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17. Mai 2012

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Was bewirkt Meditation?

UW77SCHW-Was_bewirkt_MeditationUm die Frage zu beantworten, versucht Peter Riedl herauszufinden, was Meditation ist und was sie nicht ist, was man im Westen und im Osten darunter versteht und was Buddha, Krishnamurti und andere dazu sagen.

Unter dem Begriff Meditation wird ganz Unterschiedliches verstanden. Das ist darauf zurückzuführen, dass fast alle Meditationsformen, die derzeit geübt werden, ihren Ursprung in Asien haben, der Begriff selbst jedoch ein abendländischer ist. Er leitet sich von dem lateinischen Wort ‚meditari' her, was ‚nachdenken' oder ‚nachsinnen' bedeutet. So bezeichnete Descartes, der berühmte französische Philosoph des 16. Jhs., seine philosophischen Abhandlungen über die ‚Grundlagen der Philosophie' ebenfalls als Meditationen.

Wenn katholische Priester jemanden dazu anregen wollen, über ein Thema nachzudenken, sagen sie häufig: „Man möge darüber meditieren." In den östlichen Traditionen ist das anders. Da wird in der Meditation zwar auch nachgedacht oder kontempliert, aber ihr eigentliches Ziel ist ein gedankenfreier Zustand. So kommt im ‚Buddhistischen Wörterbuch' von Nyanatiloka das Wort ‚Meditation' erst gar nicht vor. Nyanatiloka, 1878-1957, lebte in Sri Lanka, er war Deutscher und ein bedeutender Mönch und Übersetzer. Die Begriffe, die wir mit ‚Meditation' übersetzen, lauten in Sanskrit, der heiligen Sprache der Inder, ‚samadhi' und ‚dhyana'. Ersteres ist die ‚Sammlung', Letzteres die ‚Vertiefung' des Geistes.

Das zeigt die Schwierigkeiten, den Begriff ‚Meditation' mit westlichen Worten zu beschreiben. ‚Sammlung' und ‚Vertiefung' des Geistes sind bei uns keine gelernten Begriffe, unter ‚Nachsinnen' und ‚Denken' können wir uns da schon mehr vorstellen.

Wozu dient Meditation? Auch diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten. Sie kann zur Entspannung, Beruhigung, zur Klärung des Geistes bis hin zum eigentlichen Ziel der meditativen Übung, der Erleuchtung, führen – womit wir beim nächsten Begriff gelandet sind, unter dem ganz Unterschiedliches verstanden wird und der mit Worten letztlich nicht erklärt werden kann. „Das Wort ist nicht das Ding", sagt der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti. Das ist ein besonders gutes Beispiel für die unterschiedliche Herangehensweise an die Philosophie, also die ‚Liebe zur Weisheit', im Westen und im Osten. Im Abendland erfolgt diese Herangehensweise mit dem Denken, bei Krishnamurti und anderen spirituellen Lehrern des Orients mit dem ‚Nichtdenken'.

Mit Worten kann immer nur Bekanntes, nie jedoch Unbekanntes beschrieben werden. Aber um das Unbekannte, die Erweiterung der Grenzen des Bekannten, die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten geht es in der Meditation. Sie alle zu erhellen ist Teil des Erleuchtungsprozesses, nicht jedoch die Erleuchtung selbst. Diese ist mehr, sie ist nicht die letzte Stufe der Meditation, sie ist jenseits davon. Die Übung der Meditation ist nicht die Meditation selbst.

Erleuchtung, die auch als Befreiung (was ist das schon wieder?) beschrieben wird, gibt es ohne die Übung der Meditation und es gibt Menschen mit jahrzehntelanger Meditationspraxis, die dieser Befreiung kaum näher gekommen sind. Das hat mit der Art der Übung (richtig oder falsch), dem Ziel (Entspannung oder Befreiung) und dem Kontext (Religion als Glaube oder Religion als Erkenntnisweg) zu tun. Wieder hat sich Krishnamurti ganz besonders mit diesen Unterschieden beschäftigt: „Nicht der Mensch ist religiös, der ... zur Kirche geht, ein bestimmtes Glaubensbekenntnis ablegt oder an Dogmen ... gebunden ist. Der religiöse Mensch ist in Wirklichkeit ein wissenschaftlicher Geist – wissenschaftlich in dem Sinne, dass er fähig ist, die Tatsachen ohne Verzerrung zu beobachten, sich selbst zu sehen, wie er ist."

In den östlichen spirituellen Praxisformen wird Glaube allein abgelehnt. Krishnamurti: „Lediglich zu glauben ist ein Zeichen von Unreife ... Religionen und Dogmen bieten innere Sicherheit, verhindern jedoch, die Wahrheit zu finden ... Gott ist eine fröhliche Ausflucht – so wie das Trinken ... Sich Christ, Hindu, Buddhist zu nennen, hat für einen wahrhaft religiösen Menschen keinen Wert." Solche Klarstellungen halte ich für wichtig. Ich sehe darin keine Abwertung der Religionen, sondern nur eine Abwertung des falschen Umgangs mit ihnen.

Meditation kann als religiöse Praxis gesehen werden, wenn der religiöse Mensch nicht der ist, der glaubt, sondern der sucht oder gefunden hat. Meditation führt, richtig geübt, zur Wandlung der Person. Der Mensch, der den Weg der Befreiung beginnt, und jener, der die Früchte dieses Weges erntet, ist ein anderer. Es hat in ihm eine geistige Revolution stattgefunden, ein krisenhafter spiritueller Prozess oder eine allmähliche, möglicherweise sogar sanfte und problemlose Wandlung. Persönlich denke ich, dass tiefgreifende Wandlung ohne Krise kaum gelingt. Wäre sie einfach, wären alle schon erleuchtet. Krise scheint nötig. Sie findet sich in den großen Wandlungsgeschichten berühmter Menschen, ganz gleich, ob sie nun Buddha Shakyamuni, Jesus Christus oder Mohammad ibn Abd Manaf al-Quraschi heißen. Die Schwierigkeiten mit der Stille in der Meditation kann man leicht einsehen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass sich das menschliche Gehirn seit Jahrtausenden angewöhnt hat zu denken. Wir denken ununterbrochen. Das ist die große Stärke des Menschen – und vielleicht auch seine Schwäche. Wer kennt nicht das gelegentlich qualvolle Nichtaufhören der Gedankenbewegungen auf der einen Seite und die Schönheit eines stillen Geistes auf der anderen.



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