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25. Oktober

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Ist Achtsamkeit eine Modeerscheinung in der Arbeitswelt?

Wozu brauchen wir die Achtsamkeit?

UW82SP-Wozu_brauchen_wir1Achtsamkeit heißt das neue Modewort in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Klingt gut. Doch was mit Achtsamkeit gemeint ist und wobei sie hilft, weiß kaum jemand. Die Geschichte der Achtsamkeit im Westen liest sich wie eine einzigartige buddhistische Erfolgsgeschichte. Kein anderes originär buddhistisches Konzept hat jemals einen solchen Eingang in den Mainstream der westlichen Gesellschaft gefunden wie die Achtsamkeit.,

Der vietnamesische Zen-Meister und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh sieht in der Achtsamkeitsmeditation die Energie des Gewahrseins und des Erwachens zur Gegenwart. Es ist die fortwährende Übung, das Leben tief in jedem Augenblick zu berühren.

Der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn entwickelte sogar aus der buddhistischen Achtsamkeitslehre ein achtwöchiges Programm der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion das er bereits 1979 zunächst in seiner Klinik zur Behandlung für stressgeplagte Patienten einsetzte. Dieses strukturierte Programm, das unter anderem Meditation, Yoga, Bodyscan in der Gruppe und im individuellen täglichen Üben umfasst, sollte Menschen helfen, die unter Stresserkrankungen oder chronischen Schmerzen litten. Doch es war definitiv sein Anliegen, Aspekte der buddhistischen Lehre so zu präsentieren, dass sie von den Menschen unserer Kultur unmittelbar verstanden und angewendet und ihr Nutzen und Heilungspotenzial direkt erfahren werden können – und dazu säkularisierte er das Konzept der Achtsamkeit zu einer Art kulturneutralen Methode. Und in dieser Form hat Achtsamkeit, entkernt von seinen buddhistischen Dimensionen, den Weg in die Mitte der Gesellschaft überaus erfolgreich angetreten.

Das Konzept der Achtsamkeit ist inzwischen auch nicht mehr aus Teilen der Psychotherapie wegzudenken, da es sich bei diversen psychischen Störungen als erfolgversprechende Intervention erwiesen hat, so etwa bei Angst-, Ess- und anderen Zwangsstörungen oder bei Depressionen. Es gibt erste Schritte, auch in Schulen und der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen Achtsamkeit einzusetzen und zu vermitteln. Und selbst im medizinischen Bereich könnte Achtsamkeit über die Ebene von Stressreduktion und einem besseren Umgang mit physischen Schmerzen hinaus noch eine weitergehende Rolle spielen. Jon Kabat-Zinn berichtet in Die heilende Kraft der Meditation (Arbor Verlag) von einer selbst durchgeführten Studie, die gezeigt hat, dass Achtsamkeitsmeditation den Heilungsprozess bei Psoriasis beeinflussen kann. Es muss also im Geist etwas geschehen, was den Heilungsprozess in der Haut sehr stark beeinflusst und sogar auf der Ebene der Gene wirkt, da dort die Zellvermehrung kontrolliert wird. Achtsamkeitstrainings gibt es mittlerweile in den USA sogar schon im Militärdienst, da von der berechtigten Annahme ausgegangen wird, dass achtsamkeitsgeschulte Soldaten nicht so schnell in Panik geraten und in Gefahrmomenten blind um sich schießen oder anderswie gewalttätig agieren.

Achtsamkeit ist die gängigste deutsche Übersetzung des Pali-Begriffs sati (Sanskrit smrti). Der Buddha griff dabei einen Begriff aus den Vedas auf, der im Sinne von erinnern, sich besinnen, ins Gedächtnis rufen verwendet wurde und der dann durch ihn eine Bedeutungsverschiebung respektive -erweiterung erfuhr. Mögliche andere Übersetzungen für sati sind: Geistesgegenwart, Gewahrsein, Gewahrbleiben, Vergegenwärtigung, Wachsamkeit, Innewerden, inneres Augenmerk, Präsenz (so der Meditations- und Dhamma-Lehrer Akincano Marc Weber). Während im Englischen für sati eine Art Kunstwort, mindfulness, kreiert wurde, hat man im Deutschen auf das Wort Achtsamkeit zurückgegriffen, das es im Sprachgebrauch bereits in der Bedeutung von Obacht und Achtgeben gab und das jetzt seinerseits eine Bedeutungsverschiebung erfährt. Zur begrifflichen Verwirrung trägt auch bei, dass im Deutschen oft die Begriffe Achtsamkeit und Aufmerksamkeit verwechselt werden.

Die Kraft der Achtsamkeit angesichts von (Lebens-)Gefahr haben auch die Nonnen und Mönche um den zen-buddhistischen Lehrer, Friedensaktivisten und Poeten Thich Nhat Hanh während des Vietnamkrieges erfahren, als sie, häufig zwischen den Fronten agierend, den Kriegsopfern beistanden, Sozialarbeit noch in den entlegensten Gegenden leisteten und dabei vielfach über ihre Grenzen gingen und sich erschöpften. Thich Nhat Hanh machte ihnen immer wieder klar, wie wichtig gerade in solchen belastenden Situationen die Achtsamkeit ist, nicht zuletzt, um überhaupt zu merken, wie es um sie bestellt war, und um mit den heftigen Gefühlen von Wut, Trauer, Hilflosigkeit umzugehen und sie zu transformieren. Achtsamkeit erwies sich für die meisten der sehr jungen Mönche und Nonnen als eine bedeutsame Kraftquelle. Später, im französischen Exil, in dem Thich Nhat Hanh seither in der von ihm gegründeten Gemeinschaft in Plum Village lebt, schrieb der Zen-Lehrer Das Wunder der Achtsamkeit. Es machte ihn als den buddhistischen Lehrer aus dem asiatischen Raum bekannt, der buddhistische Inhalte einem westlichen Interessentenkreis auf eine sehr verständliche, praktikable, fast poetische Weise vermittelt, ohne sie dabei zu entkernen und zu säkularisieren – und dies tut er, mittlerweile 85-jährig, bis heute in Retreats, Vorträgen und zahlreichen Büchern. Das Wunder der Achtsamkeit zu erfahren bedeutet für Thich Nhat Hanh, das Wunder des Lebendigseins im Hier und Jetzt zu erfahren.



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