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26. November

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Was hat Tantra mit Sex zu tun?

UW79SCHW-Was_hat_sex_mit_tantra2Einmal mehr im Gegensatz zu dem, was viele – darunter auch solche, die Tantra-Workshops anbieten – glauben, ist Tantra kein exotisches Elixier, das mit Mantraklang, Räucherstäbchenduft und akrobatischen Stellungen müden Beziehungen wieder auf die Sprünge hilft. Versteht man Tantra in seinem traditionellen Kontext, ohne es zu Sex-Gymnastik oder Paartherapie zu verwässern, dann ist es ein Übungsweg für Individuen, die einander auf diesem Weg unterstützen. Folgt man dabei dem hinduistischen Pfad, ist Befreiung von Illusionen für einen selbst das Ziel; ist man mehr auf der buddhistischen Seite unterwegs, übt man Tantra, um Erkenntnis zum Wohle aller Wesen zu erlangen.

Sind Beziehungen im Tantra also gar kein Thema? Selbstverständlich – wenn auch ein wenig anders, als wir es gewohnt sind. Eine der Methoden ist ja das Verbinden von Gegensätzen. Dies kann in einer ritualisierten Vereinigung zwischen männlich und weiblich geschehen, oder aber auch viel einfacher und alltäglicher: Etwa, indem wir es uns zur täglichen Übung machen zu verstehen, dass alles, was wir wahrnehmen, Projektionen unseres eigenen Geistes sind. Ganz gleich, wen ich also unterstütze, kränke, bewundere oder verachte, es trifft immer nur mich selbst. Insofern ist die Trennlinie zwischen mir und ‚den anderen', egal, welcher Nationalität, Einkommensstufe oder Geisteshaltung, nur eine weitere Illusion, die mich in meinem Käfig der irrigen Weltsicht gefangen hält.

Habe ich mich durch Übung von emotionalen und geistigen Verstrickungen auch nur ansatzweise befreit, wirkt sich das jedoch automatisch positiv auf sämtliche meiner Beziehungen aus: Ich höre allmählich auf, den anderen Schuld an den Unannehmlichkeiten in meinem Leben zuzuweisen, ich verstehe die Ursachen ihrer eigenen Verstrickungen besser und bin nachsichtiger und geduldiger mit ihnen. Das wäre, neben Achtsamkeit, Körperbewusstsein und Dankbarkeit, ein sinnvolles tantrisches Übungsprogramm.

Viele meinen freilich, wenn sie zu einer Tantra-Massage gehen, hätten sie damit schon Tantra erfahren; ebenso glauben manche Paare, dass sie eine tantrische Beziehung leben, während es sich dabei lediglich um eine offene Beziehung mit wechselnden Sexualpartnern handelt. Wer tantrische Lebensfreude und Leichtfüßigkeit leben will, muss vorher einiges an Zeit und Mühe investieren. Tantra ist ziemlich aufwendig und wenig schmeichelhaft fürs Ego, wenn man es ernst meint mit dem Erkennenwollen. Eben darum brauchen wir die erwähnten Mengen an Energie, die wir aus freudvoller erotischer Betätigung schöpfen können.

Der Haken daran ist, dass das klassische Tantra von einem natürlichen, herzlichen, entspannten Verhältnis zur Sexualität ausgeht. Hat man ein solches, steht uns die sprudelnde Schöpfungsenergie tatsächlich zur Verfügung und wir können uns frohgemut ans Erkennen machen. Nur – wer von uns hat schon ein entspanntes, von keiner Neurose getrübtes, stressfreies und freudiges Verhältnis zur Sexualität? Um also mit der Kraft der Quelle arbeiten zu können, muss sie zunächst einmal freigelegt werden. Das ist der Grund, warum das sogenannte westliche Tantra auf der Einsteigerstufe oft eher wie Biodanza und Kommunikationstraining wirkt und auf der Mittelstufe häufig wie Körperarbeit, Therapie und Lebensschule.

Auf diese Weise werden Körper, Geist und Herz behutsam und gemeinsam trainiert; das Ergebnis ist ein holistisches Wachstum des ganzen Menschen. Erkenntniswege, die den Körper ignorieren oder gar verachten, sind vom tantrischen Standpunkt aus ungünstig, denn ohne Körper hätten wir keine Sinne. Ohne unsere Sinne aber könnten wir die Dualität nicht wahrnehmen – und folglich auch nicht über sie hinauswachsen.

Wenn man sich nun, neugierig geworden, mit Tantra befassen möchte – wie geht man es am besten an? Es aus einem Buch lernen zu wollen, widerspricht nicht nur der mündlichen Tradition; es ist auch mit großer Wahrscheinlichkeit schade um die Zeit, da viele Übungen nur schwer in Schriftform vermittelbar sind. Besonders auf den ersten tantrischen Teilstrecken ist eine Gruppe hilfreich, in der ich mich gut aufgehoben fühle und die mich mein Entwicklungspotenzial erkennen lässt; auch jemand, den ich vertrauensvoll fragen kann und der mir bei Schwierigkeiten weiterhilft, weil er/sie über viel eigene Erfahrung verfügt, ist eine wertvolle Stütze.

Will man eine geeignete Lehrerin oder einen Lehrer finden, ist das ein echtes Projekt. Nachstehend eine Handvoll Hinweise, die man dabei beachten kann, aber nicht muss. Tut man es nicht, so wie ich in meiner Anfangszeit, sind die Lektionen nicht weniger wichtig, aber oft weitaus weniger vergnüglich und die Umwege können recht lang werden.

· Das Finden einer guten Lehrerin/eines guten Lehrers ist etwas Besonderes. Erwarte nicht, dass es gleich beim ersten Anlauf klappt; nimm dir also Zeit und hab Geduld. Ja, es kann Jahre dauern.

· Schau dir mehrere an: im Seminar selbst und auch außerhalb. Wenn sie Bücher oder Artikel schreiben, lies sie. Mach dir dein eigenes Bild.

· Kontaktiere sie persönlich. Solange du respektvoll und unaufdringlich bist, sollte die freundliche und klare Beantwortung einiger Fragen möglich sein. Guru-Figuren, die nicht wenigstens über E-Mail persönlich erreichbar sind, sind für Lernende wenig hilfreich.

· Schau dir die Schüler deiner potenziellen Lehrerin/deines potenziellen Lehrers an, besonders die, die sie als Fortgeschrittene bezeichnen. Sind sie gute Vorbilder für dich? Möchtest du in einigen Jahren auch so sein?

· Wie ist die Stimmung in der Gruppe? Wie wird mit Spannungen und Widerständen umgegangen? Wird auch gelacht, aber nicht über andere?

· Überprüfe Möglichkeiten eines Ausstiegs: Er sollte jederzeit und problemlos möglich sein.

· Es ist ein gutes Zeichen, wenn deine Lehrerin/dein Lehrer dich darin bestärkt, auch bei anderen Anbietern zu lernen.

· Werden persönliche Dienstleistungen erwartet und/oder eingefordert?

· Sind Regeln transparent, nachvollziehbar und hinterfragbar?

· Gerade weil Tantra mit sexueller Energie arbeitet, ist es besonders wichtig, eine klare Linie zwischen Lehrenden und Lernenden zu ziehen: Erotische Anspielungen, Angebote oder Aufträge seitens der Lehrenden sind ein Alarmzeichen; ebenso, wenn Lehrende erotische Angebote der Lernenden annehmen.

· Wie geht die Lehrerin/der Lehrer mit eigenen Schwächen und Fehlern um? Ist sie/er bereit zu erklären, dass sie/er etwas nicht weiß oder vermasselt hat?

· Sagt sie/er von sich selbst, dass sie/er erleuchtet ist oder über besondere Fähigkeiten verfügt, oder gestattet sie/er, dass andere es von ihr/ihm behaupten?

· Generell gilt: Jede(r) findet die Lehrerin/den Lehrer, die/der zu diesem Zeitpunkt am besten passt.

Die tantrische und buddhistische Welt begegnen einander immer wieder und durchdringen sich teilweise untrennbar. Das körperfreundliche westliche Tantra jedenfalls ist jener Bauteil, der das Gedankengebäude des tantrischen Buddhismus erst zu einem lebendigen, sinnvollen Ganzen rundet.

Mag. Helena Krivan ist Tantralehrerin, Mitbegründerin und Co-Leiterin des Wiener Instituts Namasté, diplomierte Sexualberaterin, Systemische Aufstellerin, Ausbildungsleiterin, Autorin und Buddhistin.



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