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20. Oktober

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Martin Buber und der Zen-Lehrer

 

Folgt man dem Buberschen Denken, könnte man also sagen, dass Douglas den westlichen Menschen als jemanden präsentiert, der gelernt hat, auf die Welt um sich als ein „Das" zu schauen, der gelernt hat, alles als separate Objekte zu betrachten, die außer ihm selbst stehen. Diese Art alles zu sehen war eigentlich der Ausgangspunkt der modernen Wissenschaft, die sich darin entwickelt hat, die „Objekte" zum Nutzen des Menschen zu gebrauchen. Aber die Tragödie, die dadurch entstand, ist doppelt so groß: Dem westlichen Menschen gelingt es heute immer besser, seinen Blick zu schärfen – jedoch zu dem Preis, dass er auch andere Menschen zu Dingen erklärt. Mehr als das: Letztendlich ist auch der betrachtende Mensch selber zum „Objekt" geworden.[4]

In diesem Sinne umgibt die Geistlichen der modernen religiösen Institution auch eine traurige Atmosphäre. Als westlichen Menschen ist ihm nur eine Welt von Objekten bekannt – inklusive des Begriffs Gott, den er als ein Gegenstand betrachtet, als eine bürokratische Einrichtung. Der Mensch kann mit dieser Dimension keinen Kontakt herstellen, ohne sich von ihr zu „differenzieren".

Buber würde also sagen, dass der primitive Mensch zwar viele Fehler in seinen Feststellungen macht, sich der westliche Mensch in dieser Hinsicht nicht wirklich entwickelt hat: Denn der westliche Mensch verlor auch die Fähigkeit zum Kontakt mit dem „Du".

In der vorliegenden Erzählung repräsentiert der „Amerikaner" den westlichen Menschen. Über die Religion möchte er nur noch als ein Objekt sprechen. Seine Rede ist intellektuell; er stellt seine Fragen als Forscher. Dies könnte vielleicht im Alltag und in den Naturwissenschaften effizient sein, aber wenn man zu den empfindlichen Fragen zum Wesentlichen kommt, das keinen Namen hat, zu dem, was durch Wörter und Benennungen nur zerstört werden würde, dann bleibt der Weg zur Wahrheit nur demjenigen offen, der rückwärtsgeht und eben jene Fähigkeit neu entdeckt, andere als Subjekte wahrzunehmen, ohne sich zu „differenzieren". Buber verstand jeden Kontakt des Menschen mit der Welt als eine Begegnung, der die Voraussetzung für einen tieferen Dialog in sich birgt. Wenn beide Gesprächspartner ihre Herzen öffnen und sich richtig zuhören, werden sie von etwas Göttlichem umgeben. Dies ist der Aspekt, den der westliche Mensch aus seiner Welt vertrieben hat: „Wenn Mann und Frau würdig sind, so wohnt die Schechina unter ihnen." (bT Sota 17a) Buber ging davon aus, dass hier die übliche Eigenschaft der „Differenzierung", die auch eine beschränkte, positive Funktion hat, in tausend Stücke zerbricht, so dass die beiden Partner im Dialog sich einander annähern. Er nannte dies die „Umarmung der Einheit".[5]

Aber wie unserer Geschichte entnommen werden kann, ist ein solcher Dialog nonverbal. Die Wörter können sich in einem Dialog nur dann hinzugesellen, wenn der wirkliche Hintergrund eines jeden Anwesenden im Schweigen besteht, wenn ein jeder der Anwesenden sich vom Ego des „Redens über etwas" befreit und der Stimme des Anderen erlaubt, die nun entstandene Leere zu füllen.

 

Admiel Kosman ist Professor für Rabbinische Studien an der Universität Potsdam und Akademischer Direktor des Abraham-Geiger-Kollegs in Berlin. http://www.uni-potsdam.de/db/religion/index.php?ID_mitarbeiter=2

 

[1] Raphael Yehuda Zvi Werblovsky: Dvarim le-Sikhro shel Martin Buber. Jerusalem 1987, S. 33.

[2] Douglas: Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu. Berlin 1985, S. 102.

[3] Douglas: Reinheit und Gefährdung, S. 104.

[4] Dieser Punkt wird besonders von Erich Fromm betont. Vgl. Fromm, Erich: Die Kunst des Liebens. Frankfurt a.M. Berlin Wien 1980, S. 71.

[5] Vgl. Shmuel Hugo Bergmann: Ha-Philosophia ha-dialogit mi-Kierkegaard ad Buber. Jerusalem 1973, S. 256.



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