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24. April

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Das Lügen hat in Kultur und Alltag ein erschreckendes Ausmaß angenommen und wird oft als Kavaliersdelikt gesehen. Was es tatsächlich anrichten kann, ist nur wenigen bewusst

Moderne Lügen

Moderne LügenRechte Rede (sammā-vācā) bedeutet eigentlich mitfühlendes Sprechen. Wer aus der grundlegenden Motivation des Mitgefühls spricht und handelt, verwirklicht auch die ‚Rechte Rede'. Lügen zu vermeiden, versteht sich dann von selbst. Doch wir leben nicht in einer von Mitgefühl geprägten Gesellschaft. Das alltägliche Sprechen in Wirtschaft und Politik ist durchsetzt mit Halbwahrheiten, Lügen und bewusster Manipulation. Auch Bilder und vorgespielte Emotionen in den Medien können lügen.

Das, was der Buddha im Edlen Achtfachen Pfad und in den fünf moralischen Regeln als Empfehlung zur freiwilligen Annahme gibt – Lügen zu vermeiden –, hat eine pragmatische und soziale Bedeutung. Sie lässt sich anhand von Kants ‚kategorischem Imperativ' auch aus der abendländischen Tradition begründen: Moralische Regeln haben den Sinn, den dauerhaften Bestand der menschlichen Gesellschaft in einer intakten Umwelt zu sichern. Die Regel „Du sollst lügen" wäre nicht verallgemeinerbar. Wenn man sich im Alltag, etwa bei der Arbeit, nicht darauf verlassen könnte, dass andere – wenigstens fast immer – die Wahrheit sagen, so würde jedes Gemeinwesen zugrunde gehen. Das, was wir konventionell als Wirklichkeit erfahren und denken, muss auch in der Sprache, die die Handlungen koordiniert, so erscheinen, wie wir es erleben.

Gleichwohl bedarf es einer etwas genaueren Überlegung, um Funktion und Ausmaß der Unwahrheiten wirklich zu verstehen. Denn wer nur aus Unkenntnis etwas Falsches sagt, der lügt noch nicht. Die Lüge ist also nicht einfach eine Aussage, die nicht mit den Tatsachen übereinstimmt. Dann wären wir alle Lügner, weil niemand alle Aspekte der Fakten bis ins kleinste Detail kennt. Eine Lüge liegt erst dann vor, wenn allgemein anerkannte Tatsachen wissentlich falsch dargestellt werden. Vor allem zur Beurteilung der Lügen in den Medien ist dieser Unterschied wichtig.

Nietzsche, der in der Moderne viel zur Umwertung aller Werte beigetragen hat, findet für die Lüge eine glänzende Definition: „Der Lügner gebraucht die gültigen Bezeichnungen, die Worte, um das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu machen." Die Lüge ist ein Missbrauch der Worte, das Vorgaukeln von Tatsachen oder Sachverhalten, die nicht bestehen. Wer belogen wird, vertraut auf den Wortsinn des Gesagten und wird eben dadurch – in der Regel zu seinem Nachteil – in die Irre geleitet. Nietzsches Definition enthält noch mehr, denn sie besagt, dass der Lügner das Unwirkliche als wirklich erscheinen lässt. Nun kennen wir alle den Anschein des Wirklichen – im Theater, im Kino, im Roman. Hier liegt keine Lüge vor, weil niemand erwartet, dass in Kunst und Unterhaltung Tatsachen wissenschaftlich korrekt wiedergegeben werden.

Doch die Grenzen zwischen dem Anschein der Wahrheit und dem wahren Sachverhalt verschwimmen in den Medien. Auch die Sprache ist ein Medium. Die Dinge erscheinen ja nicht selbst in den Wörtern. Die Wörter spielen beim Sprechen auf der Klaviatur der individuellen Erfahrungen. Doch diese Erfahrungen sind zumeist gemeinsame soziale Erfahrungen. Wenn Medien von Erfahrungen anderer berichten, dann wird die moralische Norm, die Wahrheit zu sagen, unabdingbar. Ich muss mich darauf verlassen können, dass eine Wegbeschreibung, die Erzählung eines Ereignisses, eine Zahl oder Ähnliches jeweils korrekt ist. Und das heißt: Auch ich, wäre ich zur entsprechenden Zeit am entsprechenden Ort gewesen, hätte das berichtete Ereignis sehen und hören können. Das Verbot der Lüge ist also ein unabdingbarer Bestandteil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, damit aber Ausdruck unserer – in einem buddhistischen Begriff – gegenseitigen Abhängigkeit.

Nun gehört es aber ebenso zu unserer Erfahrung, dass diese gegenseitige Abhängigkeit immer wieder missachtet wird; mehr noch, sie wird privat und egoistisch missbraucht. Weil andere erwarten, dass das, was ich sage, auch wahr ist, kann ich diese Erwartungshaltung systematisch ausnutzen und andere zu meinem Vorteil und ihrem Nachteil in die Irre führen.

Dass dies auf einer lokalen und individuellen Ebene häufig geschieht, steht außer Frage. Ebenso ist unstrittig, dass damit anderen Leiden zugefügt werden. Einmal schmerzt es unmittelbar, belogen zu werden, zum anderen aber erschüttern Lügen das gegenseitige Vertrauen, schüren Hass oder Aggression und befördern so die drei Geistesgifte: Die Lüge vertieft unser Nichtwissen und den Egowahn, weckt die Gier, zum eigenen Vorteil die Unwahrheit zu sagen – oft augenzwinkernd als harmloses ‚Flunkern' abgetan –, reagiert auf Lügen anderer aber gleichwohl mit Aggression. Dass die Unwahrheit auch am Lügner nicht spurlos vorübergeht, zeigt sich am schlechten Gewissen, das mit der Lüge regelmäßig einhergeht.

Doch was auf individueller Ebene in kleinen Gruppen seit alters her galt – sonst hätten nicht alle spirituellen Systeme die Lüge mit einem Bann versehen –, das hat sich in der Moderne auf einer gesellschaftlichen und politischen Ebene schier unendlich vervielfacht. Die Lüge tritt heute in tausendfacher Gestalt auf und die Differenz zwischen wahr und falsch wird dabei mehr und mehr unsichtbar. Selbst in den Wissenschaften hat sich die Lüge eingeschlichen, wie durchaus nicht seltene Berichte über gefälschte Daten oder erfundene Experimente belegen.



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