ursache.at

03. September

Letztes Update:10:12:56

HOME > Bewusstsein > Leben > „Eat Pray Love"

über die psychotherapeutische Bedeutung

„Eat Pray Love"

UW76SSP-Eat_Pray_LoveElizabeth Gilbert erzählt in dem Buch über ihr Leben als 30-Jährige: Liz hat alles, was eine gebildete amerikanische Frau haben muss: einen guten Job, einen Ehemann, ein schönes Haus und gute Freunde. Dennoch wird ihr bewusst, dass sie ein Leben führt, das nicht ihren Bedürfnissen und Wünschen entspricht. Seit Jahren erfüllt sie fremde Erwartungen und ihr Verhalten ist geprägt von sozialen Vorstellungen.

Sie macht sich auf die Suche nach seelischer und spiritueller Heilung. Geschieden und unglücklich lässt sie ihr bisheriges Leben hinter sich und geht ein Jahr lang auf Reisen. Zuerst nach Italien, wegen des angenehmen Lebensgefühles, dann nach Indien zur spirituellen Erweiterung und schließlich nach Bali, um beides miteinander zu verbinden.

Was hindert uns daran, uns selbst zu verwirklichen? Die Gestalttherapie nennt als Haupthindernis, dass wir eine Vorstellung von uns leben wollen. Das Leben wird damit dem Versuch geopfert, das Bild zu verwirklichen, wie wir glauben, sein zu sollen. Dieses Ich-Ideal ist ein Zukunftsentwurf und wenn diese Erwartungen zu weit von der eigenen Realität entfernt sind, kann etwa wie bei Liz eine angespannte Situation mit depressiven Einbrüchen entstehen. Weil wir uns abmühen, so zu werden, wie wir gerne sein möchten oder wie andere uns gerne hätten, verlieren wir den Kontakt zu unserem gegenwärtigen Gefühl, zu dem uns entsprechenden Weg.

In der Selbstverwirklichung geht es nun darum, das zu verwirklichen, was in uns angelegt ist. In jedem von uns ist eine Kraft (das personale Selbst), die unsere Entwicklung fördern und unterstützen kann, wenn der Zugang dahin nicht blockiert ist.

Der bekannte Psychotherapeut Donald Woods Winnicott führte gemeinsam mit Kollegen zum besseren Verständnis therapeutischer Prozesse die Begriffe ‚wahres Selbst' und ‚falsches Selbst' ein.

Unter ‚falschem Selbst' verstehen sie die Fassade oder die ‚Als-ob-Persönlichkeit', das sozialisierte Selbst, das durch überstarke Anpassung an Rollenerwartungen auf Kosten der eigenen stabilen Identität entstanden ist. Man kann sich dieses wie einen Panzer vorstellen, der das Selbst schützen will. Dieser Panzer ist durch chronische seelische Verletzungen entstanden. Dadurch frieren wir Gefühle ein, verschließen uns, um dieses seelische Leid nicht noch einmal erleben zu müssen.

Wodurch entstehen solche ‚Panzer'?

Oft sind es seelische Verletzungen, die durch schwierige Sozialisationserfahrungen entstanden sind, wie etwa zu wenig fürsorgliche Eltern. Denn zur Entwicklung seiner emotionalen, kognitiven undUW76SSP-Eat_Pray_Love2 sozialen Fähigkeiten braucht man das ‚Entgegenkommen' seiner Mit- und Umwelt. Dieses muss den entwicklungsbedingten Bedürfnissen entsprechen. So braucht etwa ein Säugling liebevolle Berührung und Beruhigung, wohingegen ein älteres Kind vielleicht eine Erklärung benötigt. Fehlt es an Liebe, Geborgenheit und verlässlicher Zuwendung, so kommt es zu Defiziten. Lang anhaltende Defizite im emotionalen und körperlichen Kontakt führen zu mangelnder Selbstbestätigung und verhindern das Entstehen von Vertrauen und Selbstsicherheit. Es entsteht das Gefühl: „Ich bin nichts wert, ich habe keine Berechtigung zu leben, ich kann den Menschen nicht vertrauen." Diese Defizite brauchen Nachbeelterung und Nachnährung in der Psychotherapie sowie im Leben.

Von konflikthaften Ereignissen sprechen wir, wenn dem Menschen etwas passiert ist, das ihn seelisch einschneidend geschädigt hat, wie etwa seelische und körperliche Grausamkeit, Scheidung der Eltern oder Tod eines Elternteils. Dies kann Ängste, Wut, Verwirrung und Hass auf den eigenen Körper auslösen. Da diese Gefühle häufig nicht ausgedrückt werden konnten oder durften, geht es in der Psychotherapie darum, Platz für die unausgedrückten Gefühle zu schaffen.

Wenn es über einen längeren Zeitraum immer wiederkehrende Unstimmigkeiten im sozialen Umfeld eines Menschen gibt, dann sprechen wir von chronischen Konflikten. Dadurch ist die Psyche in einen dauerhaften Spannungszustand versetzt, so dass es nicht mehr möglich ist, Ruhe und inneren Frieden zu finden. Erst wenn diese unbewussten Gefühle und Spannungen aktiviert und ausgedrückt werden, kann sich wieder Entspannung und eine gesunde Lebensbalance einstellen.

Sich selbst zu finden und zu verwirklichen, heißt schließlich, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, ihre Bedeutung zu erfassen und Prioritäten zu setzen, um situationsadäquate Handlungen durchzuführen. Jede/r gibt eigene Antworten auf die Bedingungen des Lebens. Der Religionsphilosoph Martin Buber, der die Gestalttherapie sehr geprägt hat, meint, das Leben sei, wie es sei, aber welche Antwort wir auf die Bedingungen des Lebens geben, das sei unsere ‚Ver-Antwort-ung'.

Das Ziel in unserem Leben ist es, die Verantwortung für das eigene Denken, Empfinden und Handeln zu übernehmen, um seine Möglichkeiten zu wissen und seine Begrenzungen anzuerkennen. Wir erleben uns dann mehr als Wirkende und weniger als Opfer der Umstände.

Das erkennt auch Liz in ihrer Zeit in Italien und findet schließlich den Mut, ihr eigenes Leben zu leben und die Verantwortung dafür zu übernehmen.

Schon in der Bhagavadgita heißt es, es sei besser, sein eigenes Schicksal unvollkommen zu leben, als das Leben eines anderen auf vollkommene Weise nachzuahmen.



Kommentar schreiben