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23. September

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'Das Herz wird abgeklärt heiter'

UW75JUB-Das_Herz_wird20 Jahre U&W , 20 Jahre der Versuch, Buddhas Lehre in einem modernen, westlichen Gewand zu vermitteln – Grund genug zu einer Selbstbesinnung, ob man dabei auf dem richtigen Weg ist. Eine Gewissenserforschung.

Im Udāyīsutta des Aṅguttaranikāya (III, 184) wird genannt, was sich jemand vornehmen soll, der die Lehre Buddhas vermitteln will:^

 

1. Ich will stufenweise – in der rechten Reihenfolge – lehren.
2. Mit Gleichnissen begründend will ich lehren.
3. Aus Wohlwollen will ich lehren.
4. Nicht um irdischer Vorteile wegen will ich lehren.
5. Weder mich selbst lobend, noch andere herabsetzend will ich lehren.

Das klingt einfach, ist es aber – zumindest für mich – keineswegs.

„Ich will stufenweise – in der rechten Reihenfolge – lehren." Ich will also den Menschen nicht die ‚Vier Edlen Wahrheiten' ‚um die Ohren hauen'.

Wie stufenweises richtiges Lehren aussehen könnte, hat uns Buddha in der häufig erwähnten, formelhaft beschriebenen ‚Stufenpredigt' vorgemacht.

In einer ‚Stufenpredigt' beginnt Buddha damit, dass er über Freigebigkeit spricht. Freigebigkeit ist nämlich die grundlegende Lockerungsübung, um von Gier und Anhaften, den Ursachen des Leidens, loszukommen. So kann Buddhaghosa (5. Jh. n. Chr.), der große Kommentator, zu unserer Stelle schreiben: „In dieser und den höheren Welten gibt es keinen Schutz, keine Grundlage, keine Sicherungshilfe, keine Rettung und keinen Zufluchtsort, die der Freigebigkeit gleichkämen." Es ist kein Zufall, dass nach der Legende der Buddha Gautama in der letzten Geburt vor seiner Buddhaschaft als Prinz Vessantara Freigebigkeit bis zum Exzess geübt hat.

Wenn wir Freigebigkeit üben, können wir die zweite Lockerungsübung angehen: Sittlichkeit. Ihr gilt der zweite Schritt der ‚Stufenpredigt'. Sittlichkeit besteht zunächst darin, dass man die fünf Trainingspunkte der Sittlichkeit aus eigenem Antrieb auf sich nimmt. Diese Trainingspunkte werden oft fälschlich ‚Gebote' genannt. Außerhalb des Strafrechts (und bei Kleinkindern außer den Eltern) gibt es aber niemanden, der die Autorität hätte, sie uns zu gebieten. Die einzige innere Motivation zu Sittlichkeit ist die Freude, die es macht, und der nachhaltige Gewinn, den man davon hat, wenn man versucht, ein guter Mensch zu sein, ein Mensch, vor dem seine Mitwelt möglichst keine Furcht und Angst haben muss.

Damit haben wir die erfahrbaren Wirkungen eines guten Lebenswandels angesprochen. Diese erfahrbaren Wirkungen werden zu Recht als Karma bezeichnet. In einem Weltbild wie dem der meisten Inder, in dem Wiedergeburt eine Selbstverständlichkeit ist, folgt daraus auch der Glaube an (zeitlich begrenzte) Aufenthalte in Himmeln und Höllen. Dies ist die dritte Stufe der ‚Stufenpredigt', die Predigt über die Himmel. Hier weiche ich bewusst von Buddhas Vorgehen ab. Die naiven Vorstellungen von Wiedergeburt, wie sie in buddhistischen Erzählungen (Jātaka) vorkommen, sind mit unserem modernen Weltbild nicht vereinbar. Ich habe (noch) keine unserer Weltsicht angemessene Vorstellung von konkreter Wiedergeburt. Also verzichte ich ehrlicherweise auf dieses Thema.

Erst jetzt spricht Buddha über die Nachteile der Gelüste (vierte Stufe) und die Vorteile der Begierdelosigkeit (fünfte Stufe). Buddha war ein Realist und vorzüglicher Psychologe, der wusste, dass man sein Gegenüber nicht überfordern darf.

Erst wenn Buddha bemerkte, dass seine Hörer dafür geeignet waren, lehrte er sie die ‚Vier Edlen Wahrheiten' (sechste Stufe). Mich fragte einmal ein Ethiklehrer: „Wie bringe ich meinen Sechzehnjährigen bei, dass alles Leiden ist?" Ich antwortete: „Überhaupt nicht!"

„Mit Gleichnissen begründend will ich lehren." Anschaulich, möglichst frei vom Kauderwelsch buddhistischer Fachterminologie und begründend, nicht autoritär behauptend sollte buddhistisches Lehren sein. Buddha will ja keinen blinden Glauben vermitteln, sondern Einsichten.

„Aus Wohlwollen will ich lehren. Nicht um irdischer Vorteile wegen will ich lehren." Dies ist nach meiner Erfahrung besonders für diejenigen sehr schwierig, die ‚berufsmäßig' Buddhisten sind. Nach fünfzig Jahren Beobachtung von ‚Funktionären' verschiedenster Religionen bin ich der Überzeugung, dass es für keine Religion oder Weltanschauung gut ist, wenn sie von Personen abhängt, die ihren Lebensunterhalt nicht im normalen Weltleben verdienen.

„Weder mich selbst lobend, noch andere herabsetzend will ich lehren." Ich schmücke mich zwar nicht mit pompösen Titeln und Namen, die meine Heiligkeit und Weisheit betonen sollen, setze aber gerne christliche Kirchenfunktionäre herab. Da habe ich noch sehr viel zu lernen.

Für die Vermittlung der Lehre Buddhas im Westen formulierte Lama Anagarika Govinda (1898-1985) einen weiteren trefflichen Vorsatz:

„Wir wollen daher unsere Mitglieder nicht zu kleinen Indern, Tibetern, Japanern oder Chinesen machen, sondern uns vielmehr darum bemühen, zunächst einmal das Wesen unserer eigenen, abendländischen Tradition und Kultur in ihrer ganzen Entwicklung zu begreifen, um davon ausgehend die Traditionen anderer Kulturen zu studieren und sie verstehend achten zu lernen." (Lebendiger Buddhismus im Abendland, 1986, S. 26)

Im Dhammasavanasutta des Aṅguttaranikāya (III, 248) werden die Kriterien für eine Erfolgskontrolle des Lehrenden, die Vorteile des Anhörens der Lehre Buddhas angeführt:

1. Man hört zuvor nicht Gehörtes.
2. Bereits Gehörtes wird einem klar.
3. Man überwindet Zweifel.
4. Man berichtigt seine Ansichten.
5. Das Herz wird einem abgeklärt heiter.

Ein gewaltiges Programm! Möge es Ursache&Wirkung  in den nächsten zwanzig Jahren gelingen, diesem Ziel noch näher zu kommen! Ich bitte die Leserinnen und Leser von Ursache&Wirkung  um Nachsicht, dass ich noch so weit davon entfernt bin, die Lehre Buddhas – gemäß diesen Kriterien – angemessen zu vermitteln.

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