Leseprobe
Gibt es mich im nächsten Leben?
Karma, Samsara und Wiedergeburt. Die Vorstellung von einem Weiterleben nach dem Tode gibt es seit Menschheitsgedenken. Doch was ist dran an der Reinkarnationslehre?
Karl-Heinz Brodbeck
Der Buddhismus wird vielfach mit der Vorstellung in Verbindung gebracht, dass ein unerbittliches Karmagesetz das Leben und Sterben über den Tod hinaus regiert: Die vollbrachten Taten erzeugen durch ihre moralische Qualität ein ‚Karma', das in einem späteren Leben ‚reift' und zu einem neuen Körper in neuen Situationen führt. Was darin dann erlebt wird, ist verursacht durch vergangene Taten. Auch eine vorübergehend glückliche Wiedergeburt ist vergänglich und so setzt sich der Kreislauf von Geburt und Sterben endlos fort (samsara), bis durch die Begegnung mit der Lehre des Buddha ein Ausweg gefunden wird. Andere Religionen, die keine Reinkarnation kennen, verwenden anstelle eines anonymen Gesetzes die Vorstellung eines richtenden Gottes nach dem Tod, worin die Sünder verdammt werden, die Frommen aber in ein Paradies einkehren. Zwar kennt man auch im Buddhismus die Vorstellung von Höllen oder himmlischen Bereichen, fügt allerdings stets die Vergänglichkeit solcher Existenzformen hinzu. Die Idee einer moralischen Gerechtigkeit verbindet alle Religionen: Der Tod ist nicht ein Aufhören, sondern wird als Gericht und Verwandlung angesehen.
Bei der skizzierten Auffassung der Lehre von Karma und Reinkarnation handelt es sich allerdings um eine vor- oder außerbuddhistische Vorstellung. Sowohl die Lehre vom Karma als auch die Vorstellung vom Weiterleben einer Seele, die sich einem göttlichen Urteil stellen muss, kann nur gedacht werden, wenn man sich eine vom menschlichen Körper unterschiedene Substanz vorstellt, die den Tod überdauert und in späteren Verkörperungen wiederkehrt.
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