Das Phänomen der Mouches volantes wird in unserer Kultur vorwiegend im Einklang mit der modernen medizinischen Sicht verstanden, wo es als „Glaskörpertrübung" gilt. Die Sichtung bildlichen Materials aus früheren und aussereuropäischen Kulturen offenbart jedoch immer wieder abstrakte Zeichen, die den typischen Strukturen der Mouches volantes ähneln. Dass Mouches volantes womöglich als spirituelles Phänomen gedeutet wurde, lässt auf eine Wahrnehmungsdimension des Phänomens schliessen, für die die moderne Medizin bis heute kein Interesse zeigt (Tausin 2010; 2006b). In diesem Artikel werden Mouches-volantes-Formen in der Bilderwelt Mesopotamiens vorgestellt, der Wiege der Zivilisation in Vorderasien.
Als die Menschen vor 10'000 Jahren allmählich von nomadischen Lebensformen zur Sesshaftigkeit und Ackerbau übergingen, legten sie die Grundlage für die ersten Hochkulturen der Geschichte. Eines der frühesten Gebiete, in denen ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. städtische Gemeinschaften und Grossreiche entstanden, ist das Land an den beiden Flüssen Euphrat und Tigris im heutigen Irak, von den Griechen „Zwischenstrom(land)" (Mesopotamien) genannt. Jahrtausendelang war dieses Land ein Schmelztiegel unterschiedlicher Völker und Kulturen, die Dynastien gründeten, durch Kanäle bewässerte Felder bestellten, Handel trieben, Kunsthandwerk verrichteten, den Göttern opferten und Eroberungsfeldzüge durchführten. Sumerer, Assyrer, Babylonier, Hethiter, Hurriter und andere Völker hinterliessen Bauwerke, Stelen, Tontafeln, Rollsiegeln, Malereien, Keramiken und Metallarbeiten aus Bronze und Eisen, die von einer bewegten Geschichte erzählen – und zuweilen Formen und Symbole enthalten, die an entoptische Erscheinungen erinnern. Könnten Aspekte der Kulturen Mesopotamiens durch die Wahrnehmung von Mouches volantes beeinflusst sein?
Schamanen in Mesopotamien?
Entoptische Erscheinungen können durch bewusstseinsverändernde rituelle Ekstasetechniken hervorgerufen und verstärkt werden (Tausin 2010a/2008). Solchen Techniken wurden wahrscheinlich bereits zur Zeit des Jungpaläolithikums (ab ca. 40'000 v. Chr.) vom modernen Homo sapiens genutzt, wovon die abstrakten geometrischen Zeichen in den europäischen Höhlenmalereien zeigen könnten (Dowson/Lewis-Williams 1988; Clottes/Lewis-Williams 1997). In den Religionen Mesopotamiens gibt es nur wenige Hinweise auf bewusstseinsverändernde Praktiken. Die Religion bestand in der rituellen priesterlichen und individuellen Verehrung einer Reihe von oft menschlich gedachten und hierarchisch gegliederten Göttern und Göttinnen, repräsentiert als Kultbilder und Statuen in den ihnen gewidmeten Tempel. Das Verhältnis zu den Gottheiten war distanziert und von Ehrfurcht charakterisiert, die Götter wurden mit Gefühlen des Staunens und der Machtlosigkeit angesprochen. Durch Wahrsagerei und die Entdeckung von Omina (Vorzeichen) in der Natur versuchte man, die Absichten der Götter für das eigene Schicksal oder den Staat in Erfahrung zu bringen (Hrouda 1997; Ringgren 1979). All dies spricht nicht eben für den Charakter eines schamanischen aktiven „Ringens" um Erkenntnis und Heilung. Einige der magischen Handlungen, mythischen Vorstellungen und Darstellungen in der mesopotamischen Kunst der Grossreiche (ab ca. 3000 v. Chr.) könnten jedoch von einem altorientalischen Schamanismus zeugen, der später auch zentralasiatische und sibirische Schamanen beeinflusst hatte (Eliade 1957). Ob diese Elemente auf jungsteinzeitliche Praktiken des aus Afrika einwandernden Homo sapiens zurückgehen – wie die geometrischen Muster auf den Keramiken der vordynastischen Kulturen von Halaf und Obed (ab 6500 v. Chr.) nahe legen – oder aber durch später einwandernde indogermanische Völker aus Zentral- und Ostasien importiert wurden (Walter/Fridman 2004) muss hier offen bleiben.
Schamanische Elemente in der Zeit der mesopotamischen Dynastien
Ein in der schamanischen Vorstellungswelt und Praxis verbreitetes Thema ist beispielsweise die Reise in die Unterwelt, die in Mesopotamien ihre Parallele in den Unterweltsreisen der Göttin Inanna oder des Enkidu, König Gilgameschs Freund und Diener, finden (Ringgren 1979; vgl. Walter/Fridman 2004). Auch die mesopotamische Medizin könnte schamanische Elemente enthalten haben. Denn Krankheit wurde häufig als das Wirken von Dämonen oder als Werk der Hexerei durch andere Menschen verstanden. Und wenn die individuellen Beschwörungsformeln und Amulette zur Abwehr von Dämonen offensichtlich versagten, hatte der Beschwörungspriester meist Vorrang vor dem Mediziner, der mit Kräutern und Salben heilte (Lawson 2004; Hrouda 1997). Dabei wiesen die Heilrituale in ihrer Performanz mit trommelartiger Musik und wirbelndem Tanz Aspekte schamanischer Praxis auf (vgl. Bryce 2002) – wobei vielleicht auch eine (für den sibirischen Schamanismus typische) Rahmentrommel verwendet wurde, die nach Ansicht einiger Forscher durch die Sumerer ins Zweistromland gebracht worden ist (Walter/Fridman 2004). Andere sehen im „Kraut der Unsterblichkeit", wonach König Gilgamesch im berühmten gleichnamigen Epos suchte, einen Hinweis auf einen „entheogenen" (psychedelischen) Schamanismus (Walter/Fridman 2004). Nach Rätsch 2004 wurden bewusstseinsverändernde Pflanzen wie Hanf, Haschisch, Weihrauch, Alraune (evtl. im Wein), Tollkirsche und Bilsenkraut (im Bier) im Ritual und in der Medizin verwendet.
Weltenberg, kosmische Säule, Lebensbaum
Die oft mit dem Schamanismus in Zusammenhang stehende Vorstellung eines Zentrums der Welt, das die drei kosmischen Sphären Himmel, Erde und Unterwelt verbindet – meist ein Berg, eine Säule bzw. Achse oder ein Baum –, ist in vielen alten Kulturen verbreitet und geht wahrscheinlich auf prähistorische Vorstellungen zurück (Eliade 1957). In der Architektur und darstellenden Kunst Mesopotamiens begegnen uns solche Phänomene. Die Zikkurat beispielsweise, ein für mesopotamische Städte charakteristischer Stufenturm mit Tempel, könnte gemäss einem Hymnus an den Ekur-Tempel als Kopie des kosmischen Berges aufgefasst worden sein (Ringgren 1979). Nach Mircea Eliade (1957) steht die Zikkurat zudem mit der mystisch-schamanischen Zahl sieben in Verbindung: die sieben unterschiedlich gefärbten Stockwerke der Zikkurat symbolisierten die sieben himmlischen Regionen.
Mesopotamien machte zwar wenig architektonischen Gebrauch von Säulen. Doch auf Reliefs und Rollsiegel werden immer wieder freistehende Säulen, Stangen, Pfosten oder Pfähle dargestellt. Manche von ihnen münden oben in Speerspitzen oder Tierköpfe, andere in abstrakte Kreissymbole. Sie alle repräsentieren Gottheiten (vgl. Handcock 1912), wobei die Säulen mit Kugelsymbolen meist Standarten für astrale Gottheiten wie Utu (sumerisch) oder Schamasch (akkadisch) sind (vgl. Chochrane, Suns and Planets, n/a; Mesopotamian man, n/a).

Bild 1: Säulen mit Symbolen für Gottheiten. Detail aus der Stele Asarhaddons aus Zincirli (Quelle: Uehlinger 2000).
Paarweise aufgestellte Säulen oder Pfosten mit doppelmembranigen Kugeln flankieren oft Eingänge in Tempel oder Städte.

Bild 2: Tempeldurchgänge mit kreisrunden doppelmembranigen Scheiben (Quelle: Sitchin 1999)
Von dieser Sitte berichtet auch das Alte Testament bei König Salomos Bau des Tempels zu Jerusalem: Er liess vor den Eingang zwei Säulen namens „Jachin" und „Boas" aufstellen, oben mit Knauf und „hundert Granatäpfel" in einem Gitterwerk (2. Chronik, 3.14-17). In anderen Darstellungen weisen die Säulen mehrere Kugeln auf, die mit menschlichen Gestalten oder Gegenständen in der Umgebung verbunden sind.

Bild 3: Devotionale Szene: Ein Gläubiger zwischen zwei Gottheiten. Links und rechts befinden sich Säulen mit Kugeln, Speerspitze und Mondsichel. Unbekannte Herkunft, ca. 8. Jh. v. Chr. (Quelle: Uehlinger 2000)
Andere Säulen wiederum bestehen nur aus Kugeln:

Bild 4: Syrisch-hethitisches Rollsiegel: Die kanaanäischen Götter der Abend- und Morgenröte, Schahar und Schalim stehen um eine kosmische Säule aus Kugeln (Quelle: Du Mesnil du Buisson 1973).








