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20. Juni

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Im Gespräch über Dalai Lama

Kein Gottkönig, nur ein gütiger Mensch

Schriftsteller und Filmemacher Bruno Baumann, die tibetische Buddhistin Andrea Husnik, Kommunikationsberater Edi Keck, ‚Save-Tibet'-Aktivistin Gerda Königsberger und U&W-Herausgeber Peter Riedl im Gespräch über die Faszination Dalai Lama, den tibetischen Buddhismus und den Mythos Tibet.

Ursula Baatz: S.H. Dalai Lama gehört im Westen zu den allerwichtigsten spirituellen und politischen Gestalten. Was ist die Faszination des Dalai Lama?

Gerda Königsberger: Ich traf den Dalai Lama das erste Mal 1997 bei einer öffentlichen Audienz in Dharamsala. Diese Begegnung hat mich tief beeindruckt. Ich besuchte 1994 Tibet und nach meiner Rückkehr habe ich begonnen, mich für dieses Land zu engagieren. Ich wurde Mitglied des Vereins ‚Save Tibet' und im Rahmen dieser Tätigkeit hatte ich das Glück, mehrere Privataudienzen mit dem Dalai Lama miterleben zu dürfen. Es gibt keine Mauer zwischen ihm und einem selbst, er spricht mit einem, als ob man sich schon ewig kennen würde. Mein Eindruck war, dass er aus Humor, Güte und Wahrhaftigkeit besteht. Das ist für mich der Dalai Lama.

Baatz: Herr Riedl, warum sind so viele Menschen begeistert vom Dalai Lama?

Peter Riedl: Das kann ich gar nicht beantworten. Ich selbst habe begonnen, mich in einer tibetischen Gruppe zu üben, die Tibeter haben ein gewisses Flair und einen gewissen Nimbus, was mir imponiert hat. Ich habe den Dalai Lama dann mehrmals getroffen und ihn als sehr authentische und reife Persönlichkeit kennengelernt. Ich schätze ihn als jemanden, der trotz seiner verantwortungsvollen Position stets menschlich reagiert.

Baatz: Herr Keck, Sie schauen ein wenig skeptisch.

Keck: Grundsätzlich stimmt das. Meine Frau und ich hatten zu meinem 40. Geburtstag eine Privataudienz mit dem Dalai Lama in Dharamsala. Ich kann diese Eigenschaften alle bestätigen: sympathisch, freundlich, warm. Er hat eine halbe Stunde die Hand meiner Frau gehalten – sie schwebte dann aus diesem Raum. Als religiöser Führer ist er also großartig. Der Dalai Lama ist aber Staatsführer und religiöser Führer zugleich. In meinem Verständnis geht das nicht. Seit 2011 gibt es nun endlich einen Premierminister. Der Dalai Lama ist ein PR-Genie, in Sachen tibetischer Buddhismus ist er aber ein völlig versagender Politiker. Er wird in der Politik auch nicht wahrgenommen und Autonomie hat er keine erreicht.

Baatz: Frau Husnik, Sie bezeichnen den Dalai Lama als Ihren persönlichen Lehrer. Warum hat er diesen moralischen Stellenwert im Westen?

Andrea Husnik: Für mich ist er eine spirituelle Autorität, ein Vorbild. Das Authentische liegt für mich darin, dass er umsetzt, was er lehrt. Je mehr ich über den tibetischen Buddhismus studiere, desto mehr bekomme ich eine Ahnung davon, was für ein unglaubliches Wissen in diesem Menschen liegt. Das konnte ich am Anfang noch gar nicht erahnen. Außerdem ist er wahrhaftig, man hat einen persönlichen Zugang zu ihm und fühlt sich einzigartig. Er begegnet jedem Menschen gleich – ob Staatsoberhaupt oder Hotelportier, es ist die gleiche Wertschätzung und Wichtigkeit. Für mich ist er eine Vorbildperson.

Bruno Baumann: Ich habe ihn mehrere Male getroffen und einmal habe ich ihn über einen Monat lang begleitet. Für mich ist er authentisch, er lebt, was er lehrt, das ist es, was Menschen anzieht. Er hat eine einzigartige Biografie, so einen Dalai Lama wird es nie wieder geben – einer, der im alten Tibet wurzelt, als Bauernsohn geboren, mit nichts flüchten musste und dann zu dieser moralischen Institution aufgestiegen ist!

Baatz: Sie waren schon in den 80er Jahren in Tibet, als es noch mehr Freiheiten gab als heute. Wie haben Sie Tibet damals gesehen?

Baumann: Meine erste Erfahrung mit Tibetern war, als ich als ‚Backpacker' durch China reiste und dort vor einer kalten menschlichen Mauer stand. Dann bin ich in tibetische Siedlungsgebiete gereist und bin dort offenen Menschen begegnet, die keine Maske tragen und ihre Gefühle zeigen – das war ein Schlüsselerlebnis. Aber wenn man den Mythos Tibet anspricht, dann reicht dies ja sehr weit zurück, zu der Projektionsfläche aus früheren Zeiten, als es ein verbotenes Land war, in das man nur sehr schwierig gekommen ist.

Baatz: Herr Riedl, welche Bilder verbinden Sie mit dem Mythos Tibet?

Riedl: Mir ist der Mythos eigentlich unklar. Auch was hier hervorgehoben wird. Dass der Dalai Lama zum Portier freundlich ist – das ist doch eine Selbstverständlichkeit. Ich kenne kaum einen Schauspieler oder Politiker, der nicht auch zu einem Portier freundlich ist. Und er kann ja auch sehr unfreundlich werden, wie man weiß. Ich habe einmal gewagt, ihn bei einem Interview zu unterbrechen, und da wurde er sehr unfreundlich. Er ist also spontan und ehrlich, das finde ich gut.

Baatz: Herr Keck, Sie sind Marketingfachmann, Tibet lebt von einer Mythenbildung. Wie kommt dies aus werbetechnischer Sicht zustande?

Keck: Der Hauptgrund für den Mythenstatus Tibets – ob bei den Nazis, in den 68er Jahren oder in der Gegenwart – ist, dass das Land ein unbeschriebenes Blatt ist, in das alles hineinprojiziert werden kann. In Tibet hat der Westen eine Projektionsfläche gefunden.

Riedl: Die Menschen wollen sich diesen Mythos nicht nehmen lassen. Der Dalai Lama hat früher darüber gesprochen, wie es weitergehen könnte, dass er möglicherweise der letzte Dalai Lama sei und dass der nächste anders ausgewählt werden und sogar eine Frau sein könnte. In den letzten Jahren spricht er nicht mehr über solche Themen, weil die Menschen dies gar nicht hören wollen. Sie wollen keine differenzierte Auseinandersetzung. Tibet hat ein Wunderland zu sein.

Baatz: Haben Sie das Gefühl, dass Tibet diesem Mythos entspricht? Es ist ja ein aufregendes Land, sehr fremdartig.

Baumann: Ich persönlich habe wegen der bestehenden Sehnsuchts-Literatur Tibet-Reisen unternommen und schnell gemerkt, dass Tibeter kein Monopol auf Erleuchtung haben und dass nicht jeder Tibeter der Dalai Lama ist. Die Sympathien, die Tibet im Westen hat, werden zum Teil von diesem Mythos genährt.