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23. November

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Ich oder Nicht-Ich?

UW73ST-Ich_oder_Nicht_ichTheologe und Zen-Lehrer Michael von Brück über eine der wichtigsten Fragen der Menschheit.

Vorbemerkung

Was denn original an seiner Person sei, beschäftigte nicht nur Goethe, der bekanntlich resümierte, ‚vom Mütterchen die Frohnatur' und vom ‚Vater die Statur', mehr noch, die Fähigkeit zum ‚Ernst des Lebens' ererbt zu haben. Wir sind das Resultat unserer Biografie, namentlich der frühkindlichen Prägungen. Alles, was wir erinnern, haben wir erfahren, erlernt, von anderen vermittelt bekommen. Nun vermeldet die Hirnforschung, dass selbst die Formen und Modi, nach denen wir Erinnerungen speichern, nicht einfach ererbt sind, sondern in der frühen Kindheit angelegt werden: Die ‚Architektur' des Gehirns schafft sich selbst, natürlich in einem Rahmen, der biologisch vorgegeben ist, mithin anthropologische Universalia nachzeichnet. Aber die kulturellen und individuellen Spezifika sind Einflüsse, denen wir unterworfen sind. Wo bleibt da ein Ich?

Ein allgemeines Urteil, das in den Kulturwissenschaften ebenso wie in der Philosophie gängig ist, lautet: Der ‚Westen' habe das autonome Ich entdeckt (und dann, mit Sigmund Freud, relativiert), der ‚Osten' hingegen pflege den Blick auf das Nicht-Ich – besonders im Buddhismus und Taoismus.

Dass dieser Schematismus falsch ist, kann die Vergleichende Religionswissenschaft ohne Schwierigkeit belegen. In den indischen Traditionen etwa zeigt sich ein differenziertes Bild. Die Unterscheidungen von jiva (individuelles Lebensprinzip), ahamkàra (Ich), àtman (der transzendente Grund der Person), purusha (die geistige, transhistorische Geistigkeit) usw. zeigen, wie differenziert die Analyse ist. Zwischen den einzelnen philosophischen Systemen gibt es zudem erhebliche Unterschiede.

Im ‚Westen', also in der griechischen Philosophie, den christlichen Theologien und der neuzeitlichen Philosophie, wird deutlich zwischen ‚Ich' und ‚Person' unterschieden. ‚Ich' ist das Abgegrenzte, ‚Person' das Relationale, wie z.B. die Philosophie des Neuplatonismus, die die christliche Theologie nachhaltig geprägt hat (Trinitätslehre), nicht müde wird zu betonen. Augustinus wollte in seiner Trinitätslehre (De trinitate) statt persona lieber relatio sagen, nahm aber davon Abstand, weil der Begriff zu abstrakt sei. Jedenfalls ist das, was heute unter dem Stichwort des ‚Transpersonalen' verhandelt wird, eine Wiederaufnahme der jahrhundertelangen Debatten um den Personbegriff: Person als das, was sich nicht selbst verdankt, was nicht abgegrenzt ist, was in Relationen (aller Dimensionen) seine aus dem Transzendenten kommende Identität gewinnt.

Die heutige philosophische (und psychologische) Debatte dreht sich weniger um Identitätsphilosophie oder Fragen der Unterscheidung von Ich und Person, sondern aufgrund der revolutionären Entwicklungen in den Neurowissenschaften um eine naturwissenschaftliche Untermauerung kognitionstheoretischer Modelle. Dabei geht es letztlich, in veränderter Gestalt, erneut um das Leib-Seele-Problem, das aber als solches reduktionistisch ausgeklammert wird, denn keine der etablierten Wissenschaften befasst sich ernsthaft mit dem Leib-Seele-Problem. Die Philosophie nicht mehr, und die Religionswissenschaft bzw. Theologie nur auf historischer Basis, die Psychologie hingegen versteht sich als Wissen von (objektivierbarem) Verhalten, nicht vom bewussten Erleben aus der Perspektive der 1. Person. Wenn wir also das, worum es der Bewegung der Transpersonalen Psychologie geht, genauer bestimmen wollen, müssen wir fragen, was Bewusstsein ist.

Bewusstsein ist, wie Descartes richtig feststellte, das einzig Gewisse, was wir haben, aber es kann durch den Riss eines feinen Äderchens oder durch ein Toxin in Sekundenbruchteilen außer Gefecht gesetzt werden. Schon William James bemerkte, dass Bewusstsein kein ‚Ding' sei, das man irgendwo lokalisieren könne, sondern vielmehr ein Prozess, dessen Dynamik man studieren könne. Wir wissen heute, dass Bewusstsein der Prozess des ständigen Entstehens und Vergehens von Bewusstseinszuständen ist, derer es mehrere Milliarden geben muss. Man hat gemessen, dass ein hinreichend konstanter Bewusstseinszustand ca. 150 UW73ST-Ich_oder_Nicht_ich2Millisekunden andauert, dann verändert sich die neurologische Basis dieses Zustandes, was man durch bildgebende Verfahren in der Hirnforschung (Computertomographie usw.) zeigen kann.

Ich zitiere den Physiker, Molekularbiologen und Neurowissenschaftler Alfred Gierer, der die Fragestellung prägnant so erfasst:

„Dem Menschen ist sein eigener Zustand im Bewusstsein unmittelbar gegeben, etwa in Form von Gefühlen, Erinnerungen, Absichten, Gedanken, Ängsten. Was ist Bewusstsein? Sicher eine Eigenschaft des Gehirns; also auch ein Ergebnis von Prozessen im Nervennetz. Erklärt dies aber, warum wir einen unmittelbaren Zugang zu unserem inneren, ‚seelischen' Zustand haben, oft ohne Vermittlung der Sinne, ohne Regel, ohne Kenntnis der elektro-physiologischen Vorgänge im Nervensystem? Ist bewusstes Erleben ‚nichts als' ein Aspekt physikalischer Prozesse im Gehirn, ist die Freiheit unseres Denkens und Wollens eine Illusion? Wie verhalten sich physikalische Gehirnprozesse zu logischem Denken, wie weit kann man das menschliche Gehirn mit einem Computer vergleichen? Wie wirklich sind Ideen? Ist Gefühl wissenschaftlich erklärbar, wie können wir etwas von den Gefühlen anderer wissen...? Eine lange Liste von Grundfragen des menschlichen Selbstverständnisses berührt das vielleicht größte und tiefste Problem im Grenzbereich zwischen Naturwissenschaft und Philosophie, den ‚Weltknoten', wie Schopenhauer es genannt hat – die Beziehung zwischen ‚Leib' und ‚Seele'; 2500 Jahre Geschichte der Philosophie, und doch keine Lösung."

In westlichen Kulturen ist eine Tendenz erkennbar, das Ich als eine mehr oder weniger autonome Instanz zu empfinden, die alle Eindrücke sammelt, verknüpft und nach eigenen Willensentscheidungen ordnet und Reaktionen entwickelt. Das Ich stünde damit auf einer höheren Hierarchieebene als die Verarbeitungssysteme für Wahrnehmungen von Objekten. Das Ich wäre dann eine Zentrale, die alles steuert, und hätte einen Ort im Hirn, nach dem nicht nur Descartes (vergeblich) gesucht hat. Anders im Buddhismus: Hier glaubt man nicht an die Existenz eines unabhängigen Ich, sondern vermutet, dass das Ich eine Einbildung sei, die zustande kommt, wenn Bewusstseinsvorgänge sich selbst aktiv koordinieren. Das, was ist, sind einzelne Verknüpfungsvorgänge, aber die Zentrale existiert nicht, der Ego-Zentrismus ist vielmehr das, was durch spirituelle Einsicht überwunden werden müsse. Dies ist nun eine interessante These, weil sie genau dem zu entsprechen scheint, was Hirnforschung heute als Ergebnis des Wissens bezeichnet: Eine zentrale Ich-Funktion ist neurobiologisch nicht auffindbar (und zur Erklärung nicht nötig), das Ich erscheint als kulturell abhängige biografische Konstruktion. Genau in diesem Punkt unterscheidet sich das Gehirn prinzipiell von einem Computer: Anders als beim Computer sind beim Gehirn Hard- und Software nicht zu trennen (das Gehirn erzeugt Sprache, aufgrund von Sprache erst können dann aber im Gehirn neue Vernetzungsstrukturen angelegt werden). Der Computer arbeitet mit einer zentralen Schalteinheit, dem Prozessor, und einem festgelegten binären Code. Das Gehirn hat keine solche Zentrale und keinen eindeutigen Code, was ihm die enorme Variabilität und Flexibilität verleiht, die der Computer prinzipiell nicht haben kann: Dieser könnte zwar quantitativ immer mehr Schaltkreise haben, hat aber nicht die strukturelle Flexibilität der multiplen Verknüpfungsmöglichkeiten des Gehirns, und es gilt: Nicht Logik, sondern Selektion ist die Arbeitsweise des Gehirns, also nicht binäre Entscheidungen, sondern Mustererkennung und Denken in Metaphern. Infolgedessen werden neuronal die Signale nicht eindeutig verarbeitet, sondern in komplexen Selektionsprozessen gruppiert, kartiert und begrifflich zusammengehörig verarbeitet. Dabei sind einzelne Neuronen und Neuronengruppen z.B. im Sehfeld für verschiedene Aufgaben einsetzbar, in je unterschiedlicher Kombination. Die einmal gewählte Zuordnung ist ein Bewusstseinszustand, der nicht gleichzeitig mit anderen ablaufen kann, sondern man muss die Zuordnungen bzw. die Perspektiven bzw. die Bewusstseinszustände wechseln, um das jeweils andere Gruppierungsmuster zu sehen.



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