In dieser fortlaufenden Serie schreibt Peter Riedl über die aus dem Buddhismus stammende Einsichtsmeditation und wie sie ohne Glaubensvorstellungen im Alltag praktiziert und gelebt werden kann.
Von den vielen Geschichten über den jungen Mann Siddharta Gautama, der später auf der ganzen Welt als der Buddha bekannt wurde, ist eine ganz besonders berühmt. Es ist jene, in der er sich nach einer jahrelangen spirituellen Suche unter einen Bodhi-Baum setzte, dort in ‚tiefer Meditation’ mehrere Tage sitzen blieb und so ‚Erleuchtung’ erlangte.
Das klingt einfach, fast banal und ist doch sehr auffallend. Viele Jahre hatte er bei den berühmtesten Lehrern seiner Zeit studiert, sich intensivsten spirituellen Praktiken unterworfen und all das hatte zu keinen nennenswerten Resultaten geführt. Wieso kam er erst durch stilles Sitzen unter einem Baum zu Erkenntnissen, die bis heute höchste philosophische und religiöse Bedeutung haben? Was war das für eine Form der Meditation und was geschieht in ihr?
Der Buddha hat die Methode unter der Bezeichnung Vipassana ganz exakt beschrieben, auf Deutsch wird sie als Klarblick-, Hellblick- oder Einsichtsmeditation bezeichnet. Und er hat gelehrt, dass man mit ihrer Hilfe zu den gleichen Einsichten kommen könne wie er, und zwar jeder Mensch immer wieder. Man könne und solle auf diese Weise die von ihm gemachten Erfahrungen überprüfen. Das klingt fast wie die Aufforderung zu einem wissenschaftlichen Experiment. Ein solches wird ebenfalls unter gewissen Rahmenbedingungen durchgeführt und kann unter den gleichen Rahmenbedingungen von anderen Menschen wiederholt werden. Diese sollten so zu den gleichen Resultaten kommen.
Der ‚Eine Geschmack’
Ich habe mich vor 25 Jahren aufgemacht, diese Meditation zu erlernen. Ich wusste nicht, wohin mich die Reise führen würde und das Ziel war ebenfalls völlig unklar. Weder unter ‚Meditation’ noch unter ‚Erleuchtung’ konnte ich mir auch nur irgendetwas vorstellen – und dass Erleuchtung mit irgendwelchen heute lebenden Menschen zu tun haben könne schon gar nicht. Doch dann begegnete mir ein erster tibetischer Lama, Tenga Rinpoche. Er machte großen Eindruck auf mich und schien außergewöhnlich liebevoll zu sein. Obwohl ich erst kurz davor eine buddhistische Gruppe besucht hatte, nahm ich sofort ‚Zuflucht’ und beendete spontan meine evangelische Religionszugehörigkeit. Im darauffolgenden Retreat sprach der Rinpoche über den Zustand des ‚Einen Geschmackes’. Ganz gleich, ob man arbeite, Urlaub mache, eine schwere Aufgabe löse oder im Restaurant säße, es gäbe einen Gefühlszustand, in dem alles gleich empfunden würde – und zwar nicht gleich angenehm oder unangenehm, sondern gleich neutral. Diese Vorstellung packte mich, interessierte mich ganz unmittelbar. Ich war ein Suchender, in gewisser Weise auch ein Zerrissener. Einen ausgewogenen Zustand in ständigem Gleichmut erreichen zu können schien mir extrem begehrenswert – und lag doch jenseits aller Vorstellungen. Außerdem war ich ziemlich ehrgeizig. Schon 30 Jahre vorher, also ungefähr im Alter von 14 Jahren, hatte ich von einem deutschen Reisenden gelesen, der in Japan in die ZEN-Meditation eingeführt worden war. Seinen Namen habe ich vergessen, nicht jedoch, was er sagte: „Ein europäischer Geist kann niemals die gesamte Tiefe fernöstlicher Meditation erlernen!“ Und ich, der ich von Meditation noch nie etwas gehört hatte, dachte mir spontan: „Ich schon!“ So unbedarft und großartig können nur junge Menschen sein. Danach kam mir die ganze Angelegenheit wieder aus dem Sinn. Und nun sprach drei Jahrzehnte später dieser tibetische Meister wieder von einer fast identischen Meditation. Dazu sagte er, dass seit ihrer ersten Beschreibung vor 2.500 Jahren eine große Anzahl anderer Methoden dazugekommen sei. Er sprach von der symbolhaften Zahl 84.000, doch wer diese eine, ganz bestimmte Methode beherrsche, brauche keine wie immer geartete andere erlernen, in dieser einen sei alles enthalten, sie alleine führe zum angestrebten Ziel.
Einsichtsmeditation
Vor 25 Jahren begann ich daher, diese Meditation zu üben. Dabei stellte ich mir die Frage: „Kann man heute im Westen, ohne abgeschiedenes Training in der Waldeinsamkeit, ohne jahrelange Zurückgezogenheit im Schutze eines Klosters, in einem ganz normalen westlichen Berufs-, Ehe- und Familienleben, so wie ich es führte, die gesamte Tiefe dieser Meditation tatsächlich erlernen? Und können zumindest einige der vom Buddha beschriebenen Erfahrungen ebenfalls gemacht werden?“ Außerdem war mir wichtig zu untersuchen, ob diese Erfahrungen mit den alten Texten in Übereinstimmung gebracht werden und trotzdem in einer zeitgemäßen Sprache – ohne etwas glauben zu müssen und ohne Spezialausdrücke – ausgedrückt werden könnten.








