ursache.at

16. April

Letztes Update:08:26:01

HOME > Gesundheit > Psychologie > Das Gefühl der Gefühllosigkeit

Depression

Das Gefühl der Gefühllosigkeit

Gefühl der GefühllosigkeitWeltweit leiden rund 40 Millionen Menschen an Depressionen. In den westlichen Industrieländern sind bis zu 30% der Bevölkerung wenigstens einmal im Leben von dieser psychischen Störung betroffen.

 

Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace, der im September 2008 mit nur 46 Jahren starb, begann eine Rede, die er im Jahre 2005 bei der Abschlussfeier eines US-Colleges gehalten hatte, mit einer kleinen Geschichte: Zwei junge Fische begegnen schwimmend einem alten Fisch, der in die Gegenrichtung schwimmt. Der alte Fisch fragt im Vorüberschwimmen: „Na, wie gefällt euch das Wasser?" Die jungen Fische schwimmen zunächst noch ein Stück weiter, dann fragt der eine den anderen verwundert: „Was zum Teufel ist Wasser?!"

Nicht nur das Leben als solches, auch der medizinische Fortschritt wird durch solche Paradoxien bestimmt: Viele für den Menschen lebensnotwendige Faktoren wurden erst dadurch erkannt, dass sie nicht vorhanden waren und ihr Mangel zu Krankheit oder Tod geführt hat. Mit dem Sinn verhält es sich ganz ähnlich wie mit dem Wasser bei den jungen Fischen. Wer in seinem Leben nie einen Mangel an Sinn erlebt hat, wer nie die Qual erlebt hat, die ein Mensch erleidet, dem das Gefühl für den Sinn des eigenen Lebens abhandengekommen ist, dem wird die Frage nach dem Sinn wahrscheinlich genauso unbegreiflich erscheinen wie den beiden jungen Fischen die Frage nach dem Wasser. Oft ist es paradoxerweise also erst der Mangel, der uns in die Lage versetzt, die Bedeutung eines Phänomens zu erkennen. Wenn es nun – ähnlich wie im Falle des Skorbut bei einem Mangel an Vitamin C – eine Erkrankung gäbe, die durch Sinnmangel verursacht wäre, könnte uns dies vielleicht helfen, der medizinischen Bedeutung des Sinns auf die Spur zu kommen.

Gibt es eine Sinn-Mangelerkrankung? Ja, es gibt sie. Sie ist eine ernste und in nicht wenigen Fällen sogar tödliche Krankheit. Ihr Name: Depression. Depressive Erkrankungen sind keine Bagatellerkrankungen – sie stellen einen qualvollen, von den Betroffenen weder durch Willensakte noch durch sonstige selbstveranlasste Maßnahmen beeinflussbaren Zustand dar. Kennzeichen der Depression sind ein Gefühl anhaltender innerer Leere, über Wochen und Monate gehender Antriebsverlust, ein andauerndes ‚Gefühl der Gefühllosigkeit' und eine qualvolle Empfindung völliger Sinnlosigkeit des eigenen Daseins. Dieser peinigende Zustand ist es, der nicht wenige depressiv Erkrankte suizidal werden lässt.

David Foster Wallace, der Autor der kleinen Geschichte mit den Fischen, litt an der Gemütserkrankung und nahm sich deshalb das Leben. Auch der Freitod des Fußballers Robert Enke aus Hannover im November letzten Jahres hat viele Menschen ganz besonders berührt, denn er war keiner dieser Aufschneider, wie man sie im Spitzensport heute häufig findet. Er war ein ganz ‚normaler' Mensch, ein Mensch wie viele unter uns: bescheiden im Auftreten, pflichtbewusst und voller Hingabe an seine Arbeit.

Anzeichen einer Depression

Haupt-Symptome:
-Depressive Stimmung
-Verlust von Interesse und Freude
-Erhöhte Ermüdbarkeit

Zusatz-Symptome:
-Defizite bei Konzentration, Aufmerksamkeit und Gedächtnis
-Reduktion von Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
-Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit
-Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
-Suizidgedanken oder Suizidhandlungen
-Schlafstörungen
-Verminderter Appetit

Wenn wir in Bezug auf die oben angeschnittene Sinnfrage noch einen Schritt weitergehen, können wir uns eine Frage stellen, die im Falle des Skorbut so lauten würde: Wenn der Skorbut eine Vitamin C-Mangelerkrankung ist, welche Nahrungsmittel müssen Menschen zu sich nehmen, um ihren Vitamin C-Bedarf zu stillen? Wie jedermann weiß, lautet die Antwort: frisches Obst und Gemüse. Man könnte nun analog dazu fragen: Wenn die Depression eine Sinn-Mangelerkrankung ist, welche Bedürfnisse müssenDavid Foster Wallace befriedigt werden, welche ‚Nahrung' ist erforderlich, um den Sinnbedarf des Menschen zu stillen? Vermutungen und Hypothesen darüber, um welche Bedürfnisse es sich handelt, gibt es schon lange, sowohl seitens der Philosophie als auch der Psychologie. Doch viele Menschen geben sich mit Vermutungen und Hypothesen nur ungern zufrieden. Um diese Skeptiker zu überzeugen, bedurfte es der Erkenntnisse der modernen Neurobiologie. Sie hat in den letzten Jahren tatsächlich Antworten auf die Frage gefunden, welche Bedürfnisse zu befriedigen sind, welcher ‚Nahrung' es bedarf, um den menschlichen Organismus vor einer Sinn-Mangelerkrankung wie der Depression zu schützen.

Die Antwort der modernen Neurobiologie lautet: Der Mensch braucht, um keinen Sinnmangel zu erleiden und nicht in Depression zu verfallen, zwischenmenschliche Anerkennung, Zuwendung und Sympathie. Wir benötigen, um Sinn zu erleben, andere Menschen, für die wir Bedeutung haben. Menschen brauchen, um gesund zu bleiben, Bindungen. Das Bedürfnis nach Bedeutung, Wertschätzung und Anerkennung ist also keineswegs nur ein psychologisches Bedürfnis, sondern es handelt sich – wie neurobiologische Studien zeigen – um ein biologisches Bedürfnis! Menschen, die den Verlust einer Bindung oder einen schwerwiegenden und lang anhaltenden Mangel an Wertschätzung durch andere erleiden, erleben eine messbare Veränderung ihres neurobiologischen Substrats: Die sogenannten Motivationssysteme des Gehirns stellen die Synthese von lebenswichtigen Botenstoffen wie dem Glückshormon Dopamin ein, gleichzeitig kommt es zu einer Aktivierung der neurobiologischen Stress- und Angstsysteme (mit einem Anstieg der Stressbotenstoffe Cortisol und Noradrenalin). Das psychische Korrelat dieser neurobiologischen Veränderungen sind Gefühle der Sinnlosigkeit, der Leere, der Angst, des Selbstzweifels und des Lebensüberdrusses.



Kommentar schreiben