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18. September

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Über das heilsame Sprechen

UW81SCHW-Ueber_das_heilsameOft ist die Zunge schneller als der Geist. Es sprudelt nur so aus uns heraus, obwohl wir doch von Lüge, Klatsch und Geschwätz Abstand nehmen sollten. Wie die Gedanken können auch Worte heilsam oder unheilsam, nützlich oder unnützlich, wahr oder falsch sein. Der Wert der Sprache liegt darin, Menschen zu heilsamen Taten zu bewegen. Über die Bedeutung der Worte auf dem Weg zur inneren Freiheit.

Wenn ich als Jugendlicher mit meinen Freunden beisammen war, dann machte es uns am meisten Spaß, über andere zu reden und das vorwiegend schlecht. Wir zogen über alle her und das kam uns normal vor, das machten doch alle. Ich lebte damals in Wien und hatte gerade meine spirituelle Lebensreise mit der Mitarbeit in einem der ersten buddhistischen Zentren begonnen. Wir begannen zu meditieren, die Gewohnheit, über andere schlecht zu reden, blieb jedoch. Daher gab es trotz Meditation viel Streit. Ein österreichischer Künstler sagte einmal in einem Interview über diese seiner Meinung nach besonders bei den Wienern ausgeprägte Art dem Sinn nach: „Man sitzt im Kaffeehaus mit guten Freunden und alle sind super und man versteht sich so gut. Und kaum steht einer auf und geht, sagt man von ihm, dass er ein kompletter Trottel ist."

Doch durch Meditation, Reflexion und Therapie keimten die ersten Pflanzen der Einsicht und ich merkte, dass mir diese verurteilenden Gespräche immer unangenehmer wurden. Ich lehnte mich dagegen auf. Das war gar nicht so einfach. Wenn negativ über jemand anderen geredet wurde, versuchte ich, etwas Positives beizutragen. Damit wurde ich zuweilen zum Spielverderber, denn das wollte man gar nicht hören. Das war mein persönlicher Einstieg in die Rechte Rede.

In der buddhistischen Lehre geht es um Bewusstwerdung, um Änderung und Schulung des Geistes in Richtung Gelassenheit und Unabhängigkeit. Einmal vergleicht der Buddha die Arbeit eines spirituellen Menschen mit der Arbeit eines Bogenmachers, der genau wissen muss, welches Holz er nimmt und wie es bearbeitet werden muss, um eine gute Waffe zu ergeben. Auf gleiche Weise soll man das Denken und den Geist bearbeiten, bis er ein perfektes Werkzeug geworden ist. Es erscheint logisch, dass ein Ausdruck des Denkens, nämlich das Reden und seine Beherrschung, ebenfalls wichtig genommen wird. An zwei prominenten Stellen in der ursprünglichen Lehre des Buddha wird das sichtbar: Einmal im Edlen Achtfachen Pfad, in dem ein Glied die Rechte Rede ist. Zum Zweiten in den fünf ethischen Richtlinien, wovon die vierte anweist, unrechte Rede zu vermeiden, das heißt, Lügen, Unwahrheit, Verleumden, Hintertragen, Schimpfen und oberflächliches Geschwätz zu unterlassen.

Denkt man über die Bedeutung des Redens nach, wird schnell deutlich: Mit Worten kann man unendlichen Schaden anrichten, mit Worten kann man so viel Gutes bewirken. Warum fällt es uns dann so schwer, diese klaren Richtlinien im Alltag umzusetzen? Warum ist eine harmonische, förderliche Kommunikation gerade im Umgang mit den uns nahestehenden Menschen oft so schwierig? Warum fällt es uns unter Umständen leichter, täglich zwei Stunden still zu sitzen, als unserem Partner zwei nette Sachen zu sagen? Tatsache ist doch, dass in all unseren Beziehungen Kommunikation die wesentliche Rolle spielt und letzten Endes verantwortlich ist für Gelingen oder Scheitern, für Harmonie oder endlosen Krieg, für Wohlbefinden oder vergiftende Missstimmung.

Aus den anfangs erwähnten Jugendtagen hatte ich einen Freund, mit dem ich mich im Bemühen um eine buddhistische Gemeinschaft völlig zerstritten hatte. Unsere Wege trennten sich und selten pflegten wir Kontakt oder hörten voneinander. Eines Tages sprach ich mit jemandem, der meinen Freund auch gut kannte und der sich ziemlich negativ über diesen äußerte. Ich merkte erst später, wie ich mich gewohnheitsmäßig eifrig daran beteiligt hatte. Es ist so leicht, wenn man sich im Recht fühlt, zu sagen: „Oh, dieser Mensch, der ist unmöglich, der macht Schwierigkeiten, der versteht gar nichts von wahrer Spiritualität." Einige Tage später, während eines Kurses, kam mir in der Meditation dieser Vorfall wieder in Erinnerung und ich erkannte, wie selbstgerecht und wie schädlich letzten Endes mein Verhalten war. Ich begann nachzuforschen und entdeckte, wie viele positive Eigenschaften mein ehemaliger Freund hat und wie viel ich ihm zu verdanken hatte. Ich konnte das alles in einem Brief ausdrücken und damit setzte ein Prozess der Versöhnung und eine Erneuerung unserer Freundschaft ein. Die entscheidende Änderung lag darin, dass eine in mir unerlöste Sache aufgearbeitet und abgeschlossen werden konnte.

Ein anderes Beispiel, wie Rechte Rede möglich wird und heilende Veränderung bewirkt, habe ich vor kurzem erlebt. In einer spirituell orientierten Arbeitsgemeinschaft ging es darum, an einem Mitglied Kritik zu üben. Zunächst trafen sich die Mitarbeiter ohne die besagte Person. Nachdem man festgestellt hatte, was es zu Recht zu kritisieren gab, geschah ein bemerkenswerter Prozess. Die Mitglieder hatten gelernt, nicht nur den eigenen Standpunkt wahrzunehmen, sondern sich auch in die Gefühle der anderen zu versetzen. Nachdem man bereit war, den Betreffenden zum Gespräch einzuladen, sagte jemand: „Wir sollten darauf achten, nicht gleich mit der Kritik zu beginnen, sondern zunächst das sagen, was uns positiv an dieser Person aufgefallen ist." Jemand anderer ergänzte: „Vor allem sollten wir nicht zu reden beginnen, sondern zunächst die Person einladen, ihre Version von den Vorfällen zu sagen, und uns darin üben, aufmerksam zuzuhören, ohne gleich zu urteilen." Das alles kam nicht aus Konzepten von Rechter Rede, sondern aus der Einsicht, dass wir auf andere Weise schon viel Schaden angerichtet hatten. Es funktionierte tatsächlich. Durch die positive Einstimmung und den Raum, den die Person bekam, war es ihr möglich, die Fehler im eigenen Verhalten selbst zu finden und zu benennen. Kritik war unnötig geworden und das Gespräch beschränkte sich darauf, gemeinsam zu überlegen, wie man in solchen Fällen besser vorgehen könnte. Diese und viele andere Beispiele zeigen mir, dass es mit Geduld und Verstehen möglich ist, auf eine natürliche Weise die Rechte Rede zu praktizieren.



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