Was Wiedergeburt im Lichte von Wissenschaft und Buddhismus bedeutet und worüber wir uns keine Gedanken machen sollten.
Eigentlich braucht man sich mit dem Thema ‚Wiedergeburt' im Buddhismus gar nicht zu beschäftigen. Buddhismus ist eine grundlegende Lehre über die Zusammenhänge des Lebens. Theologische Überlegungen spielen keine Rolle. Metaphysische Aussagen über Wiedergeburt, Höllenwelten und Geisterreiche sind im Buddhismus trotzdem zu finden. Man muss sie allerdings heute nicht mehr wörtlich verstehen, sondern kann sie im Hinblick auf die Aussage Buddhas betrachten, er spräche ausschließlich von Tatsachen, nicht von Glaubensfragen.
Buddhas Einsichten und Erkenntnisse beruhen auf seinen Erfahrungen. Man soll sie nicht einfach glauben und übernehmen, sondern überprüfen. Buddhismus unterscheidet sich somit deutlich von allen anderen Religionen, die auf Glauben beruhen. Ja, man kann sich sogar fragen, ob Buddhismus überhaupt eine Religion ist, da alles überprüft werden soll und kann. Etwas zu untersuchen und zu überprüfen ist eher eine Beschreibung von Wissenschaft und nicht von Religion.
Nach buddhistischer Erkenntnis gibt es kein unveränderliches Ich, keinen festen Wesenskern im Menschen. Da es das nicht gibt, kann es weder geboren werden, noch stirbt es und somit wird es auch nicht wiedergeboren. Das gilt nicht nur für Buddhisten, sondern für alle Menschen, also auch für Christen und Muslime. Das, was paradox klingt, ist es nicht, wenn wir die Definition von
‚Ich' im Buddhismus betrachten. Es wird nämlich nur ein unveränderliches Ich geleugnet, eine unsterbliche Seele, nicht jedoch das sich ständig wandelnde Ich-Erleben: „Jetzt rede ich, jetzt fühle ich, jetzt erinnere ich mich daran, was ich gestern gedacht habe, jetzt denke ich daran, was ich morgen erleben werde." All das sind Tatsachen. Dieses sich ständig wandelnde Ich-Erleben gibt es und hat als Grundlage den sich ständig verändernden Körper und Geist – genauer ausgedrückt: Körperliches (Materielles) und Geistiges.
So gesehen wird die Aussage, es gäbe weder Geburt noch Tod verständlicher. Diese Ereignisse werden ja nicht grundsätzlich geleugnet: „Ich wurde geboren, meine Eltern sind schon tot." Das sind Tatsachen. Es wird nur geleugnet, dass hier ein unveränderliches Ich (eine unsterbliche Seele) geboren oder gestorben wäre, und es wird gesagt, dass diese Ereignisse nur aus einer hiesigen Sicht endgültig wären. Aus einer übergeordneten Sicht erscheinen Geburt, Tod und Wiedergeburt als relative Ereignisse (Wandlungsformen) des sich ununterbrochen in Veränderung befindenden Materiellen und Geistigen (im Universum).
Man kann sich diesen Aussagen gedanklich annähern. Alle Teile (Atome) meines Körpers gibt es seit urdenklichen Zeiten im Weltall und wird es noch ebenso lange geben. Ich kann ihn, meinen Körper, daher auf zweierlei Art betrachten. In der einen Betrachtungsweise wird er unzweifelhaft geboren, ist da und stirbt wieder. Aber ebenso unzweifelhaft ist er zu keinem Zeitpunkt dieses Ablaufes der gleiche. Er wandelt sich ständig. Und so kann man in einer zweiten Betrachtungsweise sagen, meinen Körper, nämlich alle seine Teile (Atome), habe es schon immer gegeben. Nur die Zusammensetzung ändere sich. Vielleicht war ein kleines Atom davon vor 2000 Jahren in einem römischen Streitwagen, ein anderes in einer Blume vor 1000 Jahren und ein drittes geht gerade in den Magen von Luzifer, meiner Katze, die mir soeben eine Hautzelle von der Hand abgeleckt hat.
Was ist der Körper? Gibt es den Körper überhaupt? Alle seine Atome gibt es immer, aber nur in einer bestimmten Zusammensetzung – und nur in dieser! – nennen wir sie Körper und in einer anderen Streitwagen, Blume oder Mageninhalt eines Hundes? Wurde der Streitwagen, die Blume in meinem Körper wiedergeboren?
So wie wir die Materie betrachten, können wir das auch mit dem Geist tun. Auch dieser ist nie gleich, wandelt sich ununterbrochen. In der buddhistischen Betrachtungsweise machen unsere Wahrnehmungen, Gefühle, Reaktionen und das Bewusstsein von diesen Vorgängen ‚Geist' aus.
Was ist im Menschen ‚materiell' und was ‚geistig'? Buddhistisch gesehen gibt es keine eindeutige Grenze. Eines gehört zum anderen, doch die Führung geht vom Geist aus. Das passt gut zu den Erkenntnissen moderner Biologie. Diese mutmaßt, alle geistigen Vorgänge, Gefühle und Denken, wären ausschließlich materiell. Doch das ist nur bedingt richtig. Die Biologie erklärt die chemischen Reaktionen, vom Impuls, meine Hand heben zu wollen, bis zum Heben der Hand selbst oder in einem anderen Beispiel, die Ausschüttung sogenannter Glückshormone beim Verliebtsein. Biologen sagen dann, sie hätten die Ursache des Denkens oder der Liebe in der Aufklärung dieser Stoffwechselvorgänge gefunden. Tatsächlich haben sie aber lediglich die materiellen Überträgermechanismen geistiger Impulse aufklären können. Sie erklären nicht, warum und wann wir was denken und warum wir uns in die eine verlieben und in den anderen nicht.
In Buddhismus und in Wissenschaft lässt sich also Geistiges vom Materiellen nicht wirklich trennen. Die monotheistischen Religionen glauben, Geist würde sich mit dem Körper im Augenblick der Zeugung verbinden und diesen im Tod wieder verlassen. Doch wohin ginge der Geist? Wir wüssten es nicht. Wir wissen aber, dass er nie gleich ist und sich ständig verändert. Warum sollte er das in den Augenblicken der Geburt und des Todes nicht auch tun?
Für alle jene, die daran glauben, dass Frau Meier als Herr Müller wiedergeboren wird, ist das Thema ohnehin gelöst, aber dann ist es
Glaubenssache. So kommen die einen ins Paradies und die anderen werden wiedergeboren. Aber unabhängig von dem, was wir glauben, müsste das wohl für alle gleich sein: Alle, auch Buddhisten oder Atheisten, kämen dann in den Himmel oder alle, auch Katholiken, würden wiedergeboren. Nach buddhistischer Erkenntnis stimmt, wie gesagt, beides nicht. Nach dieser wandeln sich sowohl Körper (Materie) als auch Geist seit anfangslosen Zeiten ununterbrochen und werden das auch endlos weiter tun. Mein Körper und Geist von heute sind nicht die gleichen wie vor 20 und in 20 Jahren. Mich, so wie ich heute bin, gibt es also weder morgen noch in 20 Jahren. Ich werde ein anderer sein. Diese Betrachtungsweise kann man auf die Zeit vor der Geburt und nach dem Tod fortsetzen.
Die buddhistische Lehre rät ohnehin, nicht dieses oder jenes zu glauben, sondern ethisch zu leben und den Dingen auf den Grund zu gehen. Den eigenen Egoismus zu überwinden, führe in ein zufriedenes Leben, meint der Buddha. Ob dies richtig sei, mögen wir uns fragen und ergründen. Die Fragen nach Wiedergeburt und paradiesischen Glückszuständen kommen da erst in zweiter Linie. Man möge sie gar nicht stellen, sie verwirrten nur, rät der Buddha.








