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22. November

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Einführung in die Meditation

Ein Weg zu unserer Buddha-Natur

UW77SCHW-Ein_Weg_zu_unserer_buddha_Natur4Prinzipiell gibt es zwei Meditationsarten, und zwar

1. die Meditation der Geistberuhigung, oft über den Atem: shamatha (skr.) oder shine (tib.).

2. die analytische Einsichtsmeditation: vipasyana (skr.) oder lhaktong (tib.), in der man seine Bewusstseinsprozesse betrachtet und sie verstehend durchdringt. Oft geschieht dies über innere Bilder oder Ketten von Erinnerungen, Gefühlen, Motiven und Gedanken, bis plötzlich die Essenz einer Situation klar aufscheint: die primäre Erkenntnisweise der Intuition.

Beide Meditationsarten können miteinander kombiniert werden, um das eigene Selbst- und Wirklichkeitsverständnis zu befreien und Emotionen, Gedanken und Verhalten zu ändern. Es gibt unter anderem Visualisierungen bestimmter Buddha-Aspekte zur Stärkung der ihnen entsprechenden Eigenschaften im eigenen Geist oder Reinigungsmeditationen zur Verringerung von Störgefühlen, deren letztes Ziel es ist, einen geklärten, frischen Raum für die direkte Einsicht zu öffnen. Um die gröbsten Unruheherde wie Angst, Aggression oder Unruhe im eigenen Bewusstsein zu mildern, hilft generell die ‚Meditation über das Gegenteil' (Yoga-Sutra II, 33), denn zwei verschiedene Bewusstseinszustände können nicht zugleich existieren. Entscheidet man sich gezielt, sein Bewusstsein mit Leid vermindernden Qualitäten zu beschäftigen, so verschwinden Leid erzeugende Qualitäten notwendigerweise. Viele Mentaltrainingsmethoden leiten sich von diesem Prinzip ab.

In Buddhismus und Hirnforschung ist die plastische Anpassung des Nervensystems gemäß seiner Nutzung bekannt. Deshalb sind regelmäßige meditative oder autosuggestive Übungen auch modifizierendes Gehirntraining. Die Stärkung positiver Zustände und Fähigkeiten führt auf Dauer zur Veränderung des ganzen Erlebens.

Meditation kann man auch als ein Parken des Körpers verstehen, indem durch bewusstes Einschalten der peripheren Hemmung der Exekutivmuskulatur, also der ausführenden Muskulatur, eine Lücke zwischen inneren Impulsen und Tun eingeschoben und das Handeln ausgesetzt wird. Die Fähigkeit zum bewussten Loslassen aufgrund der peripheren Hemmung ist eine Bedingung für menschliche Kultur, für Handlungsfreiheit und dafür, sich der Gegenwart bewusst zu werden. Sie ermöglicht, aus dem drängenden Strom der Ereignisse herauszutreten, einzelnen Aufgaben nachzugehen, erfinderisch dem Leben zu begegnen – und zu meditieren.

So öffnen sich durch die Entkoppelung gewohnheitsmäßiger Verbindungen von Gedanken, Emotionen, Absichten und Handlungsimpulsen neue Möglichkeiten des spielerischen Daseins. Starrheit und rigide Strukturen verflüssigen sich und man wird fähig, sich dem Flow des Lebens vertrauend zu überlassen.

Meditation kann wie eine innere Selbstumarmung zu heilender Selbstregulation führen, ähnlich wie das containment, ein Konzept der projektiven Identifikation von weitreichender Bedeutung: Die Mutter nimmt vom Kinde nicht verstehbare Emotionen auf, ‚bewahrt' und transformiert diese für das Kind zu verstehbaren Vorgängen. Man lernt wachsendes Mitgefühl für sich selbst, das von Egoismus befreit und das Gemeinschaftsgefühl stärkt. Meditation setzt die Bereitschaft voraus, sich selbst achtsam und liebevoll zuzuhören. Und jede Haltung sich selbst gegenüber wird letztlich immer die Haltung zu den anderen.

Ganz analog zu einer psychoanalytischen Wiederbelebung fundamentaler emotionaler Motive, die zu innerem Verstehen und Befreiung führt, werden die in der Meditation erschauten Motive, Gefühle,UW77SCHW-Ein_Weg_zu_unserer_buddha_Natur5 Erinnerungen und Gedanken durch ihr Erscheinen im Bewusstsein entschärft. So ist es möglich, zum Beispiel Verletzungen oder Unsicherheiten abzuarbeiten, um nicht länger davon beschränkt zu werden. Jedes Tun und Erleben hinterlässt Bewusstseinsspuren, die in ähnlichen Situationen wieder Erleben und Handeln bestimmen, welches wieder Spuren hinterlässt und so weiter. Konsequente Meditation kann diesen karmischen Kreislauf öffnen: „Was dich auch bindet, bist du dir dessen bewusst, befreit es sich. Verstehst du diesen außergewöhnlichen Weg, gelangst du in diesem Leben in den Bereich der Buddhas. [...]. [...] dies wird ‚Selbstbefreiung' genannt. Genau dies ist es auch, was man unterscheidendes ursprüngliches Bewusstsein nennt [...]" (Karmapa Wangtchug Dordje).

Es entsteht ein immer weiterer Raum des Erkennens, der innere Zeuge, der Spiegel des Bewusstseins, der alles erlebt, begreift mehr und mehr, dass die Bilder in ihm kommen und gehen und ihm nichts anhaben können. Der Geist ist wie der offene Raum, auch die Upanishaden wussten das: „Das brahman ist der Raum" (Chandogya-Upanishad 3.18.1).

Die Wirklichkeit ist immer und ausschließlich der Strom des Erlebens und deshalb auch nicht naturwissenschaftlich erfassbar. Diese strömende Gegenwart besitzt allein wahre Tiefe und Leuchtkraft. Das unmittelbar zu erfahren steht dem Menschen in der Meditation offen und ist schließlich der vollständige Übergang in den grenzenlosen Raum der Phänomene, die Erleuchtung.

Phänomenologie, Neurobiologie und Hirnforschung bestätigen alle intuitiven Einsichten der meditierenden Verwirklicher. Wir werden, was wir üben. Darum plädieren neben Geisteswissenschaftlern und Praktizierenden inzwischen sogar explizite Materialisten für eine ‚Bewusstseinskultur', die Meditation, mentale und mitmenschliche Übungen in die Schulbildung und das tägliche Leben integriert.

Machen wir uns klar: Es gibt keine festgelegte biologische Natur des Menschen. Menschwerdung ist eine kulturelle Aufgabe, die sich übend Ziele setzen muss. Alles, was Mut, Freiheit, Mitgefühl, Liebe, Geduld, Leichtigkeit und Freude in den Gesellschaften fördert, ist richtig. Denn alle Menschen haben die Buddha-Natur, ob sie es wissen oder nicht.

 

Matthias Wenke M.A., geb. 1965, studierte Chemie, Erziehungswissenschaft, Psychologie, Soziologie und Philosophie, ist Individualpsychologischer Berater & Supervisor DGIP und Autor. Web: www.praxis-individualpsychologie.de.  Publikationen z.B.: Im Gehirn gibt es keine Gedanken. Bewusstsein und Wissenschaft. Würzburg 2008, Königshausen & Neumann.

 



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