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06. Februar 2012

Letztes Update:12:32:50

Anfängergeist

Wer bin ich?

AnfängergeistWer bin ich?" ist möglicherweise die älteste Frage der Menschheit. Warum ist sie so wichtig und wie kann man sie beantworten?

Anfang 30 war viel Unruhe in mir. Ich war immer wieder gelangweilt, wollte mehr verdienen, mehr erleben und hatte Angst, in der täglichen Arbeitsroutine steckenzubleiben. So entschloss ich mich, mit meiner Frau und meinen drei kleinen Kindern ein Jahr lang nach Afrika zu gehen. Die Schweizer Entwicklungshilfe suchte damals einen Radiologen, der die Röntgenabteilung des größten Krankenhauses von Addis Abeba/Äthiopien leiten könnte. In Äthiopien herrschte zu dieser Zeit Bürgerkrieg und es wurde den ganzen Tag gekämpft und geschossen. Ich hatte also bekommen, was ich wollte: ein aufregendes und intensives Leben, allerdings war es auch nicht ungefährlich.

Nach den Anfangsschwierigkeiten des ersten halben Jahres in Addis beschlossen wir, in das benachbarte, friedlichere Kenia auf Urlaub zu fahren. Um dorthin zu gelangen, mussten wir allerdings in den Norden, wo es Grenzstreitigkeiten mit Somalia gab. Wie befürchtet, war das Hotel, in dem wir übernachten wollten, in der Nacht vor unserer Ankunft von somalischen Kämpfern überfallen worden. Alle Europäer und Äthiopier, die dort geschlafen hatten, waren entweder umgebracht oder entführt worden. Es war eine äußerst heikle Situation. Unsere Kinder waren ein, drei und fünf Jahre alt und doch kamen wir keinen Augenblick auf den Gedanken, die geplante Kenia-Reise abzusagen. Für eine Urlaubsreise riskierte ich also das Leben meiner Kinder, unser aller Leben.

Hätte mich zur gleichen Zeit jemand gefragt, wen ich am meisten liebe, ohne zu zögern, wäre die Antwort gewesen: „Meine Frau und meine Kinder!"

Wer war ich also zu jener Zeit? Ein gewissenloser Abenteurer, der das Leben seiner Kinder riskierte, oder ein junger Mann, der seine Familie über alles liebte? Ich hätte die Frage schon deshalb nicht beantworten können, weil ich gar nicht auf die Idee gekommen wäre, sie mir zu stellen. So wie die meisten jungen Menschen war ich einfach nur „ich". Gedanken zu diesem „Ich" machte ich mir erst viel später.

„Habt ihr keine Angst gehabt?", wurden wir nach unserem Afrika-Jahr oft gefragt und die Antwort lautete immer: „Nein." Oder: „Kaum." Wenn es so bedrohlich war, wie in jener Nacht an der somalischen Grenze, dann verspürten wir schon etwas Angst, im Allgemeinen jedoch nicht.

In Kenia angekommen, übernachteten wir im Amboseli-Nationalpark. Dort gab es einen berühmten Campingplatz, der direkt auf einer Elefantenroute lag, und als ich aus dem Zelt schaute, sah ich die riesigen grauen Dickhäuter, die vor meiner Nase ganz vorsichtig über unsere Zeltschnüre stiegen. Mir tat es leid, dass die Kinder die Elefanten nicht sehen konnten, da sie schon schliefen. Manchmal können Elefanten auch gefährlich sein, auf dem Campingplatz war aber angeblich noch nie etwas passiert. Beim Frühstück balgten sich ein paar Affen in unmittelbarer Nähe und ständig versuchten sie, uns Lebensmittel vom Tisch zu stibitzen. So wie fast alle Tiere fraßen auch sie den ganzen Tag. Was wir hier im Amboseli nicht sehen konnten, waren ihre Kämpfe. Die Männchen setzen für die Weibchen ihr Leben aufs Spiel und dem Sieger gehören dann alle. Der Schwächere unterliegt und bekommt so weniger zu fressen und auch weniger Sex. Denn auch darum geht es, speziell bei den Bonobos, sie gehören zu unseren allernächsten Verwandten. Laut wissenschaftlicher Studien berühren sie sich alle paar Minuten sexuell – die Erwachsenen, sogar die Kinder, Männchen und Weibchen untereinander.

Irgendwann, vor ein paar hunderttausend Jahren, hatte angeblich in ebendieser Gegend, wo wir unseren Urlaub verbrachten, ein allererster Affe einen allerersten Gedanken gehabt und war dadurch zum ersten Frühzeit-Menschen geworden. Was hat er wohl gedacht? Hat er gedanklich die Taten seiner äffischen Vorfahren fortgesetzt? Drehte sich auch für ihn weiterhin alles um Revierkämpfe, Sex und Essen? Oder kam ihm schon ein erstes Ahnen, wer er sein könnte? Wahrscheinlich haben sich unsere männlichen Vorfahren vor allem Gedanken darüber gemacht, wie sie noch mehr Weibchen bekommen könnten. Die weiblichen Ahnen werden ihre Gedanken vielleicht darauf gerichtet haben, wie sie das Essen zubereiten, damit es nicht so roh und fade schmeckte.

Waren ihnen solche Gedanken bewusst? Konnten sie darüber reflektieren, dass das Essen besser schmeckt, wenn man es über dem Feuer brät, und wie man dem Nachbarstamm Frauen und Territorium wegnehmen kann? Sehr bewusst wird ihnen das nicht gewesen sein, denn uns Nachgeborenen ist es das immer noch nicht.

AnfängergeistWann ist wohl einem unserer frühesten Vorfahren das erste Mal die Frage nach dem „Wer bin ich?" in den Sinn gekommen? Sie bleibt bis heute weitgehend unbeantwortet.

Sind wir die Mörder und Schlächter, die im vorigen Jahrhundert Juden, Kambodschaner und Tutsis getötet haben? Sind wir die BP-Mitarbeiter, die aus Gedankenlosigkeit und Schlamperei die Küste Amerikas mit Öl verseuchen, die Eltern, die für einen Urlaub das Leben ihrer Kinder gefährden, oder sind wir das, was wir alle glauben: friedvolle, fürsorgliche, großzügige, angenehme Wesen?

Warum sind diese Fragen wichtig?

In einer Boulevard-Zeitung las ich unlängst unter dem Titel ‚Das Märchen von der Hilfsbereitschaft' einen Leserbrief. Die Schreiberin zählt sich darin zu den hilfsbereiten Menschen, doch wenn sie selbst im Supermarkt während eines Asthmaanfalles nach Luft ringt, hilft ihr nie jemand. Warum hilft sie allen, die anderen ihr hingegen nie? Fragt sie. Ich frage mich auch, wieso alle Menschen mehr oder weniger denken, sie seien hilfsbereit und freundlich, und warum dennoch die Welt aussieht, wie sie aussieht, warum Kriege geführt werden und die Umwelt zerstört wird. Warum Radfahrer den Autofahrern den Vogel zeigen und umgekehrt? Warum glauben wir alle, dass wir gütig und großzügig sind, obwohl es niemand ist?

Hat das alles mit unserem Bewusstsein zu tun? Wissen wir vielleicht gar nicht, wer wir sind? Bin ich der, der das Leben seiner Kinder für einen Urlaub riskiert oder der fürsorgliche Vater?

Warum ist die Frage nach dem „Wer bin ich?" so schwer zu beantworten?

Dieses Jahr war ich wieder auf Urlaub – in Griechenland und den ganzen Tag zirpten dort die Grillen. So laut, wie man es fast nicht für möglich hält, viel lauter als bei uns. Öfters fragte ich in die Freundesrunde: „Wer hat soeben die Grillen gehört?" Keiner hatte das und alle hörten sie erst im Augenblick der Frage. Danach achteten wir genauer darauf, wie oft und wie lange wir die Grillen hörten. Gezirpt haben sie mindestens 14 Stunden täglich, ununterbrochen und ganz laut, doch wir alle hörten sie bewusst nur ein paar Minuten, beim genauen Beobachten kamen wir im Schnitt auf circa 20 bis 30 Minuten pro Tag. Die restliche Zeit nahmen wir das Zirpen nicht wahr. Unser Bewusstsein war auf etwas anderes gerichtet.

Sie, liebe LeserInnen, können das sofort überprüfen: Wann zirpen die Grillen bei uns? Am Tag, in der Nacht oder in der Dämmerung? Wer weiß das? Wer hat sie bei uns schon gehört? Sie zirpen nämlich im Sommer auch hierzulande täglich, zumindest da, wo ich lebe, am Rande Wiens.



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