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24. Juli

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Eine Analyse

Zufriedenheit – das höchste Glück und Gut

UW75SCHW-ZufriedenheitWir führen ein Leben in Wohlstand und Frieden, mit Rentenanspruch, Krankenversicherung und sonstigen sozialen Leistungen. Warum sind wir Menschen im Westen dennoch so unzufrieden, so unglücklich, so unleidlich?

„Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick." (Dostojewski)

Das Schlagwort Zufriedenheit taucht in vielen Lexika erst gar nicht auf, man findet aber Glück. Ist das etwas ganz anderes? ‚Kröners Philosophisches Wörterbuch' beschreibt Glück als den ‚Zustand vollkommener Befriedigung, vollkommener Wunschlosigkeit'. Der ‚Brockhaus' hält Glück für die ‚Erfahrung der Freude angesichts der Erfüllung von Wünschen, des Eintretens positiver Ereignisse'. Und ‚Metzlers Philosophisches Lexikon' fragt, ‚ob die Erfüllung der Begierden das Glück nach sich zieht, oder ob das Glück nicht vielmehr dann eintritt, wenn sich der Mensch von allen Begierden und Leidenschaften frei gemacht hat'. Was ist nun also Glück? Etwas erlangen oder nichts wollen?

In manchen Texten werden Glück und Zufriedenheit synonym verwendet. Andere verwenden beide Begriffe für Unterschiedliches. Zufriedenheit wird dann eher als stabile innere Haltung verstanden, also als Einstellung, und Glück als ein instabiles Hochgefühl der Freude, also als eine Emotion.

Einig ist man sich von der Antike bis in die Gegenwart, dass Glück das höchste Ziel und Gut des menschlichen Lebens ist. Das buddhistische Land Bhutan hat das Gesamtglück seiner Bevölkerung sogar zum Staatsziel erklärt und hält rein ökonomische Ziele für ungeeignet.

Glück und Zufriedenheit schließen gesundes Wohlbefinden ein. Gesundheit ist laut WHO ein ‚Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen'.

Eines ist sicher: Alle Anstrengungen aller Menschen haben immer direkt oder indirekt den Zweck, zufriedener oder glücklicher zu machen, auch wenn das oft nicht offensichtlich ist. Denn im Lauf des Lebens können sich ursprüngliche Ziele, etwa der Zugehörigkeit oder des Geliebtseins, durch Umwandlungen hinter sekundären Zielen wie Ehrgeiz oder Machtstreben verbergen. Wegen solcher Irrtümer kommt beim Glücksstreben am Ende nicht selten das genaue Gegenteil heraus. Und so erscheint es vielen Menschen ganz normal, unglücklich, resigniert oder schlecht gelaunt zu sein.

Zufriedenheit ist dagegen die Abwesenheit solch negativer Emotionen, eine wohlige Grundspannung, bereithaltend und offen für das Leben, gegenwärtig, freundlich, optimistisch und vertrauend. Wie eine freie Haltung, von der aus man sich unverkrampft und freudig in jede Richtung bewegen kann, die die jeweilige Lage erfordert.

Bewusstseinswissenschaftlich ist eine Rückwärtserklärung von Zufriedenheit oder Glück aus bestimmten neuronalen Mustern oder ‚Glückshormonen' ein Irrweg, weil sie primäre Geistesphänomene als sekundäre Folge materieller Prozesse missversteht und damit die Wirklichkeit und den Erkenntnisweg auf den Kopf stellt. Streng genommen ist nämlich etwa ‚das Gehirn' selbst ein Konzept des Geistes.

Ein altbekanntes Pyramidenmodell menschlicher Bedürfnisse des Psychologen Abraham Maslow (1970) geht davon aus, dass sich höherstufige Bedürfnisse – wie etwa Selbstverwirklichung – erst bilden, wenn fundamentale – wie Nahrung oder Sicherheit – befriedigt sind. Dies wird leider oft missverstanden als ‚Erst das Fressen, dann die Moral'. Die Erfüllung existenzieller Grundbedürfnisse ist zwar sicher die Voraussetzung für Zufriedenheit, doch ‚satt und sauber' ist nicht genug. Eine weitere unverzichtbare Bedingung für ein zufriedenes Lebensgefühl ist die Erfahrung von Zugehörigkeit zu anderen Menschen. Der Säugling braucht menschliche Nähe genau wie Muttermilch. In den 40er Jahren belegte der Psychoanalytiker René Spitz, dass hospitalisierte, körperlich gut versorgte Kinder ohne menschliche Zuwendung schwer erkranken. Das Soziale ist ebenso existenziell wie Nahrung, und zwar lebenslang.

Auch Vertrauen, Mut und Angstfreiheit sind Grundbedingungen für Lebenszufriedenheit und Begleiter des Zugehörigkeitsgefühls. Wir können äußere Freiheit erst leben, wenn wir einen sicheren inneren Raum bewohnen, der uns mutig, neugierig und unabhängig macht. Zufriedenheit ist darum ein Bestandteil emotionaler Stabilität, ein wichtiger Schlüsselfaktor in der Persönlichkeitspsychologie.

Nicht zuletzt ist Zufriedenheit eine gängige Variable in Demografie und Marktforschung, etwa als Arbeits-, Lebens- oder Produktzufriedenheit. Sie wird dort definiert als Ergebnis eines Vergleiches von Soll- und Ist-Werten, abhängig vom Anspruchsniveau einer Person. Nach der Theorie der Person-Umwelt-Passung müssen in einer gegebenen Lebensumwelt 1. die Angebote zu den Bedürfnissen und 2. die Anforderungen zu den Fähigkeiten einer Person passen. Verschiedene Ausprägungen dieser Faktoren bedingen dann verschiedene Arten von Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit, die wiederum unterschiedliches Anpassungsverhalten nach sich ziehen. Wenn sich jemand zum Beispiel als wenig kompetent erlebt, wird er in einer gegebenen Situation eher ‚resignativ zufrieden' sein, ein Mensch mit hoher Selbsteinschätzung dagegen eher ‚konstruktiv unzufrieden', das heißt, er wird seine Lage verbessern wollen.



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