Wie auch die ganz großen Lebensdramen mit der Lehre des Buddha in Zusammenhang gebracht werden können. Und wie diese Lehre allen Menschen helfen könnte, würden sie die ‚Wahrheiten' des Buddha jenseits von Glauben und Religion etwas mehr beherzigen.
Gier ist in allen Menschen angelegt
Im Buddhismus wird gelehrt, dass es drei Wurzeln gäbe, mit denen jeder Mensch auf die Welt käme, und eine davon sei die Gier, das Begehren. Als ich eines Tages meine Mutter mit dieser Erkenntnis konfrontierte, ihr also mitteilte, dass auch sie von Gier getrieben sei, antwortete sie: „Ich soll gierig sein? Sicher nicht!" Sie war empört. Möglicherweise hatte sie nicht gut genug auf sich geschaut und konnte daher nicht erkennen, dass auch sie gierig gewesen war, zumindest hin und wieder. Vermutlich hat sie sich lediglich am Wort selbst gestört.
Ein üppiges mittelalterliches Festgelage, eine Frau, die einer anderen den Mann ausspannt, Manager, die sich Gehälter und Boni in unappetitlicher Höhe auszahlen, das alles brachte sie mit Gier in Zusammenhang, doch ihr persönliches Verhalten? Nein, sicher nicht!
Die Aussage des Buddha, in jedem Menschen sei die ‚Gier' als Wurzel angelegt, ist jedoch anders zu verstehen. Es ist damit nicht nur die ganz große Gier gemeint, sondern jegliches Begehren – bis in die subtilsten Bereiche hinein. Schon der Wunsch, mein Kind soll besser in der Schule sein, im Urlaub möge es nicht regnen, ja sogar, wenn wir nur essen oder schlafen wollen, all das sei die Gier, die allen lebenden Wesen innewohnt.
Eine Lebenslehre: Die 1. und 2. Buddhistische Wahrheit
Auf der Beschreibung der vier ‚Buddhistischen Wahrheiten' und der Definition von Gier beruht nicht nur die ganze buddhistische Lehre, sondern auch das Leben aller Menschen und all ihrer Probleme. Die Gier, also das Begehren in all seinen Spielformen, ist in allen menschlichen Wesen von vornherein angelegt. Daher gilt für alle Menschen die ‚1. Buddhistische Wahrheit':
„Alle Menschen leiden."
Zumindest gelegentlich – und auch die ‚2. Buddhistische Wahrheit' gilt für alle Menschen:
„Die Ursache des Leidens ist das Begehren."
Alleine aus diesen beiden Sätzen ist erkennbar, dass Buddhismus in seiner ursprünglichen Form keine Religion, sondern eine Lebenslehre ist. Ich sage ganz bewusst nicht Philosophie oder Psychologie, sondern Lebenslehre, da der Buddha erklärt hat, wie und woran wir Menschen leiden und wie wir diese Leiden überwinden können. Das ist weder eine erdachte Philosophie noch eine psychologische Erkenntnis, sondern wir reden hier von den Tatsachen, wie das ‚Menschsein' funktioniert, und das gilt für alle Menschen, nicht nur für Buddhisten, sondern auch für Muslime, Christen, ‚Heiden' – und auch für meine Mutter.
Meine Mutter
Das war es nämlich, was sie nicht akzeptieren konnte: Sich selbst als Ursache all ihrer Probleme zu erkennen – und die waren aufgrund der äußeren Umstände nicht gerade klein. Sie war eine Frau, die nicht nur immer wieder mal litt, sondern deren Leiden sich im höheren Alter immer weiter steigerten. Gegen ihr Lebensende hin war sie sehr depressiv, sie hatte die Parkinson-Erkrankung und zog sich von ihren Beziehungen und ihren Gefühlen immer weiter zurück. Sie konnte und wollte diese Vereinsamung, dieses ‚Sich-immer-schlechter-Fühlen' jedoch nicht mit sich selbst in Zusammenhang bringen. Sie meinte, nicht sie und ihr Wollen seien die Ursache ihrer Probleme, sondern ihre Veranlagung, ihre Lebensumstände, ihre Erkrankung und vieles andere mehr. Sie war überzeugt davon, diese Umstände nicht ändern zu können, was einerseits natürlich richtig und andererseits völlig falsch war – zumindest entsprechend der buddhistischen Lehre.
Meine Eltern und der 2. Weltkrieg
Wesentliche Teile ihrer Veranlagung, also ihre Begabungen, Voraussetzungen und Eigenschaften, mit denen sie auf die Welt gekommen war, konnte sie, so wie den 2. Weltkrieg, in den sie als ganz junge Frau hineingeraten war, natürlich nicht ändern. Ihre Reaktionen darauf hätte sie aber sehr wohl ändern können. Sie war eine begabte, hübsche und energievolle Frau gewesen, als die Dinge allmählich begannen, aus dem Ruder zu laufen. Das Leben war immer schwerer geworden, da die Auswirkungen dieses großen Krieges auf sie und meinen Vater verheerend gewesen sind. Heute würde man sagen: Sie waren beide traumatisiert. Das hatte viele Ursachen: Beide hatten sechs Kriegsjahre und dementsprechendes Grauen hinter sich. Meine Mutter hatte die Zeit in Hannover verbracht. Am Beginn war sie 17, am Ende 23 Jahre alt, die Stadt war zu 90 Prozent zerstört und sie hatte alle Bombenangriffe und alle Feuersbrünste miterlebt. Wenn ich das mit heute lebenden 17-jährigen deutschen und österreichischen Mädchen in Zusammenhang bringe, kann ich erst ermessen, in welch unglaublicher Zeit sie als junge Frau gelebt und gelitten hat. Das Gleiche gilt für meinen Vater. Nur ein paar Jahre älter, war er an vielen Fronten, auch in Stalingrad gewesen und erst mit einer der letzten Maschinen von dort ausgeflogen worden, da er lebensgefährlich an Gelbsucht erkrankt war.








