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Ohne ego kein Stress

Stressalarm

UW74SCHW-StressalarmF√ľr Psychologen ist Stress eine Anpassungsreaktion des Organismus, f√ľr Buddhisten ist Stress ein Geistesgift. Eines gilt jedoch als sicher: Ohne Ego gibt es keinen Stress.

Der Terminus Stress (engl. Anspannung) wurde 1936 vom √∂sterreichisch-kanadischen Mediziner Hans Selye eingef√ľhrt. Selye untersuchte chronische k√∂rperliche Belastungen, die als Allgemeines Adaptationssyndrom zu Organsch√§digungen und zum Tod f√ľhren. Heute verstehen wir alle einmaligen oder geh√§uften belastenden oder bedrohlichen Situationen als Stress. Wenn wir vom Stresskreislauf sprechen, meinen wir eine zyklische Alarmreaktion des Organismus auf Bedrohung. Dabei greifen emotionale, neuronale und hormonelle Vorg√§nge ineinander. Beteiligt sind vor allem das vegetative Nervensystem und im Gehirn das limbische System, der Hypothalamus und die Hypophyse. Der Stresskreislauf weist drei Phasen auf:

1. Vorphase (Parasympathikus): Entwicklung der Situation, Bereitschaft zur Energiemobilisierung

2. Alarmphase (Sympathikus): extreme Wachheit, Aktivität, Aggression, Flucht, aber auch (bei Hyperaktivität des Parasympathikus) Erstarren, Totstellen, Dissoziation oder Kollaps

3. Erholungsphase (Parasympathikus): vegetative R√ľckregulierung der Erregung

Wenn der Sympathikusteil des autonomen Nervensystems dominiert, wird der K√∂rper auf Angriff oder Flucht umgeschaltet und die Erregung steigt. Damit verbunden sind Denkblockade, Pulsbeschleunigung, erh√∂hter Blutdruck, Muskelanspannung, Pupillenerweiterung, Magens√§ureanstieg, Darmstarre, Ausschaltung von Immun- und Sexualfunktion sowie die Aussch√ľttung von Glucose und Fetten als Energietr√§ger in die Gef√§√üe. K√∂nnen wir eine derartige Stresslage mit einer passenden Aktivit√§t des K√∂rpers beantworten und die bereitgestellte Energie abbauen, also z.B. angreifen, fliehen oder ein Problem tatkr√§ftig bew√§ltigen, so erfahren wir Befriedigung und kommen danach wieder zur Ruhe. Das ist produktiver Eustress. Gelingt dies nicht und wird der Energiezyklus irgendwo blockiert, so ist das der sch√§dliche Disstress, quasi eine Adrenalinvergiftung mit Dauererregung und problematischen k√∂rperlichen und psychischen Konsequenzen. Das passiert heute vielen Menschen. Frederic Vester nennt das biologische Frustration, da wir bei Stress weder die aufgebaute Energie umsetzen noch Ruhephasen zu ihrer R√ľckregulation einhalten. Im Leben unserer Vorfahren waren sehr lange Pausen zwischen seltenem Stress die Regel.

Man findet individuell, kulturell, geschlechts- und schichtspezifisch unterschiedliche Reaktionsmuster auf Stress. Die amerikanischen Kardiologen Friedman und Rosenman unterscheiden zum Beispiel Typ-A-Pers√∂nlichkeiten, die schnell mit √Ąrger, Ungeduld, Aktivit√§t, Feindseligkeit, Aggression, Bluthochdruck und einem erh√∂hten Noradrenalinspiegel reagieren, von Typ-B-Pers√∂nlichkeiten, die entspannt bleiben. Individuelle Dispositionen beg√ľnstigen dann entsprechende psychosomatische Folgen wie Sodbrennen, Gef√§√üverengungen, Hypertonie, Herzinfarkt, Herzrhythmusst√∂rungen, chronische Darmerkrankungen, Asthma, Migr√§ne, Herpes genitalis oder das Burnout-Syndrom.

Die Art, wie ein Mensch eine Belastung bew√§ltigt, nennt man Coping-Strategie und diese ist abh√§ngig vom Selbstwertgef√ľhl, von der Erfolgs- oder Misserfolgszuschreibung, der Selbstwirksamkeitseinsch√§tzung und den Bew√§ltigungsressourcen. Gut strukturierte Pers√∂nlichkeiten k√∂nnen ihre M√∂glichkeiten und Grenzen besser realisieren.

Auch wenn viele Menschen auf belastende Lebensereignisse √§hnlich reagieren, wie etwa die Life-Event-Forschung statistisch feststellt, gibt es strenggenommen keine objektiven ‚ÄöStressoren', also eindeutige und f√ľr jeden gleicherma√üen stresserregende Dinge oder Umst√§nde. Man unterscheidet deshalb √§u√üere Faktoren der Belastung vom Grad der subjektiven Beanspruchung, die individuell sehr verschieden ist.

Stress ist schon vorgeburtlich und in der fr√ľhen Kindheit wirksam, etwa beim cephalic shock des S√§uglings, einem Versteifen des Nackens bei existenzbedrohenden √Ąngsten. Solche Kinder leiden unter Umst√§nden ein Leben lang an einer Dauererstarrung von Kopf, Nacken, Schultern und Zwerchfell, an Angst und innerer Leere. Die S√§uglingsforschung zeigt, dass die prim√§ren Beziehungen verinnerlicht werden. Kinder, zum Beispiel, mit sicheren Bindungen sind toleranter gegen√ľber Belastungen als unsicher, ambivalent oder desorganisiert gebundene Kinder. Defizit√§re fr√ľhe Beziehungen k√∂nnen in einer √ľbererregten Stresspers√∂nlichkeit resultieren und beeintr√§chtigen schon beim Ungeborenen und beim S√§ugling nachweislich das hormonelle Selbstregulierungssystem. Psychische oder k√∂rperliche Extrembelastungen wie Gewalt oder Missbrauch k√∂nnen zu einem permanenten Alarmzustand des Nervensystems f√ľhren, das nicht mehr loslassen kann ‚Äď in der Fachsprache ‚Äöposttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS)' genannt.

Erfahrungen gehen also im wahrsten Sinne des Wortes in Fleisch und Blut √ľber. Wir sollten dabei Ursache und Wirkung richtig verstehen: Wir reagieren nicht mit Stress, weil bestimmte Hormone in unserem K√∂rper freigesetzt werden, sondern weil uns subjektiv die Vernichtung droht.

F√ľr bewegliche Lebewesen gibt es nur drei Bewegungsrichtungen gegen√ľber einem Objekt: Stopp, Vor oder Zur√ľck. Die Frage ist, f√ľr welche wir uns in welcher Situation mit welchem Ziel entscheiden. Neben Flucht, Erstarren und Angriff sind √ľbrigens noch Neugier und Kommunikation wichtig ‚Äď wohl auch f√ľr den urzeitlichen J√§ger, der oft die popul√§re ‚Äöevolution√§re' Erkl√§rung illustrieren soll, nach welcher der Stressmechanismus als eine Art ‚Äöinstinktive Reaktionsautomatik' unseren Vorfahren das jagende √úberleben garantierte. W√§re das richtig, so w√§ren wir alle von Geburt an gute J√§ger. Menschen sind aber nicht mit derartigen instinktiven Verhaltensprogrammen ausgestattet. Auch unsere Vorfahren mussten erst lernen, gef√§hrliche Situationen einzusch√§tzen und ihre spontanen Reaktionen anzupassen. Der bessere J√§ger war n√§mlich nicht der, der blind seinen Impulsen folgte, sondern der, der sie auf dem optimalen Erregungsniveau zwischen Panik, Erstarren und kopflosem Angriff beherrschen konnte. Schon vor Urzeiten war die Jagd ein schwieriges Gesch√§ft, das Kooperation und Planung erforderte und nicht gut von gestressten Wilden ausge√ľbt werden konnte.

Buddhismus: Stress ist ein Geistesgift

In den meisten biologisch-psychologischen Konzepten werden Stressfaktoren als messbare, objektive Gr√∂√üen angenommen, die kausal von au√üen auf einen Organismus einwirken, so dass dieser mit Stress reagiert. Dieser Annahme liegt ein Reiz-Reaktions-Modell des Menschen zugrunde, ebenso ein dualistisches Weltbild, das materielle K√∂rpervorg√§nge als eine eigene Welt neben das subjektive Erleben stellt. Intuitiv-ganzheitlich und buddhistisch betrachtet ist das nicht haltbar. Die Stressreaktion ist zwar eine in unserem K√∂rper angelegte M√∂glichkeit, auf Bedrohungen anzusprechen. Doch was genau eine Bedrohung ist, wird dabei kaum festgelegt und hat mit realer Gefahr oft nichts zu tun. Autofahrer begeben sich z.B. t√§glich angstfrei in reale Lebensgefahr. Und es k√∂nnen v√∂llig harmlose Objekte eine urspr√ľngliche Bedrohung symbolisch vertreten, etwa kleine Tiere, vor denen sich Phobiker f√ľrchten. F√ľr das Stresserleben macht es keinen Unterschied, ob uns ein L√∂we bedroht, eine Spinne oder ein beruflicher Misserfolg, ob die Bedrohung real ist oder nur vorgestellt. Es gibt also keinen an einen bestimmten Schl√ľsselreiz gekoppelten menschlichen Instinkt. Unter starker Belastung nimmt man einfach Zuflucht zu den stabilsten Gewohnheiten und fr√ľhesten Meinungen. Darum kann f√ľr die Stresstherapie neben Entlastung und Angstreduktion sowohl der vergangene Entstehungskontext als auch der aktuelle Sinn des Bedrohungserlebens wichtig sein. Was wirkt, ist die subjektive Meinung von der Welt.

Ein biologisches Konzept von Stress birgt die Gefahr, blo√üe Erfahrungsm√∂glichkeiten als organische Notwendigkeiten zu verdinglichen und damit einem Materialismus zu erliegen, der Stressoren, Stress und Gestresste als substanzielle Dinge versteht. Aus buddhistischer und ph√§nomenologischer Sicht sind die drei aber eine sich wechselseitig bedingende Einheit im Raum des Erlebens. Alle Ph√§nomene sind Projektionen des Geistes und das Ergebnis vergangener Eindr√ľcke ‚Äď auch der K√∂rper selbst.

Und was jemand im Leben denkt, f√ľhlt und tut, hinterl√§sst neue Eindr√ľcke im Geist: die Keime f√ľr sp√§tere Wirkungen. Karma ist immer das Ergebnis eigenen Tuns.

Die Erregung, die wir Disstress nennen, ist buddhistisch ausgedr√ľckt eine Mischung der Geistesgifte Abneigung oder Zorn und Anhaftung, also alles andere als die urspr√ľnglich klare, mitf√ľhlende, freudvolle und furchtlose Natur des Geistes. Auch Angst ist oft auf den Kopf gestellter Zorn, der nach au√üen projiziert wird. Wir geraten in Stress, wenn wir uns √ľberfordern (lassen), weil wir keine Grenzen setzen. Das ist Anhaftung an das allm√§chtige (oder ohnm√§chtig-√§ngstliche) Kind in uns. Oder wir erleben Stress, wenn etwas nicht nach unseren W√ľnschen l√§uft, wie ein verw√∂hntes Kind, das sich f√ľr den Mittelpunkt der Welt h√§lt. Es ist also das Ego, das Stress erf√§hrt.

Alles, was wir erleben, entsteht in einem komplexen Feld aus zahlreichen Bedingungen, die wir nicht immer kontrollieren k√∂nnen. Buddhistisch tauchen Ereignisse im stets str√∂menden Leben auf, sobald entsprechende Bedingungen abh√§ngigen Entstehens zusammentreffen, f√ľr die ‚Äď aufgrund vergangener Geisteseindr√ľcke ‚Äď karmisch die Zeit reif ist. Der Buddhismus nimmt nicht nur an, dass wir verantwortlich sind f√ľr das, was wir tun, sondern auch f√ľr das, was wir erleben ‚Äď auch f√ľr unsere Stressreaktion. Wir ernten die Fr√ľchte, die wir selbst einst unseren Tendenzen gem√§√ü ges√§t haben. Und wir haben die Freiheit, es besser zu machen.



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