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17. Mai 2012

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Beobachtungen aus der "Neuroethik"

Sind wir von Grund auf böse?

UW76ST-Sind_wir_von_grundAusgrenzung aktiviert die Schmerzsysteme unseres Gehirns und begünstigt Gewalt. Was bedeutet dies für unser Leben?
Wie die meisten seiner Zeitgenossen, so hatte sich einst auch Sigmund Freud bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914 von Kriegsbegeisterung hinreißen lassen. Was im Jahre 1918 folgte, war eine verheerende Niederlage und ein Ende mit Schrecken. Erstmals war in diesem Krieg eine Massenvernichtungswaffe – Giftgas – eingesetzt worden. Beeindruckt vom Grauen dieses Krieges, in dem einer seiner Söhne verwundet worden war, versuchte Freud offenbar, sich das Geschehen zu erklären: Im Jahre 1920 formulierte er zum ersten Mal seine Hypothese eines Todestriebes, den er – einige Jahre später – auch als ‚Aggressionstrieb' bezeichnete und den er der von ihm erkannten Liebesenergie der Libido gegenüberstellte.

Viele Jahre später verschärfte Konrad Lorenz Freuds Theorie vom ‚Aggressionstrieb'. Tiefe, über ein bloßes Gruppenzugehörigkeitsgefühl hinausgehende zwischenmenschliche Bindungen, so führte Lorenz in seinem berühmt gewordenen Werk über ‚Das sogenannte Böse' explizit aus, könnten sich nur dort ergeben, wo zwei Partner ihre Aggression gegen ein gemeinsames Drittes ablenkten. Unter Nichtbeachtung bereits vorliegender Ergebnisse der Bindungsforschung erklärte Lorenz in ‚Das sogenannte Böse' die Bindung ausdrücklich zu einem Derivat der Aggression. Die Aggressionstheorien beider Männer standen in diametralem Gegensatz zu Charles Darwin. Darwin sah die menschliche Aggression als ein zwar biologisch fundiertes, aber reaktives Verhaltensprogramm, dessen Aktivierung entsprechende Stimuli zur Voraussetzung hat. Einen ‚Aggressionstrieb' sucht man bei Darwin vergebens.

Die moderne Neurobiologie gibt Charles Darwin recht. Was ist – aus heutiger Sicht – ein Trieb? Wie bei allen Lebewesen, so unterliegt auch das Verhalten des Menschen dem Lustprinzip. Menschen orientieren ihr Verhalten an dem legitimen Wunsch nach Wohlgefühl und nach der Vermeidung von Schmerz. Hirnzentren, die dafür sorgen können, dass Menschen sich wohlfühlen, wurden erst vor etwa 30 Jahren entdeckt: Es sind die im Mittelhirn sitzenden sogenannten Motivationssysteme (auch ‚Belohnungssysteme' oder ‚Glückssysteme' genannt). Sie – und nur sie! – sind in der Lage, jene Botenstoffe auszuschütten, die dem Menschen das Gefühl von Vitalität, Motivation und Lebensfreude schenken können. Aktivieren lassen sich diese Systeme durch lustvolle Bewegung, durch Musik, durch das Angebot von (insbesondere süßer) Nahrung, vor allem aber durch soziale Akzeptanz, durch zwischenmenschliche Zuwendung und Liebe. Einem anderen Menschen Leid oder Schmerzen zuzufügen, ohne zuvor provoziert worden zu sein, ist bei psychisch durchschnittlich gesunden Menschen – aus Sicht des Motivationssystems – nicht lohnend.

Diese Erkenntnisse zur Funktionsweise der Motivationssysteme waren das Ende des ‚Aggressionstriebes'. Doch was ist damit gewonnen? Der ‚Aggressionstrieb' mag tot sein, doch ebenso offensichtlich ist, dass die zwischenmenschliche Aggression lebt. Ja, sie lebt heute, wie es scheint, mehr denn je! Doch gerade deshalb erschien – und erscheint – es mir wichtig, mit dem Mythos einer tief im Menschen sitzenden spontanen, unprovozierten Lust an Aggression und Gewalt aufzuräumen. Ebenso wie die – meines Erachtens unhaltbare – Theorie von den ‚egoistischen Genen' ist auch die Theorie vom ‚Aggressionstrieb' dabei, zu einer biologischen Legitimation des derzeit weltweit herrschenden ungebremsten kapitalistischen Systems zu werden. Dies war der Hintergrund, der mich veranlasste, die neurobiologischen Erkenntnisse zur menschlichen Aggression in meinem Buch ‚Schmerzgrenze' zusammenzufassen.

Zentral und bahnbrechend für das Verständnis vieler (nicht aller!) Aggressionsphänomene, die uns heute begegnen, spielt eine neurobiologische Beobachtung, die erst wenige Jahre alt ist, eine Rolle. Dass körperlicher Schmerz ein potenter, äußerst zuverlässiger Trigger für Aggression ist, ist eine alte Erkenntnis. Neu aber war folgende Beobachtung: Wesentliche Teile der neuronalen Schmerzmatrix des menschlichen Gehirns werden nicht nur dann aktiv, wenn körperlicher Schmerz zugefügt wird, sondern auch dann, wenn ein Mensch sozial ausgegrenzt oder gedemütigt wird. Damit wird zum ersten Mal verständlich, dass – und warum – Menschen auf Ausgrenzung und Demütigung mit erhöhter Aggressionsbereitschaft reagieren (falls die aggressive Energie nicht nach außen abgeleitet werden kann, kann sie sich nach innen richten und eine Depression hervorrufen). Das von mir formulierte ‚Gesetz der Schmerzgrenze' lautet: Nicht nur wer Menschen körperliche Schmerzen zufügt, auch wer andere sozial ausgrenzt und demütigt, tangiert die Schmerzgrenze und wird Gewalt ernten.

Doch gibt es nicht die ‚unbegründete' Aggression, wie sie uns an vielen Stellen des gesellschaftlichen Zusammenlebens – auf der Straße, in Schulen, am Arbeitsplatz oder in Familien – begegnet? Die scheinbar wie aus dem Nichts auftauchende Gewalt ist nur zu verstehen, wenn wir das überaus wichtige Phänomen der ‚Verschiebung' berücksichtigen. Aggression, die nicht dort ausgetragen werden kann, wo sie hervorgerufen wurde, wird in einem neurobiologischen ‚Aggressionsgedächtnis' gespeichert und äußert sich dann häufig in Situationen, die völlig losgelöst sind vom Kontext ihrer Entstehung. Verschobene Aggression, die sich z.B. gegenüber Schwächeren und/oder völlig unbeteiligten Dritten entlädt, erscheint wie unbegründet und erzeugt den Eindruck eines triebhaften Geschehens. Tatsächlich ist dieser Eindruck falsch, wie eine sorgfältige Analyse der Situation der jeweiligen Täter regelmäßig zeigt (was nicht bedeutet, die Täter freizusprechen und/oder ihre Taten zu rechtfertigen!).



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