Bei den meisten staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften ist das Ein- und Austreten genau geregelt. Im Buddhismus ist das nicht so streng genormt. Wann ist man Buddhist – und ab wann ist man es nicht mehr?
Im Buddhismus gibt es weder Taufe noch ein allgemein verbindliches Reglement über Zugehörigkeiten und Austrittsmodalitäten. Bei genauerer Betrachtung lassen sich jedoch verschiedene Formen des ‚Buddhistseins' unterscheiden:
So gibt es in den drei deutschsprachigen Ländern seit einigen Jahrzehnten einerseits die beiden Vereine der Deutschen und der Schweizerischen Buddhistischen Union (DBU und SBU) und andererseits die Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft (ÖBR), die als einzige eine staatlich anerkannte Kirche ist. Durch Beitritt zu einer dieser drei Gesellschaften gilt man offiziell als Buddhist. Da Buddhismus in Österreich als Kirche anerkannt ist, besteht die Besonderheit, dass man hier offiziell nur diesem und gleichzeitig keiner anderen Religion angehören darf. Dieses Reglement ist durch den Staat bestimmt, vonseiten der buddhistischen Lehre gibt es diese Einschränkung jedoch nicht.
Die eigentliche Zugehörigkeit zum Buddhismus erreicht man seit alters her durch die sogenannte ‚Zufluchtnahme' zu den ‚Drei (buddhistischen) Juwelen': zum Buddha als Lehrer, zur Lehre (Dharma) als Weg und zur Gemeinde (Sangha) als der Gemeinschaft derer, die diesen Weg gehen. So etwa lauten die Zufluchtsformeln. Im tibetischen Buddhismus nimmt man außerdem noch zu einem persönlichen Lama Zuflucht.
Die ‚Zufluchtnahme' kann bei jedem autorisierten buddhistischen Lehrer durchgeführt werden, sogar bei solchen, die sich bloß autorisiert fühlen, das wird in der Praxis nicht so streng genommen. Es bleibt ohnehin jedem selbst überlassen, wie tief er in die Lehre eindringen möchte, und Missionstätigkeit sollte es im Buddhismus entsprechend den Worten des Buddha gar nicht geben.
Letztlich genügt es sogar, sich selbst gegenüber zu bekennen, dass man nun Buddhist sei und den buddhistischen Übungsweg gehen möchte. Denn das ist der entscheidende Punkt: Buddhismus ist eine Übung, eine Übung des Loslassens von allem. Das zu erreichende Ziel ist die Überwindung des Leidens, also zu versuchen, mitfühlend, liebevoll und gelassen zu werden.
Erreicht wird das durch Übung. Diese wird im sogenannten ‚Achtfachen Pfad' beschrieben und besteht aus drei Teilen, die als ‚Wissen', ‚Ethik' und ‚Sammlung' bezeichnet werden. Darunter ist zu verstehen, dass Wissen angesammelt wird, um Einsicht (in die wahre Natur aller Dinge) zu bekommen, zu versuchen, ein ethisches Leben zu führen, und in der Meditation den eigenen Geist zu sammeln.
Es gibt im Buddhismus weder etwas zu glauben noch ist es eine Voraussetzung, irgendwelche ‚heiligen Bücher' zu lesen oder zu studieren. Der Praxis wird im Allgemeinen der Vorzug gegeben. Das wird in der folgenden Geschichte deutlich: Eine Schülerin kommt zu einem Meister und will das große Loslassen lernen, also lernen, ein fröhlicher Mensch zu werden, und er fragt, was sie bis jetzt schon getan habe. Stolz zählt sie verschiedene Bücher, aber auch klassische Texte auf, die sie gelesen hat. Der Lehrer scheint jedoch nicht sehr beeindruckt zu sein. Er fragt, was sie bisher denn geübt habe und wie sie meditiere. Doch da muss sie verneinen, meditiert hat sie noch nie. Darauf der Meister: „Du kommst mir vor wie eine Bäuerin, die in den Hühnerstall geht, nur den Mist aufhebt und die Eier liegen lässt."
Üben kann man sich in einer Gruppe oder alleine, als sogenanntes ‚Einsames Nashorn'. Die Übung erfolgt stufenweise und über Jahre und in unterschiedlichen Bereichen. Die Überwindung von eigenen neurotischen Problemen gehört genauso dazu wie das Erlernen von Meditationstechniken und das Lesen von Büchern, das Hören von Belehrungen und der Versuch, ethisch zu leben. Dazu ist es wichtig, all das Gehörte und Gelernte immer wieder mit dem eigenen Alltag in Bezug zu bringen. So lernt man nach und nach die Zusammenhänge des Lebens kennen – erst das führt zu Einsicht und Erkenntnis.
Buddhist ist man also nicht (nur), wenn man sich so nennt, Mitglied in einem Verein oder einer Gruppe ist, Zuflucht genommen hat, sondern vor allem dann, wenn man versucht, buddhistisch zu leben, also das buddhistische Übungsziel eines leidfreien und gelassenen Lebens zu erreichen.
Ab wann ist man kein Buddhist mehr?
So wie beim Eintreten unterscheidet man auch hier eine äußere und eine innere Form der Beendigung. Bei der äußeren teilt man dem Lehrer oder der Gruppe mit, nicht mehr Buddhist sein zu wollen. Ist man nicht in einer gefährlichen Sekte gewesen, und die sind ganz selten, wird das problemlos möglich sein. Zur Sektenproblematik lässt sich noch sagen: Genau genommen kann es eine gefährliche Sekte im Buddhismus gar nicht geben, da sie per se nicht buddhistisch ist, sie könnte sich lediglich so nennen.
In Österreich kommt als Besonderheit der Austritt aus der ÖBR hinzu. Da es sich um eine staatlich anerkannte Kirche handelt, gibt es auch für den Austritt staatlich anerkannte Regeln und die werden beim Magistrat oder der Bezirkshauptmannschaft durchgeführt.
Der innere Austritt kann bewusst oder unbewusst erfolgen und bedeutet das Beenden der buddhistischen Übung. Auf die Gefahr, die Übung unbewusst, also ohne es zu bemerken, zu beenden, wurde schon im frühen Buddhismus hingewiesen. Beschrieben wird das in den Belehrungen von ‚Pfad und Nicht-Pfad'. Man selbst merkt gar nicht, dass man zwar Mitglied in einer Gruppe ist, sich selbst aber gar nicht mehr übt. Nur gute Freunde und Lehrer könnten das von außen erkennen und einen darauf hinweisen. Man glaubt, man übt sich, in Wirklichkeit ist man stolz auf das eigene Wissen, bläht sein ‚Ich' auf oder macht andere Fehler.
Bewusst beenden kann man den Weg grundsätzlich an jedem Punkt, der einem dafür geeignet erscheint. Für die eine wird das der Augenblick sein, in dem von einem großen Problem gelassen wurde, zum Beispiel der Eifersucht oder einem übergroßen Ehrgeiz, für den anderen, wenn er merkt, nicht weiterzukommen, aus anderen Gründen das Interesse verliert oder wenn der Zweifel zu groß wird. Dem skeptischen Zweifel und dessen Überwindung wird eine ganz besondere Bedeutung zugesprochen. Ist er nämlich endgültig überwunden, wird die Übung, auch wenn man Pausen macht oder eine Zeit lang in alte Schwierigkeiten zurückfällt, sicher nicht mehr beendet werden. Man wird weitergehen, ganz gleich, wie man das an sich immer gleiche Ziel für sich benennt: ein fröhliches und gelassenes Leben zu erreichen, die große Leidbefreiung oder die sogenannte Erleuchtung. In allen Fällen können immer wieder neue Fallen und Gefahren auftreten: zum Beispiel jene, dass man glaubt, erleuchtet zu sein und es doch nicht ist. Auch dabei sind Lehrer, spirituelle Freunde oder ein Mentor wichtig, die einen beobachten und auf derlei Irrwege hinweisen können. Ohne spirituellen Lehrer besteht die große Gefahr, sich in Illusionen zu verlieren. Diese zu überwinden ist jedoch ebenfalls das Ziel im Buddhismus und es wird gesagt, dass es noch schwieriger zu erreichen sei als das Loslassen von den Begierden und den Aversionen.
Man kann den buddhistischen Weg also in unterschiedlicher äußerer und innerer Weise betreten, das zu erreichende Ziel unterschiedlich formulieren und den Weg auch unterschiedlich beenden. Am besten wird es wohl sein, den Zweifel zu überwinden und den Weg bis zum Ende zu gehen, um so herauszufinden, wie man dort sein wird, wie das mit der Erleuchtung wirklich ist beziehungsweise was sie nicht ist. Vielleicht ist das sogar noch viel wichtiger.








