Schmerzhaft vergnüglich kann das Unterrichten in mehrwöchigen Schweigeretreats sein. Einmal haben drei kräftige junge Männer während der Arbeitsmeditationszeit in Windeseile einen dicken, teuren Baumstamm zu Kleinholz zersägt, den die Besitzer nur zufällig auf dem Hof geparkt hatten, bevor er für eine stattliche Summe verkauft werden sollte. Im selben Kurs pinnte einer an das Schwarzen Brett: „Wer hat Lust, sich gegenseitig zu massieren? Komm heute Abend in mein Zimmer Nr. 12." Hans und Renate fanden sich noch, bevor ich den Zettel entdecken konnte!
Wenn der Geist tagaus, tagein nichts anderes übt als Achtsamkeit, baut sich eine innere Sammlung auf, die hin und wieder eigenwillige Pirouetten dreht. Wir sprechen dann von Yogi-Mind, salopp übersetzt: Meditierer-Geist.
Eine klassische Ausprägung von Yogi-Mind ist die Vipassana-Romanze: Mit zart geröteten Wangen und strahlend verdrehtem Blick sitzt ein junger Mann vor mir, der sich noch im letzten Einzelgespräch ausschweifend über die langweilige Atembetrachtung beklagt hat. „Was ist passiert?", möchte ich wissen. „Sie hat beim Mittagessen in der Warteschlange vor mir gestanden und als sie dann zu ihrem Platz gegangen ist, ließ sie ein Taschentuch fallen, direkt vor meine Füße!" Jetzt malt er sich in langen Sitzmeditationen aus, wie er sie zum Ende des Retreats verführen wird. Ebenso klassisch ist die Vipassana-Vendetta, das Fixiertsein auf den Lieblingsfeind: „Ich kann nicht mehr in der Halle sitzen, ich meditiere jetzt in meinem Zimmer. Der Mann vor mir zieht unablässig die Nase hoch, er schnauft und schnorchelt, wo er geht und steht. Ich halte es nicht mehr aus. Er treibt mich in den Wahnsinn."
Das sind die milderen, alltäglichen Versionen von Yogi-Mind. Komplizierter wird es, wenn Yogis glauben, die Lehrer hätten sich gegen sie verbündet: „Ich bin mir sicher, ihr habt den Bauern bestochen, damit er nachts die Kühe mit ihren bimmelnden Glocken vor unserem Schlafzimmer grasen lässt. Und nicht nur das: Die Glocken enthalten eine versteckte Melodie aus den Fünfzigerjahren, die mir etwas sagen soll." In einem Anfall von Yogi-Mind setzte einst eine Teilnehmerin ihre Antidepressiva ab, die sie seit 15 Jahren genommen hatte, und löste damit einen Tsunami in ihrem Nervensystem aus. Ich werde ihre wiederholten Sprünge an meine Gurgel sicher nicht vergessen. Aber am tollsten finde ich die Geschichte von dem Mann, der bei der abendlichen Gehmeditation in aller Ruhe und Achtsamkeit geradewegs in einen Kanal hineinspaziert ist und sich plötzlich bis zum Bauchnabel im Wasser stehend fand. Wir haben Tränen gelacht, als er zum Kursende diese Geschichte erzählte, und eine Frau, die in der Nähe Gehmeditation geübt hatte, fügte hinzu: „Es machte so laut ‚platsch', dass ich dachte: Da ist aber eine große Ente im Wasser gelandet."
Marie Mannschatz, praktiziert Achtsamkeits- und Metta-Meditation seit 1978. Die Gestalttherapeutin und Autorin von Büchern über Meditation lebt und schreibt in Schleswigholstein.Von Jack Kornfield zur Meditationslehrerin ausgebildet, unterrichtet sie seit zwölf Jahren in Europa und den Usa.








