Gibt es intelligente Wesen nur, weil sie Fleisch essen? Über die menschliche Ernährung aus Sicht der stammesgeschichtlichen und kulturellen Evolution.
Der zwischen vegetarisch lebenden und sich auch von tierischer Kost ernährenden Menschen geführte Streit erinnert in seiner oftmaligen Heftigkeit an den legendären Spruch des österreichischen Kabarettisten und Autors Helmut Qualtinger: „Simmering gegen Kapfenberg – das nenn' ich Brutalität!"
Offenbar entzünden sich am Thema der ‚richtigen' Nahrung immer wieder die Geister und es werden aus ethischer, ernährungsphysiologischer, religiöser und medizinischer Sicht die unterschiedlichsten Argumente für die eine oder andere Ernährungsweise angeführt.
Doch ist das letztlich nicht alles im wahrsten Sinne des Wortes Geschmackssache? Kann es überhaupt rationale, objektivierte Argumente für die menschliche Diät geben? Blickt man auf die oben angeführten vielfältigen Standpunkte und Betrachtungsweisen, dann wohl kaum. Dennoch können wir versuchen, aus der Entwicklungsgeschichte des Menschen Rückschlüsse zu ziehen, und die Frage aus humanökologischer und evolutionärer Sichtweise betrachten.
An der Wurzel der Menschheitsgeschichte steht der Australopithecus, eine Primatengattung, die vor etwa 5 Millionen Jahren die ostafrikanische Savanne besiedelte und bereits eine Form des aufrechten Gangs zeigte. Aufgrund des Gebisses ist davon auszugehen, dass sich diese ‚Südaffen' – so die wörtliche Übersetzung des wissenschaftlichen Gattungsnamens – von einer Mischkost aus Samen, Wurzeln und gelegentlich auch tierischem Eiweiß ernährten, das im Wesentlichen von Insekten und kleinen bodenlebenden Tieren stammte. Das Gehirnvolumen der Australopithecus-Arten war mit etwa 400 bis 550 cm3 ein wenig größer als das eines Schimpansen.
Mit dem Verschwinden des Homo erectus vor 200.000 Jahren kam der Neandertaler auf und wurde zu einer die Tierwelt beherschenden Figur der Eiszeit.
Homo erectus, der ‚aufrechte' Frühmensch, erschien vor circa 2 Millionen Jahren in Afrika und breitete sich über mehrere Jahrhunderttausende nach Europa und Asien aus. Sein Hirnvolumen erreicht bereits über 1000 cm3 und die Beschaffenheit seiner Backenzähne weist darauf hin, dass er durchaus regelmäßig Fleisch gegessen haben muss. Ob dies aus aktiver Jagd stammte oder nur frisches, von anderen Raubtieren gerissenes und zurückgelassenes Aas war, ist nicht bekannt.
Mit dem Verschwinden des Homo erectus vor 200.000 Jahren kam der Neandertaler auf und wurde zu einer die Tierwelt beherrschenden Figur der Eiszeit. Nach seinem Exodus aus Afrika siedelte er sich auch in Europa an, in dem damals eine Tundrenlandschaft vorherrschte. Auf diesen weiträumigen Flächen und unter den damaligen klimatischen Bedingungen gab es kaum verfügbare stärkehaltige Grassamen und keine kohlehydratreichen Früchte. Im Überfluss gab es jedoch herumziehende Herden von großen Säugetieren wie Mammuts, Mastodonten und Riesenhirsche. Diese Tiere wurden zur wesentlichen und fast ausschließlichen Ernährungsgrundlage der Eiszeitmenschen.
Diese Fokussierung auf tierische Nahrung wurde den Neandertalern schlussendlich zum Verhängnis: Als sich, bedingt durch neuerlichen Klimawandel, der Wald in Europa wieder auszubreiten begann, verschwanden mit der Einschränkung des großflächigen Lebensraums die Großwildherden und mit ihnen unser nächster menschlicher Verwandter.
Anders stellte sich die Situation bei uns, dem Homo sapiens sapiens, dar, als unsere Vorfahren vor ungefähr 100.000 Jahren ebenfalls in der ostafrikanischen Savanne auftauchten. Dort gab es reichlich Nahrung, aber anders als beim Neandertaler war der Anteil von Pflanzen im Nahrungsspektrum sehr groß. Verschiedenste Pflanzen lieferten Kohlehydrate und Vitamine als Ergänzung zum fettarmen Fleisch der afrikanischen Wildtiere.
Das Hirnvolumen beider Arten des Homo sapiens erreichte nun bereits 1.500 cm3 und mehr. Dieser Zuwachs an neuronaler Kapazität ermöglichte einerseits differenzierte Jagdtechniken und immer komplexeren Werkzeuggebrauch und war andererseits auch Folge der zunehmend eiweißreicheren Nahrung.








