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28. März

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EinfĂŒhrung in die Meditation

Ein Weg zu unserer Buddha-Natur

UW77SCHW-Ein_Weg_zu_unserer_buddha_Natur4Prinzipiell gibt es zwei Meditationsarten, und zwar

1. die Meditation der Geistberuhigung, oft ĂŒber den Atem: shamatha (skr.) oder shine (tib.).

2. die analytische Einsichtsmeditation: vipasyana (skr.) oder lhaktong (tib.), in der man seine Bewusstseinsprozesse betrachtet und sie verstehend durchdringt. Oft geschieht dies ĂŒber innere Bilder oder Ketten von Erinnerungen, GefĂŒhlen, Motiven und Gedanken, bis plötzlich die Essenz einer Situation klar aufscheint: die primĂ€re Erkenntnisweise der Intuition.

Beide Meditationsarten können miteinander kombiniert werden, um das eigene Selbst- und WirklichkeitsverstĂ€ndnis zu befreien und Emotionen, Gedanken und Verhalten zu Ă€ndern. Es gibt unter anderem Visualisierungen bestimmter Buddha-Aspekte zur StĂ€rkung der ihnen entsprechenden Eigenschaften im eigenen Geist oder Reinigungsmeditationen zur Verringerung von StörgefĂŒhlen, deren letztes Ziel es ist, einen geklĂ€rten, frischen Raum fĂŒr die direkte Einsicht zu öffnen. Um die gröbsten Unruheherde wie Angst, Aggression oder Unruhe im eigenen Bewusstsein zu mildern, hilft generell die ‚Meditation ĂŒber das Gegenteil' (Yoga-Sutra II, 33), denn zwei verschiedene BewusstseinszustĂ€nde können nicht zugleich existieren. Entscheidet man sich gezielt, sein Bewusstsein mit Leid vermindernden QualitĂ€ten zu beschĂ€ftigen, so verschwinden Leid erzeugende QualitĂ€ten notwendigerweise. Viele Mentaltrainingsmethoden leiten sich von diesem Prinzip ab.

In Buddhismus und Hirnforschung ist die plastische Anpassung des Nervensystems gemĂ€ĂŸ seiner Nutzung bekannt. Deshalb sind regelmĂ€ĂŸige meditative oder autosuggestive Übungen auch modifizierendes Gehirntraining. Die StĂ€rkung positiver ZustĂ€nde und FĂ€higkeiten fĂŒhrt auf Dauer zur VerĂ€nderung des ganzen Erlebens.

Meditation kann man auch als ein Parken des Körpers verstehen, indem durch bewusstes Einschalten der peripheren Hemmung der Exekutivmuskulatur, also der ausfĂŒhrenden Muskulatur, eine LĂŒcke zwischen inneren Impulsen und Tun eingeschoben und das Handeln ausgesetzt wird. Die FĂ€higkeit zum bewussten Loslassen aufgrund der peripheren Hemmung ist eine Bedingung fĂŒr menschliche Kultur, fĂŒr Handlungsfreiheit und dafĂŒr, sich der Gegenwart bewusst zu werden. Sie ermöglicht, aus dem drĂ€ngenden Strom der Ereignisse herauszutreten, einzelnen Aufgaben nachzugehen, erfinderisch dem Leben zu begegnen – und zu meditieren.

So öffnen sich durch die Entkoppelung gewohnheitsmĂ€ĂŸiger Verbindungen von Gedanken, Emotionen, Absichten und Handlungsimpulsen neue Möglichkeiten des spielerischen Daseins. Starrheit und rigide Strukturen verflĂŒssigen sich und man wird fĂ€hig, sich dem Flow des Lebens vertrauend zu ĂŒberlassen.

Meditation kann wie eine innere Selbstumarmung zu heilender Selbstregulation fĂŒhren, Ă€hnlich wie das containment, ein Konzept der projektiven Identifikation von weitreichender Bedeutung: Die Mutter nimmt vom Kinde nicht verstehbare Emotionen auf, ‚bewahrt' und transformiert diese für das Kind zu verstehbaren VorgĂ€ngen. Man lernt wachsendes MitgefĂŒhl fĂŒr sich selbst, das von Egoismus befreit und das GemeinschaftsgefĂŒhl stĂ€rkt. Meditation setzt die Bereitschaft voraus, sich selbst achtsam und liebevoll zuzuhören. Und jede Haltung sich selbst gegenĂŒber wird letztlich immer die Haltung zu den anderen.

Ganz analog zu einer psychoanalytischen Wiederbelebung fundamentaler emotionaler Motive, die zu innerem Verstehen und Befreiung fĂŒhrt, werden die in der Meditation erschauten Motive, GefĂŒhle,UW77SCHW-Ein_Weg_zu_unserer_buddha_Natur5 Erinnerungen und Gedanken durch ihr Erscheinen im Bewusstsein entschĂ€rft. So ist es möglich, zum Beispiel Verletzungen oder Unsicherheiten abzuarbeiten, um nicht lĂ€nger davon beschrĂ€nkt zu werden. Jedes Tun und Erleben hinterlĂ€sst Bewusstseinsspuren, die in Ă€hnlichen Situationen wieder Erleben und Handeln bestimmen, welches wieder Spuren hinterlĂ€sst und so weiter. Konsequente Meditation kann diesen karmischen Kreislauf öffnen: „Was dich auch bindet, bist du dir dessen bewusst, befreit es sich. Verstehst du diesen außergewöhnlichen Weg, gelangst du in diesem Leben in den Bereich der Buddhas. [...]. [...] dies wird ‚Selbstbefreiung' genannt. Genau dies ist es auch, was man unterscheidendes ursprĂŒngliches Bewusstsein nennt [...]" (Karmapa Wangtchug Dordje).

Es entsteht ein immer weiterer Raum des Erkennens, der innere Zeuge, der Spiegel des Bewusstseins, der alles erlebt, begreift mehr und mehr, dass die Bilder in ihm kommen und gehen und ihm nichts anhaben können. Der Geist ist wie der offene Raum, auch die Upanishaden wussten das: „Das brahman ist der Raum" (Chandogya-Upanishad 3.18.1).

Die Wirklichkeit ist immer und ausschließlich der Strom des Erlebens und deshalb auch nicht naturwissenschaftlich erfassbar. Diese strömende Gegenwart besitzt allein wahre Tiefe und Leuchtkraft. Das unmittelbar zu erfahren steht dem Menschen in der Meditation offen und ist schließlich der vollstĂ€ndige Übergang in den grenzenlosen Raum der PhĂ€nomene, die Erleuchtung.

PhĂ€nomenologie, Neurobiologie und Hirnforschung bestĂ€tigen alle intuitiven Einsichten der meditierenden Verwirklicher. Wir werden, was wir ĂŒben. Darum plĂ€dieren neben Geisteswissenschaftlern und Praktizierenden inzwischen sogar explizite Materialisten fĂŒr eine ‚Bewusstseinskultur', die Meditation, mentale und mitmenschliche Übungen in die Schulbildung und das tĂ€gliche Leben integriert.

Machen wir uns klar: Es gibt keine festgelegte biologische Natur des Menschen. Menschwerdung ist eine kulturelle Aufgabe, die sich ĂŒbend Ziele setzen muss. Alles, was Mut, Freiheit, MitgefĂŒhl, Liebe, Geduld, Leichtigkeit und Freude in den Gesellschaften fördert, ist richtig. Denn alle Menschen haben die Buddha-Natur, ob sie es wissen oder nicht.

 

Matthias Wenke M.A., geb. 1965, studierte Chemie, Erziehungswissenschaft, Psychologie, Soziologie und Philosophie, ist Individualpsychologischer Berater & Supervisor DGIP und Autor. Web: www.praxis-individualpsychologie.de.  Publikationen z.B.: Im Gehirn gibt es keine Gedanken. Bewusstsein und Wissenschaft. WĂŒrzburg 2008, Königshausen & Neumann.

 



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