem ganzen Volk die Gefühle hochgehen ließ, muss auch in ihm ein enormes Gefühl ausgelöst haben. Der Unterschied zu den anderen ist: Er hat es nicht gespürt.
Auch uns ‚normalen' Menschen passiert so etwas immer wieder. Weniger intensive Gefühle sind uns nicht bewusst. Auch die meisten von uns können sich in das Leiden der betroffenen Menschen emotional nicht ganz hineinfühlen. Das ist nicht leicht. Doch er hat auf diese jungen Menschen geschossen. Nicht in der Eruption eines lange unterdrückten Gefühls, wie bei einem Amokläufer, sondern völlig gefühllos, wird berichtet. Er hat sein eigenes Leiden und das seiner Opfer offenbar nicht gespürt. So absurd es klingen mag: Er sagt, er wollte etwas Gutes tun. Er wollte sein Land, sein Abendland retten. Noch am nächsten Tag wollte er seine Botschaft verkünden, noch immer hat er seine eigene Tragik und jene seiner Umwelt nicht gespürt. Er ist und war von seinen Gefühlen völlig abgespalten. So wie man einem Blinden nicht vorwerfen kann, dass er nicht sehen kann, kann man ihm nicht vorwerfen, dass er nicht fühlen kann. Das ist keine wie immer geartete Entschuldigung für seine Tat. Er gehört, so lange er fähig ist, so etwas wieder zu tun, weggesperrt. Aber er ist vermutlich so nicht auf die Welt gekommen. Seine Vergangenheit kennen wir nicht. Wir wissen daher nicht, ob er als Jugendlicher emotional verwahrlost war, ob er stundenlang geschrien hat als Baby und niemand hat ihn aufgenommen oder ob er vielleicht missbraucht wurde. Das alles wäre keine Entschuldigung für seine Tat, aber eine Erklärung für seine Gefühllosigkeit. Vielleicht war es für ihn als Kleinkind irgendwann lebensnotwendig, seine Gefühle von sich ‚abzusprengen'. Vermutlich weiß er nicht einmal, wie das geschehen ist.
Und es zeigt noch etwas: die enormen geistigen Kräfte, die in uns Menschen stecken, und wozu sie fähig sind. Es sind die gleichen, die in anderen Menschen zu Auschwitz geführt haben, zu den Roten Khmer, zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und zu so vielen anderen Schrecknissen der Menschheitsgeschichte. Für all das gibt es Ursachen: Eine liegt offensichtlich im extremen Gedankengut, eine andere aber darin, dass die Täter die Zusammenhänge nicht begriffen, nicht gefühlt und nicht erkannt haben, was sie sich und anderen antun. So wie Anders Breivik sitzen heute viele junge Menschen stunden- oder tagelang vor ihren Computern, versinken in virtuellen Welten – und spüren sich nicht. Trotzdem führt ihre ‚Störung' in keine Katastrophe. Aber so wie wir im Bereich der politischen Extremismen aufpassen und den Anfängen wehren müssen, sollten wir auch alle, besonders junge Menschen vor ihren Computern darauf achten, wie gut oder schlecht sie sich selbst spüren können, wie sehr sie bereits in virtuelle Welten abgeglitten sind.
Wir alle leben in einer sich immer rascher drehenden, immer komplizierter werdenden Welt. Sensibel und offen zu bleiben, erscheint schwieriger denn je. Aber es ist nötig, sensibel zu sein, sehr wichtig sogar. Das zeigt wieder einmal dieser monströse Fall des Anders Breivik. Wie sehr sind wir ihm näher, als wir das ahnen?
So wie ein ernstes äußerliches Symptom auf eine darunter liegende schwere Krankheit deuten kann, deutet vielleicht der Fall Breivik auf eine darunter liegende Störung in unserer Gesellschaft?







