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28. November

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Was hat Tantra mit Sex zu tun?

UW79SCHW-Was_hat_sex_mit_tantraDie indische Lehre kann ein frisches erotisches Lüftchen ins Schlafzimmer bringen, versprechen herkömmliche Sexualratgeber. Nur wenige Menschen wissen aber, worum es sich bei Tantra genau handelt und was es bezwecken soll. Tantra jedenfalls kann sich positiv auf sämtliche Beziehungen im Leben auswirken.

Was ist Tantra? Immer wieder wird diese Frage aufgeworfen. Von spirituell interessierten Menschen, Seminarteilnehmern, praktizierenden Buddhisten und auch Journalisten. Die Antwort darauf kann durchaus unterschiedlich ausfallen. Denn das Thema selbst ist unfügsam, windet sich wie die sprichwörtliche Kundalini-Schlange und verlangt kompromisslos einen immer neuen Zugang. Je nachdem, womit das Gegenüber bereits vertraut ist, was der Situation angemessen ist und nicht zuletzt, was einer selbst seit dem letzten Mal an Erfahrung und Einsicht dazugewonnen hat, wird die Antwort auf die immer gleiche Frage sich wandeln wie die Bilder in einem Kaleidoskop.

Auch die Übersetzung des Sanskrit-Begriffs Tantra entzieht sich dem eindimensionalen Zugriff. Sanskrit-Wörterbücher nennen für tantra als Silbenkombination die Bedeutungen Arznei, Glück, Webstuhl, Feuerprobe, Trick, Eid, richtige Vorgangsweise oder auch Ursache für mehr als eine Wirkung. Weitere wichtige Bedeutungen von tantra sind wissenschaftliche Arbeit oder religiöse Abhandlung (vergleiche Tantra als Bezeichnung für Lehrschriften einer sehr spezifischen Übungspraxis, etwa als Kalachakra-Tantra). Im westlichen Kulturkreis hingegen wird unter Tantra oft eine Sammlung von Methoden zur Persönlichkeitsentwicklung unter Einbeziehung des Aspekts nicht-hedonistischer Sexualität verstanden. Diese Mehrfachbedeutung des Begriffs führt immer wieder zu Missverständnissen zwischen den verschiedenen Tantra-Praktizierenden.

Während viele der genannten Bedeutungen selbsterklärend sind, kann ich dem webenden, verbindenden Aspekt des Begriffs besonders viel abgewinnen. Was genau wird denn nun auf dem tantrischen Webstuhl verwoben und verbunden? Ganz schlicht: Gegensätze. Sie werden so lange gezielt verbunden, bis sie sich aufgelöst haben, bis die Grenzen zwischen ihnen sich verwoben haben, bis die Übenden sich so auf eine Ebene jenseits der Dualität und des mentalen Verstehens katapultiert und damit – für Sekunden jedenfalls – das Ziel des Strebens erreicht haben.

Das liest sich einfacher, als es ist. Das Auflösen von Gegensätzen geht mit massiven inneren Widerständen einher, denn unser Geist tut sich schwer einzusehen, dass es etwas jenseits von heiß und kalt, gut und schlecht, existent und nicht-existent und vor allem dem Geist selbst geben soll.

Tantrische Ansätze waren von jeher revolutionär und riefen Widerstand hervor; das ist auch der Grund, warum Tantra nie eine Massenbewegung, sondern immer Anliegen lediglich einer Handvoll scheinbar Halbverrückter war. Vor rund 4000 Jahren in Südindien vor dem religiösen Hintergrund des Hinduismus entstanden, hat sich die frühe Tantra-Bewegung radikal gegen alles gewendet, das den eigenen Vätern heilig war und als allein selig machender Weg zum Erwachen angesehen wurde: Reinheit etwa, Kastenwesen, rigoroses Fleisch- und Alkoholverbot. Die respektlose junge Generation hingegen behauptete, dass Erwachen genau dann erreicht wird, wenn Versuchungen nicht unter Selbstkasteiung widerstanden wird. Im Gegenteil: Die Versuchungen sollten zum Ruhm der Götter in sakralem Rahmen ausgelebt werden, bis sich ihre Leerheit ganz von selbst offenbarte.

Wer sich heute mit möglichst unverfälschtem Tantra beschäftigen will, sollte also einigen Mut und viel Lust auf Veränderung im Gepäck haben, denn traditionelles Tantra setzt noch immer auf Provokation. Allerdings niemals um der Provokation selbst willen, sondern stets, um einen Paradigmensprung im Denken der Übenden zu bewirken: das Erkennen der Wirklichkeit zu erreichen, indem die üblichen Regeln dieser Wirklichkeit für kurze Zeiträume außer Kraft gesetzt werden. Manche der Methoden – oft überraschend zeitgemäß und psychologisch wohlfundiert – können wir heute noch in Texten wie etwa dem Hevajra-Tantra nachlesen, die als Grundlage für Sadhanas des Anuttara-Yoga-Tantra dienen.

Damals wie heute gilt, dass für solche außergewöhnlichen Entwicklungsschritte auch außergewöhnlich viel Energie erforderlich ist: Es braucht Konsequenz beim Üben, Entschlossenheit zum Durchhalten, Mut in schwierigen Phasen, Zuversicht, wenn nichts klappen will oder das Gebälk des selbst gebastelten Weltgebäudes zu krachen beginnt – und vor allem auch die Kraft zu Weisheit und Demut, wenn sich irgendwann doch Resultate des Übens einstellen.

Woher soll nun diese viele Energie zum Erkennen der Wirklichkeit kommen? Wo gibt es eine Quelle, die leicht zugänglich und dabei unerschöpflich ist und unwiderstehlich stark sprudelt? Die Antwort der frühen Tantrika war naheliegend und ruft dennoch bis heute ungläubiges Staunen hervor: pure Schöpfungsenergie. Die Kraft der Kreativität. Die Lebenskraft schlechthin – Sexualität.

Tantra vermählt also Spiritualität mit Sexualität und gibt der Sexualität ihre tiefe, mystische Bedeutung zurück. Denn was könnte ehrfurchtgebietender sein als die Schaffung neuen Lebens? Und doch geht von diesem Ehrfurchtgebietenden nichts verloren, wenn diese geheimnisvolle Energie ganz bewusst nicht für äußere, sondern für innere Zeugung verwendet wird. Dieser Turbo-Effekt ist es, der tiefe Einsicht in überschaubar kurzer Zeit erlebbar macht.

Sexualität ist für Tantra daher – im Gegensatz zu dem, was oft geglaubt wird – niemals Selbstzweck. Es geht nie um Lustgewinn; der ist lediglich ein angenehmer Nebeneffekt. Sexualität ist im Tantra ein Gefährt, ein Mittel, eine Form der Meditation, die die Übenden gezielt und ohne das Schaffen persönlicher Bindungen verwenden, um genügend Energie zu erzeugen und so schneller ans Ziel des tiefen Verstehens zu gelangen.

Wenn Tantra nun nichts mit Sexualität als Ausdruck von Liebe und Verbundenheit zu einem bestimmten Menschen zu tun hat, was hat dann Tantra überhaupt mit Beziehung zu tun?

Richtig: Gar nichts. Oder bestenfalls wieder nur als Nebeneffekt.



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