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20. Mai

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Ich messe Achtsamkeit

ON-Ich_messe_AchtsamkeitDer Psychologe Tobias Glück über die neurobiologischen Auswirkungen von Meditation und wie nachweisbar deren positive Effekte sind.

U&W: Ihr aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Auswirkung der unterschiedlichen Meditationsstile auf Achtsamkeit, das seelische Wohlbefinden und Stress. Welches Ergebnis erwarten Sie Sich?

Glück: Da es sich um eine explorative, also ergebnisoffene Studie handelt, haben wir keine festgelegten Erwartungen. Da in der Forschung häufig verschiedenen Meditationsstile zusammengefasst werden und den unterschiedlichen Schulen bzw. Arten von Meditation weniger Beachtung geschenkt wird, wollen wir überprüfen, ob es hinsichtlich der Auswirkungen ein Muster im Hinblick auf Stress, Angst, Depressivität, Achtsamkeit aber auch bestimmte Persönlichkeitseigenschaften gibt — oder auch nicht. Wir sind somit in der glücklichen Lage, dass auch „kein Ergebnis" ein interessantes Ergebnis ist.

U&W: Können Sie erklären, mit welchen Techniken und wie sie in ihrer Forschung vorgehen?

Glück: Wir führen eine sogenannte Querschnittuntersuchung anhand eines Online-Fragebogens durch. D.h. dass die Teilnehmer einmalig zu verschiedenen psychologischen Parametern (Achtsamkeit, Stress, etc...) befragt werden. Es gibt mittlerweile den Ansatz, Achtsamkeit, also den Zustand der durch Meditation erreicht werden soll, als ein psychologisches Konstrukt zu betrachten, das aus mehreren Facetten, wahrscheinlich fünf, besteht. Diese fünf Facetten werden als Nicht-Reagieren, Beschreiben, Beobachten, Nicht-Beurteilen und Bewusstes Handeln bezeichnet und machen zusammen das „Konstrukt" Achtsamkeit aus. Wir verwenden einen Fragebogen, mit dem man die Ausprägung dieser fünf Faktoren erfassen kann. Der Vorteil von Online-Fragebögen ist, dass sie sowohl von den Teilnehmer schnell ausgefüllt werden können als auch von uns keine aufwendige (und häufig mit Fehlern verbundene) Dateneingabe notwendig ist. Außerdem erreichen wir so kostengünstig eine große Zahl von Personen, die durch eine E-Mail bzw. durch Meditationszentren und Dachverbände auf unsere Studie aufmerksam gemacht werden. Man kann an der Studie noch bis zum Herbst an der Studie teilnehmen, die Fragen dauern ca. 20 Minuten und sind unter https://www.soscisurvey.de/Achtsamkeit/ zu finden. Es gibt auch ein Gewinnspiel für die TeilnehmerInnen.

U&W: Welche Meditationsstile untersuchen Sie?

Bei uns stehen für die Teilnehmer Zen, Vipassana, Yoga, Chi Gong und Tai Chi zur Auswahl. Die letzten drei, da auch diese als Achtsamkeitstechniken verstanden werden. Wir geben den Teilnehmer aber auch die Möglichkeit selbst eine Meditationsart einzutragen. Die meisten der wissenschaftlich untersuchten Mediationsstile lassen sich in die beiden sogenannten Arten der „focussed attention" (also gerichtete Aufmerksamkeit) und des „open monitoring" (offenes Beobachten) einteilen. Diese grobe Einteilung verwenden wir auch für unsere Studie und versuchen durch Fragen zur Meditationsart eine Zuordnung, was allerdings nicht immer gelingt. Bzw. fangen viele mit gerichteter Aufmerksamkeit an, z.B. den Atem zählen und wenn man dann schon fortgeschrittener ist, geht es zu einem offenen Beobachten über. Hier interessiert uns, ob sich das mit den Fragebögen erfassen lässt.

Können Sie in einfachen Worten erklären, was auf physiologischer und neurophysiologischer Ebene in der Meditation passiert?

Kurzfristig gesehen, scheinen sich beim Zustand des Meditierens bestimmte Hirnwellen zu ändern und die Aufmerksamkeitslenkung wird besser. Man weiß mittlerweile auch relativ gut, dass sich durch Meditation bestimmte Hirnareale verändern. Also z.B. dass bei älteren Menschen, meditieren bestimmte Gebiete des Cortex dicker werden, obwohl im Alter das Gegenteil passieren sollte. Auch scheint sich die Emotionsregulation zu verbessern, da die hier verantwortlichen Hirnbereiche angesprochen werden. Es hat sich auch gezeigt, dass das in der Meditation verwendete Benennen von Empfindungen und Gefühlen zu einer geringeren emotionalen Reaktion und damit den beteiligten Hirnzentren führt. Hier handelt es sich allerdings um Veränderungen, die nur stattfinden bzw. nachweisbar sind, wenn man regelmäßig meditiert, z.B. jeden Tag mindestens 20 Minuten, dann aber schon nach einigen Wochen bzw. Monaten. Anderes wird hingegen erst nach vielen Jahren der Meditation sichtbar, wie z.B. eine Synchronisation bestimmter Hirnwellen bei der Meditation. Da ist es wie mit dem Joggen; wer nur einmal pro Monat laufen geht, wird wenig davon haben – die Regelmäßigkeit macht es aus und wenn es nur 5 bis 10 Minuten am Tag sind, ist das schon besser als gar nichts.

Physiologisch konnte unter anderem gezeigt werden, dass sich durch Meditation beispielsweise die Schmerztoleranz erhöhen lässt, aber auch dass der Blutdruck sinkt bzw. Meditation gut für das Herz-Kreislauf-System und die Lungenfunktion ist. Was mich am meisten fasziniert ist, dass das Immunsystem schon nach wenigen Wochen regelmäßiger Meditation gestärkt wird.

Welche Unterscheide zeigen sich in Bezug auf die Art der Meditation (Ruhe vs. Einsichtsmeditation)?

Wir sammeln gerade noch die Daten und können hier in Bezug auf unsere Stichprobe noch keine Aussagen treffen. Allerdings verwenden wir, wie vorhin erwähnt, einen Fragebogen, der die verschiedenen Facetten der Achtsamkeit misst. Wir gehen davon aus, dass z.B. jemand der eher in Meditation der gerichteten Aufmerksamkeit geschult ist, eine höhere Ausprägung auf der Facette des Bewussten Handelns zeigt. Jemand der hingegen eher eine Meditation der offenen Beobachtung praktiziert wird wahrscheinlich eine höhere Ausprägung in Nicht-Reagieren haben. Aber das ist nur eine Vermutung. Man kann aber aus der bisherigen Forschung sagen, dass z.B. eine Meditation der gerichteten Aufmerksamkeit andere Bereiche des Gehirns anspricht, da es hier z.B. nötig ist mit dem Bewusstsein länger auf einem Objekt, z.B. dem Atem, zu verweilen und sich nicht von anderen Dingen ablenken zu lassen. Und wenn man abgelenkt wird, kehrt man wieder zum Objekt zurück. Das sind hochkomplexe neuronale Vorgänge, die eine Vielzahl an unterschiedlichen Hirnregionen ansprechen. Bei anderen Arten der Mediation sind wieder andere Bereiche gefragt.



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