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22. Oktober

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Wie funktioniert das mit der Macht? Sind wir frei und wollen wir dies überhaupt sein?

Fukushima und die Macht der Zauberlehrlinge

FukushimaMöglicherweise lassen sich in der Frage, welche Art von Katastrophen am effizientesten für die Vernichtung von Menschenleben sorgt, in der Menschheitsgeschichte drei Stadien unterscheiden und möglicherweise stehen wir gerade an der Schwelle zum dritten Stadium.

Das erste Stadium ist das Stadium der großen Naturkatastrophen. Vulkanausbrüche, Erdbewegungen, Sintfluten, heute Tsunamis genannt, oder lang anhaltende Dürreperioden haben in der frühen Menschheitsgeschichte in Verbindung mit großen Pandemien jeweils Hunderttausende Menschen vernichtet.

Das zweite Stadium ist das Stadium der technisch perfektionierten Kriege. Der letzte große seiner Art hat 55 Millionen Menschen ausgelöscht: mehr als je eine Naturkatastrophe zustande gebracht hat.

Das dritte Stadium, das wir jetzt gerade beginnen, ist möglicherweise das der gut gemeinten menschlichen Erfindungen. Die Ernte von Tschernobyl und Fukushima wird sich, wenn wir die Folgewirkungen einberechnen, optimistisch betrachtet, nur auf einige Hunderttausend Menschen belaufen, es könnten aber auch deutlich mehr werden. Interessanterweise sind aber diese Unfälle keine unvorhergesehenen Pannen gewesen, sondern Experten haben laut und deutlich und vergeblich davor gewarnt. Und nicht nur Diktatoren haben die Menschheit in diverse Kernkraftabenteuer gehetzt, sondern das haben auch demokratisch gewählte Volksvertreter zuwege gebracht. Vielleicht ein Anlass, sich mit der Frage zu beschäftigen, welche Mechanismen dazu führen können, dass Macht entsteht, die keiner wollte.

Eine alte Geschichte über einen mexikanischen Fischer, der in aller Ruhe im Schatten sitzt und aufs weite Meer hinausschaut, ist passend. Ein nordamerikanischer Manager, der gerade in dem gleichen Fischerdorf Urlaub macht, kommt mit ihm ins Gespräch über – was sonst – die Arbeit. Gefragt, warum er denn nicht arbeite, meint der Fischer, für heute habe er schon genug gefangen.

„Aber warum fängst du denn nicht ein paar Fische mehr und verkaufst sie dann?"
„Und warum sollte ich das tun?"
„Um ein bisschen Geld auf die Seite zu legen und dir eventuell später ein zweites Boot zu kaufen."
„Aber ich kann doch nicht allein mit zwei Booten hinausfahren!"
„Das nicht, aber du könntest einen zweiten Mann anheuern, noch mehr Fische fangen, noch mehr Geld auf die Seite legen, nach einiger Zeit ein drittes Boot kaufen und wenn du das mehrere Jahre lang gemacht hast, dann könntest du eine eigene Firma haben, mit mehreren Booten, und dann würdest du nicht mehrzu arbeiten brauchen und könntest in aller Ruhe im Schatten sitzen und aufs Meer hinausschauen."
„Aber das mache ich doch jetzt schon", meinte der Fischer und angeblich soll der Manager über diese Antwort noch längere Zeit nachgedacht haben.

Ist dieser Fischer nach der Logik des Wirtschaftssystems, das Stabilität nur durch Wachstum gewährleistet, dazu verurteilt, für immer ein romantischer Einzelfall zu bleiben oder könnte er der Anfang einer stillen Reformbewegung sein, die in einigen Jahrzehnten zu einem Kapitalismus mit menschlicherem Gesicht führen könnte, in dem die Vernichtung von Ressourcen nicht mehr als beiläufiges Nebenprodukt der sehr viel wichtigeren Versorgung von immer fetteren Leuten mit immer mehr immer überflüssigeren Gütern betrachtet wird?

Frust-Frage Nummer 1: Wie frei sind wir, einfach mal auszusteigen?

Die Zivilisationen abendländischer Kulturen haben doch die individuelle Freiheit quasi in allen Grundrechtskatalogen eingebaut, sie hat also einen hohen Stellenwert. Wer sich entscheidet, beim Kapitalismus nicht mitzuspielen wie unser Fischer, hat die Möglichkeit dazu. Und wenn nur genug Leute sich in diesem Sinne entscheiden, dann wird der Kapitalismus mit seiner Wachstumsmanie ganz von selber verschwinden. Dieser Überlegung stehen nur leider die ziemlich vielen einigermaßen gut verdienenden Mittelstandsbürger mit ihren Aufstiegswünschen gegenüber, die vom Ausstieg aus den Zwängen der Wachstumsgesellschaft träumen, ihn aber nie vollziehen. Welche Art von Freiheit haben die wirklich? Können sie nicht so, wie sie wollen, oder wollen sie nur nicht genug stark? – Wenn man sie befragt, dann erklären sie ziemlich überzeugend, dass sie, um ihre Kinder aufziehen zu können, Mietenzahlungen, Ratenzahlungen, Heizkosten und noch viele andere Notwendigkeiten bedienen müssen, bis hin zu den Jeans für die halbwüchsigen Kinder, die von einer ganz bestimmten Marke und daher etwas teurer sein müssen, weil die Kinder sonst im Kreise ihrer Freunde unten durch sind, und das kann man ihnen nicht antun. Die in den diversen Grundrechtskatalogen festgelegte Freiheit will in solchen Gesprächen nicht so recht auftauchen. Die Sache mit der freien Entscheidung, aus dem Geist des Kapitalismus auszuscheren, gestaltet sich offensichtlich doch etwas schwieriger.



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