Nach Ansicht von Philosophen, Psychologen, Soziologen und neuerdings auch von Neurowissenschaftlern ist die wichtigste Frage, die sich Menschen stellen, die nach dem ‚Wer bin ich?'. Sie wird in Wissenschaftskreisen auch Identitätsfrage genannt.
Übergebe ich die Frage dem globalen Wissenspool unserer Zeit, dem Internet, wird sie allein im deutschen Sprachraum über 3 Millionen Mal gestellt. Frage ich nur nach ‚Identity', bekomme ich ca. 180 Millionen Fundstellen. Einer der im Zuge dieser Recherche gefundenen Lebensberater erklärt: „Die eigene wahre Identität gefunden zu haben, ist die Grundvoraussetzung für Zufriedenheit, Glück, Gesundheit und ein langes Leben."
Ein wissenschaftliches Buch über Identität beginnt mit der Feststellung: „Das Thema Identität dominiert seit einer Reihe von Jahren die öffentlichen, politischen und wissenschaftlichen Debatten so sehr, dass vom ‚Inflationsbegriff Nr. 1' die Rede war. Die Identitätsformel ‚Sich Erkennen, Erkannt- und Anerkanntwerden' ist zum Leitmotiv von Einzelnen und Gruppen, Minderheiten und Mehrheitsgesellschaft, Institutionen und Nationen, Wissenschaftsdisziplinen und Künsten geworden. Der politische Diskurs hat uns das Thema einer ‚nationalen Identität' und einer deutschen ‚Leitkultur' beschert, Firmen pflegen ihre ‚Corporate Identity', die Ratgeberliteratur empfiehlt uns ‚Identity Styling', in esoterischen Zirkeln begibt man sich auf die Reise zum ‚wahren Selbst'."
Wir halten die Frage nach der persönlichen Identität heute für natürlich und unumgänglich. Doch erscheint sie in der Kulturgeschichte des Abendlands erst im 8. Jh. v. Chr., in Homers Epos Odyssee. Odysseus ist es, der sie bei seinen Irrfahrten erstmals gegenüber Gastgebern in einer uns vertrauten Weise beantwortet. Und auch da schon mit dem nicht seltenen beträchtlichen Dünkel, der mit dem Wort ‚Ich' verbunden ist: „Ich bin Odysseus, Laertes' Sohn, durch mancherlei Klugheit unter den Menschen bekannt; mein Ruhm reicht bis in den Himmel." Davor hatte im westlichen Kulturraum noch niemand von sich als ‚Ich' gesprochen. Wie Kleinkinder heute noch, sprach man damals von sich nur in der dritten Person. Folglich gab es auch diese Frage nicht. Ähnlich war es bis ins 20. Jh. in vielen Sprachen außereuropäischer Völker.
Kurz nach Homer, zu Beginn der griechischen Philosophie, wird die Frage dort schon allgemein gestellt, und zwar verbunden mit einem religiösen und moralischen Auftrag. Jeder, der in den Apollotempel von Delphi eintritt, findet sich mit der Aufforderung konfrontiert: „Gnothi seauton", „Erkenne dich selbst". Es ist die wesentliche Frage, die jetzt jeder zu beantworten hat. Insbesondere Sokrates macht sie zu seiner Lebensaufgabe und zur Kernfrage der Philosophie. Mit ihr beginnt die Selbstreflexion, die Erkenntnis der Erkenntnis.
Doch schon vor den Griechen hatten sich die Brahmanen und Asketen Indiens der Selbsterkenntnis gewidmet und sie in den Upanishaden tiefgründig zu beantworten gesucht. Es war hier die Frage nach dem Atman. Sie persönlich zu beantworten, hieß ebenfalls, die entscheidende Lebensaufgabe zu lösen. Die Antwort, die gefunden wurde, prägte die indische Geistesgeschichte bis heute und hieß: „tat twam asi", „das bist du". Doch was bedeutet das, was ist mit dem ‚das' gemeint, das ich bin? Es ist das Atman, das Unsichtbare in allen Dingen, das als ewiges, unveränderliches Sein, als geistige Kernsubstanz allen Erscheinungen zugrunde liegt.
Von daher lag es nahe, dass auch der Buddha die Frage als zentrale Lebensfrage aufgriff. Er beantwortete sie jedoch in ganz anderer Weise, als sie sowohl in der indischen als auch in der griechischen Kultur üblicherweise beantwortet wurde. Unter den zahlreichen Aussagen, die vom Buddha überliefert sind, gibt es eine, in der er beschreibt, auf welche Weise viele Menschen seiner Zeit diese Frage stellen:
„Gab es mich in der Vergangenheit? Gab es mich nicht in der Vergangenheit? Was war ich in der Vergangenheit? Wie war ich in der Vergangenheit? Was war ich, und was bin ich daraufhin in der Vergangenheit geworden? Wird es mich in der Zukunft geben? Wird es mich in der Zukunft nicht geben? Was werde ich in der Zukunft sein? Wie werde ich in Zukunft sein? Was werde ich sein, und was werde ich daraufhin in der Zukunft werden? Oder ansonsten ist er über die Gegenwart verwirrt: Bin ich? Bin ich nicht? Was bin ich? Wie bin ich? Wo kam dieses Wesen her? Wo wird es hingehen?"
Buddha bemerkt dazu: „Wenn er [der Frager] auf solche Weise unweise betrachtet, entsteht eine von sechs Ansichten in ihm. Die Ansicht ‚für mich gibt es ein Selbst' entsteht in ihm als wahr und erwiesen; oder die Ansicht ‚für mich gibt es kein Selbst' entsteht in ihm als wahr und erwiesen (...) oder ansonsten hat er eine Ansicht wie diese: ‚Es ist dieses mein Selbst, das da spricht und fühlt und hier und da die Ergebnisse guter und schlechter Taten erfährt; dieses mein Selbst ist unvergänglich, dauerhaft, ewig, nicht der Unbeständigkeit unterworfen, und es wird so lange wie die Ewigkeit andauern.'"
Und dann heißt es: „Durch die Fessel der Ansichten gebunden, ist der unaufgeklärte Weltling nicht befreit von Geburt, Alter und Tod, von Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung; er ist nicht befreit von Dukkha (Leiden), sage ich."[1][RM1]
2500 Jahre später sind die heutigen Fragen den damaligen erstaunlich ähnlich. Und die Antwort des Buddha steht immer noch im Gegensatz zu den Antworten, wie sie in den modernen westlichen Gesellschaften gesucht und gegeben werden. So verspricht uns der obige Lebensberater, dass wir ‚Zufriedenheit, Glück, Gesundheit und ein langes Leben erlangen', hätten wir die eigene Identität gefunden, während der Buddha uns ankündigt, dass wir im Gegenteil damit Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung – kurz dukkha – ernten würden.









