Der Buddhismus gibt auf Basis seiner tiefgründigen Psychologie und Lebensphilosophie Anregungen zur Vorbereitung auf das Sterben. Was Menschen in den letzten Stunden ihres Lebens brauchen und wie wir ihnen in dieser Phase einfühlsam und helfend zur Seite stehen.
Das Leben ist wie ein Strom, der von der Quelle zur Mündung fließt. Jedes Leben fließt anders. Jeder kennt die Turbulenzen, aber auch das sanfte Dahingleiten, das Tosen dieses Flusses, der sogar Gestein aushöhlt, als Naturgewalt wüten kann und zugleich Lebenselixier ist. Am Ende mündet der Fluss ins Meer. So ist es auch mit einem Menschen, der stirbt. Wenn der Körper zerfällt, geschieht ein Wandlungsprozess, in dem sich der Geist des Menschen von der Form löst. Der Körper, der einst wie das Flussbett war, hat ausgedient. Der Bewusstseinsstrom reist weiter oder geht auf in der Buddha-Natur. Es ist ein feinstofflicher Prozess, anders als beim Wasser und doch ganz ähnlich.
Begegnung im Raum des Unverwundbaren. Am Bett von Claire in ihren letzten Lebenstagen sitzend, suche ich die Verbindung zu unserer Buddha-Natur. Das ist die spirituelle Dimension unserer Begegnung, in der wir im Fluss sind. Indem ich in die mitfühlende Weite meines Geistes eintauche, nehme ich das Verbundensein wahr, das wir in uns haben. Es ist ein sanfter Prozess des Miteinanderschwingens in der Tiefe des Herzens.
Dabei hilft mir die buddhistische Geistesschulung. Bin ich abgelenkt, z.B. durch Sinneswahrnehmungen, dann gehe ich aus diesem Schwingen heraus. Die Achtsamkeit dient dazu, mich auf meine Zerstreuung aufmerksam zu machen und unheilsamen Gedanken nicht zu folgen. Ein offener, unbefangener Blick in die Augen der Kranken hilft, ihr von Herz zu Herz zu begegnen. Es geht nicht darum, eine künstliche Distanz zu ihr zu halten, die manche Pflegenden als Professionalität anpreisen; auch nicht darum, sich im Leiden der Kranken zu verlieren oder sie zu retten. Ich lasse mich von ihr berühren, lasse alles, wie es ist, und sehe hinter dem Leiden Claires Vollkommenheit, klar und rein wie das Wasser.
Wenn ich mir vorstelle, ich liege in diesem Krankenbett, in diesem Körper, schaue aus Claires Augen in die Welt, verstehe ich in wenigen Augenblicken ihre Empfindungen. Wir sind uns ganz nah. Zugleich vergegenwärtige ich mir, dass ich nicht identisch bin mit Claire. Ich befinde mich an einem anderen Punkt im Fluss meines Lebens. Ich muss nicht mitsterben. Das ist ein Geschenk. So wächst in mir Wertschätzung für die Kostbarkeit des Daseins und Mitgefühl für die Kranke, die mir vorausgeht. Es ist genügend Raum für alles da.
Verbundensein. Die Fähigkeit zur Empathie, zu mitfühlendem Verstehen, ist eine der wertvollsten menschlichen Eigenschaften. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass sie unser Leben bereichert, das Gehirn verändert und zu menschlicher Reifung führt. Wir sollten daher das Thema professioneller Distanzeinübung, wie sie in den Pflegeberufen üblich ist, neu überdenken, wenn wir die spirituelle Dimension des Lebens, die Ebene des Miteinanderverbundenseins überall dort, wo menschliche Begegnung geschieht, ernst nehmen. Dabei geht es auch um Ethik, basierend auf Offenheit, Wertschätzung, Achtsamkeit und Mitgefühl.
Claire und mich verbindet unsere Menschlichkeit: Wir beide erfahren Leiden. Wir beide sind sterblich. Das Leiden und der Tod, welche die Sterbenskranke erfährt, stehen mir noch bevor. Der Tod wird bei mir anders kommen, doch er ist unausweichlich. Unsere Sterblichkeit, aber auch unser Fähigkeit, den Tod zu überleben, teilen wir.
Die Kraftquelle als Zuflucht. Claire, die sich wegen eines Darmverschlusses in ihren letzten Lebenstagen oft erbricht, erfährt, wie der Körper jede Kontrolle außer Kraft setzt. Ich halte den Eimer mit der Plastiktüte, reiche Zelltücher und stütze sie. Übelkeit, die mit dem Erbrechen einhergeht, wird zu einem Grundgefühl, das Leib und Seele ergreift. Ständiges Unwohlsein vergällt jedem Menschen die Lust auf Kontakt oder einen Ausflug ins Grüne. Es schwächt Körper und Geist. Nach dem Erbrechen kommt die Erschöpfung und das Bewusstsein erschlafft. In der sich ausbreitenden Müdigkeit regeneriert Claire. Wenn sich die Kräfte gesammelt haben, kann sie sich wieder konzentrieren. Jetzt können wir miteinander sprechen, meditieren.
Aufgrund der desolaten körperlichen Situation treiben negative Gefühle und Gedanken wie Ekel, Wut und Selbsthass ein wildes Spiel mit Claires Geist. Es sind bekannte Muster. Sie wurzeln in alten Gewohnheiten.








