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20. September

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Was ist der unterschied zwischen Achtsamkeit und Aufmerksamkeit?

Die Kreativität der Achtsamkeit

UW82SP-Die Kreativitaet1Die Befreiung vom Leiden, von selbst geschaffenen Fesseln, ist ein kreativer Akt im höchsten Sinn. Handlungen schaffen Karma und karmische Verstrickungen gelten als Ursache des Leidens. Es ist deshalb ebenso sinnvoll wie heilsam, die Quelle der Kreativität ein wenig genauer zu untersuchen.

Im Buddhismus unterscheiden wir eine relative von einer endgültigen Wahrheit. Um das Verhältnis beider Wahrheiten näher bestimmen zu können, erfolgt zunächst ein kleiner Umweg des Gedankens. Auch die mosaischen Religionen kennen zwei Wahrheiten. Sie unterscheiden zwischen der Welt und Gott. Gott gilt als Schöpfer, als Creator der Welt. Er ist von der Welt strikt getrennt. Alle kreative Macht wird auf die göttliche Person projiziert. Allerdings – so sagen die theistischen Traditionen – offenbart sich Gott in der Welt durch Propheten und heilige Bücher (Tora, Bibel, Koran). Menschen sind nicht ursprünglich kreativ; sie nehmen nur Anteil an Gottes Schöpfung. Das Geheimnis des kreativen Wunders, aus dem Nichts Phänomene hervorzubringen, wird nicht erklärt, sondern personalisiert und in Tempeln und Kirchen als jenseitige Macht verehrt.

Psychologie und Neurowissenschaften wollen die Kreativität auf die Erde zurückholen und versuchen, sie durch Prozesse im Gehirn zu erklären. Doch an zentralen Stellen ihrer Theorien scheitern sie am Begriff der Kreativität selbst. Zwei Beispiele: Der Begründer der modernen Kreativitätsforschung, Jay P. Guilford, gelangt nur zu dem, was man in der Logik eine Tautologie nennt: „Kreativität ist eine spezifische Eigenschaft von kreativen Personen." Und der Hirnforscher Gerhard Roth sagt tautologisch, die Kreativität des Gehirns bestehe darin, ‚über bereits bestehende Netzwerke neue zu kreieren'. Das ist keine Erklärung. Für dieses Scheitern gibt es einen tieferen Grund: Kreativität bezieht sich auf etwas, das neu und wertvoll ist. Man kann Neues aber nicht aus Bekanntem (zum Beispiel dem Gehirn) erklären. Kennt man die Ursachen des Neuen und kann es aus Altem logisch ableiten, so ist es gar nicht neu, sondern steckt bereits in den Ursachen. Das wirklich Neue ist immer unerklärbar. Insofern formulieren die theistischen Traditionen durchaus den tiefen Gedanken, dass das Auftreten von etwas Neuem ‚aus dem Nichts' ein Geheimnis umgibt, das sie ‚Gott' nennen.

Nun liefern auch die verschiedenen Schulen der buddhistischen Tradition keine logische Erklärung für kreative Phänomene. Kreativität gilt sogar als karmische Verstrickung. Im ursprünglichen Buddhismus sah man die Befreiung in einer Abkehr von der Welt, der Hauslosigkeit und Askese. Die vielen Regeln für Mönche und Nonnen sollen gerade die Kreativität im Handeln zügeln und beschränken. Das Nirvāna erscheint hier als ein später zu erreichendes Ziel, zu dem ein achtsames, streng geregeltes Leben führen soll: Das Absolute (Nirvāna) soll zeitlich dem Relativen (Samsāra) irgendwann nachfolgen. Samsāra hat keinen Anfang, aber ein Ende; Nirvāna hat einen Anfang, aber kein Ende.

Diese Präsentation des Heilsziels im frühen Buddhismus bleibt nicht ohne innere Widersprüche. Wenn das Nirvāna im verblendeten Handeln gar nicht vorkommt, sondern erst nach dessen Ende erkennbar ist, dann bleibt das Ziel des spirituellen Wandels dunkel. Es ergibt sich daraus ein viel größeres Problem: Wenn einerseits, wie der Buddha sagt, Samsāra ohne Anfang ist und wir alle schon unendlich lange in Verblendung wiedergeboren werden, wenn andererseits aber doch in jeder Lebensspanne eine – wenn auch noch so geringe – Chance auf Befreiung besteht (vergleiche Udāna VIII, 6), dann müssten wir alle eigentlich längst befreit sein. Samsāra wäre leer. Warum? In unendlicher Zeit wird auch die geringste Chance zu einer Sicherheit. Wenn die Wahrscheinlichkeit, in einer Lebensspanne Befreiung zu erlangen, auch nur eins zu einer Million beträgt, so wird diese Wahrscheinlichkeit in einer Million Lebensspannen zur Gewissheit. Samsāra dauert aber schon länger – unendlich lange. Folglich müssten wir eigentlich alle befreite Buddhas sein.

Man kann die Entwicklung zum Mahāyāna, besonders die Lehre von der Buddha-Natur, als eine Lösung dieser Schwierigkeit betrachten. Diese Lehre besagt, dass jedes Lebewesen bereits über eine Buddha-Natur verfügt, also das Nirvāna in sich trägt, es aber aus Verblendung nicht erkennt. Das Absolute ist präsent, doch halten uns Sorgen und Kümmernisse davon ab, es zu verwirklichen: „Im verwirrten Geist wird die Buddha-Natur (Dharma­dhātu) nicht gesehen" (Nāgārjuna).



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