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17. April

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Interview mit Gertrud Backes

Wir brauchen mehr Arbeitsplätze für Rentner

UW78SCHW-Wir_brauchen_mehr_ArbeitsplaetzeWie und warum wir bis ins hohe Alter physisch und psychisch fit bleiben und worin die Fehler des Rentensystems liegen, darüber spricht die renommierte deutsche Soziologin und Altersforscherin Gertrud M. Backes.

U&W: Ab wann gilt man überhaupt als alt?

Backes: In unserer Gesellschaft unterscheiden wir einerseits zwischen Menschen nach der Ruhestands- oder Altersgrenze, die nicht mehr erwerbstätig sind. Die andere Gruppe sind Menschen, die 80-85 Jahre oder älter sind. In diesem Alter setzt verstärkt die Beeinträchtigung durch nachlassende Körperfunktionen und durch häufigeres und/oder längeres Kranksein ein. Demenz nimmt signifikant zu, viele Menschen werden pflege- und hilfebedürftig. Diese Menschen bezeichnen wir in unserer Gesellschaft als alt. Die 60- bis 80-Jährigen definieren sich heute selbst nicht mehr als alt, obwohl sie zur Gruppe der gesellschaftlich als alt definierten Menschen gehören. Hier kommt es also zu einem Auseinanderklaffen der objektiven und der subjektiven Definition.

U&W: Die alten Menschen werden also jünger?

Backes: Wenn wir uns die gestiegene Lebenserwartung im Laufe der Zeit ansehen, ist dies nicht weiter erstaunlich. 60- bis 70-Jährige sind fit in Bezug auf ihre körperlichen Funktionen, ihr gesellschaftliches Engagement und ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Die gängigen Klischees von Alter umfassen die Vorstellung der Hinfälligkeit, des Rückzugs und der Inaktivität. Dieses Bild trifft nicht mehr zu. Auch 70- bis 75-Jährige sind heute normalerweise gesünder als noch vor zwei Jahrzehnten und gesellschaftlich sichtbar aktiver.

U&W: Für viele ältere Menschen ist der Rentenantritt trotzdem das Ende der Produktivität. Woran liegt das?

Backes: Im Hinblick auf die Erwerbstätigkeit trifft dies zu. Aber unter Produktivität können wir auch freiwilliges Engagement, ehrenamtliche Arbeit, das Betreuen der Enkelkinder oder das Betreiben von Freizeittätigkeiten verstehen. In diesem Sinne sind viele weiterhin produktiv. In unserer Gesellschaft wird Produktivität aber an Erwerbstätigkeit gekoppelt.

U&W: Werden die Menschen zu früh in Rente geschickt?

Backes: Durch unser Rentensystem werden die Menschen gezwungen, zwischen 60 und 70 Jahren aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Für viele bedeutet das aber einen Bruch, den sie für sich individuell gar nicht nachvollziehen können, weil sie doch noch fit sind. Dies betrifft allerdings eher Menschen, die sich in privilegierten Berufen befinden und die gesund sind. Wir haben aber ebenso Berufe, in denen körperlich, psychisch und sozial extrem hohe Anforderungen gestellt werden, so dass es auch eine Gruppe gibt, die mit 55 oder 60 Jahren fragt, wie lange sie noch muss, nicht, wie lange sie noch darf.

U&W: Weshalb fallen viele Menschen nach Rentenantritt in ein ‚Loch'?

Backes: Das hängt davon ab, ob wir uns körperlich, geistig beziehungsweise sozial noch in der Lage gefühlt haben, die Erwerbsarbeit weiter zu betreiben oder nicht. Der Beruf ist außerdem stark an soziale Faktoren gekoppelt: die soziale Einbindung und Vernetzung, das regelmäßige Ausgehen, eine geordnete Tagesstruktur neben der sozialen Sicherheit des Einkommens. Durch diese Veränderungen fallen deshalb auch immer wieder jene Menschen in ein sprichwörtliches Loch, die eigentlich den Rentenantritt aus gesundheitlichen Gründen brauchen. Sinnvoll wäre ein gleitender und individuell gestalteter Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand. Folgende Fragestellung wäre sinnvoll: Wie steht der Mensch da in Bezug auf seine Arbeitsfähigkeit, seine Arbeitsbedürfnisse und seine Chancen, dies zu realisieren? Die Antwort darauf sind partielle und gleitende Übergänge, also weichere Formen, um Schock und Verlusterlebnis abzufedern.

U&W: Gibt es solche Modelle schon?

Backes: Ja, in Form von Altersteilzeit. Man arbeitet also einige Jahre vor dem Übergang schon deutlich weniger. Es gibt viele andere Modelle in der Literatur, in der Praxis hat sich bisher leider nur wenig durchgesetzt. Es gibt keine entsprechenden Tarifverträge; die Chance, diese Modelle in den Arbeitsalltag zu integrieren, wird nicht gesehen. Auch für Arbeitgeber scheinen alternative Arbeitsmodelle organisatorisch nur schwer umsetzbar zu sein.



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