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17. April

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Überlegungen aus soziologischer Sicht

Kann es eine Gesellschaft ohne Lüge geben?

UW81SCHW-Kann_es_eine_GesellschaftNach einer alten jüdischen Geschichte sitzt der Sami Kornfeld im Zug von Czernowitz nach Leutomischl. Ihm gegenüber sitzt der alte Rosenbaum. Und wie man halt so redet im Zug, fragt der Kornfeld den Rosenbaum: „Na, Herr Rosenbaum, wohin fahren Sie denn?"

Und Rosenbaum antwortet: „Na, wohin werd' ich fahren, Herr Kornfeld, nach Leutomischl fahr' ich!" Jetzt fängt Kornfeld an zu überlegen: Also Moment. Wenn er sagt, er fährt nach Leutomischl, dann will er doch, ich soll glauben, er fährt nach Czesnice. Nun sitzt er aber im Zug nach Leutomischl. Außerdem weiß ich, er hat ein Geschäft in Leutomischl. Und seine Freundin wohnt auch in Leutomischl. Es kann nicht anders sein: Er fährt nach Leutomischl. Also warum lügt er?

Wie so viele jüdische Geschichten, oftmals irrtümlich Witze genannt, verweist uns auch diese auf die vielen Schichten hinter den Geschichten. Ob eine Aussage eine Lüge ist, ist nicht nur eine Frage der Interpretation, es ist auch eine Frage dessen, wie man Interpretationen interpretiert, wie man erwartet, dass die eigenen Interpretationen interpretiert werden, wie man die Erwartungen der Interpretationen der eigenen Interpretationen interpretiert – eine unendliche Geschichte.

Die Rechtsprechung versucht, es sich einigermaßen leicht zu machen, und sagt: Eine Lüge liegt dann vor, wenn die Unwahrheit in Täuschungsabsicht gesagt wird. Um jemanden einer Lüge bezichtigen zu dürfen, muss man ihm/ihr somit eine Täuschungsabsicht nachweisen. In der obigen Geschichte ist die Täuschungsabsicht ein als selbstverständlich vorausgesetztes Element der Kommunikation. Deshalb lügt Rosenbaum, wenn er die Wahrheit sagt.

Wir haben es also bei der Lüge mit zwei Problemen zu tun. Erstens: Mit der Unwahrheit, die nur vorliegen kann, wenn es auch eine Wahrheit gibt, und zweitens: Mit der Täuschungsabsicht, die nur vorliegen kann, wenn es auch eine Absicht zur Wahrheit gibt. Das erste Problem nötigt uns einen Exkurs in die Philosophie ab, das zweite einen in die Psychologie. Beide Exkurse müssen bruchstückhaft und anekdotisch bleiben, denn in diesem Heft wollen auch noch ein paar andere Beiträge Platz finden. Also:

Erstes Problem: Gibt es eine Wahrheit?

Etwas vereinfacht gesagt, können wir drei Typen von Wahrheit unterscheiden.

Typ 1:
Eine Wahrheit, die auf Übereinstimmung von Konventionen beruht. Sie kann – zumeist mit sozial tolerierten Ungenauigkeiten – kommuniziert werden. Die Aussage „Es ist vier Uhr" wird in der Alltagskommunikation ziemlich übereinstimmend um genau vier Uhr als wahr, um vier Uhr 15 als noch einigermaßen wahr und um fünf Uhr als nicht mehr wahr interpretiert werden. Das kleine Problem am Rande, dass es genau vier Uhr niemals sein kann, weil die Mitteilung bereits zwei Sekunden in Anspruch nimmt, so dass es am Ende der Aussage nicht mehr genau vier Uhr sein kann, wird da, wo es wichtig ist, mit Zeitgebersignalen gelöst, in der Alltagskommunikation mit übereinstimmenden Konventionen, wie große oder wie kleine Ungenauigkeiten noch zu tolerieren sind. Die Aussage, dass zwei und zwei vier ergibt, ist auf der Basis eines mathematischen Definitionssystems wahr, ohne ein solches hingegen bedeutungslos.

Typ 2:
Eine Wahrheit, die auf Übereinstimmung von Introspektionen beruht. Eine Aussage zum Beispiel des Typs „Ich liebe dich" hat wahrscheinlich so viele mögliche Bedeutungen, wie es Menschen gibt, die eine solche Aussage machen können. Dazu gehören zum Beispiel: „In deiner Gegenwart geht's mir gut", „Du veränderst meinen Hormonstatus", „Mit deinem Geld kann ich meine Wünsche erfüllen", „Ich finde es geil, wenn du alles tust, was ich will", „Du bist ein wesentlicher Bestandteil meiner Zukunftsfantasien" und viele andere. Wenn die Person, der gesagt wird, sie werde geliebt, zu diesem Text aus ihrer eigenen Erfahrungswelt ähnliche Assoziationen produziert wie der/die Absender/in des Textes, dann wird man wohl von der Wahrheit der Aussage sprechen können, sonst nicht.

Typ 3:
Eine Wahrheit als selbsttragende Konstruktion: Ein Konzept, das die Suche nach Wahrheit zur Lebensaufgabe erhebt. Jesus Christus hat von sich gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." An anderer Stelle freilich auch: „Was ist Wahrheit?" Die erstgenannte Aussage scheint sich mir auf unseren dritten Typus von Wahrheit, die zweitgenannte auf den ersten zu beziehen. Verschiedene Religionsgemeinschaften, die ihre jeweiligen Gottheiten als die ‚wahren' bezeichnen und die anderen dann folgerichtig als die ‚falschen' und die in der Vergangenheit – teilweise auch noch in der Gegenwart – daraus das Recht abgeleitet haben beziehungsweise ableiten, alle Menschen umzubringen, die die falschen Gottheiten verehrt haben oder noch immer verehren, machen mir solche end- und allgemeingültigen Wahrheiten ziemlich unsympathisch. Hätte Jesus gewusst, zu welchen Gräueltaten die späteren sogenannten Christen sich selbst ermächtigt haben aufgrund ihres Glaubens, sie seien die Alleinerben der absoluten Wahrheit, ich weiß nicht, ob er sich als ‚die Wahrheit' bezeichnet hätte. Es muss sich hier wohl nicht zuletzt auch um ein Übersetzungsproblem handeln.

Zweite Frage: Gibt es eine Absicht zur Wahrheit?
Irgendwo in der Tiefsee gibt es Anglerfische. Die täuschen mit einem fühlerähnlichen Fortsatz auf dem Kopf anderen, kleineren Fischen einen noch kleineren Fisch vor, den diese Kollegen irrtümlich für Beute halten, danach schnappen, aber noch rechtzeitig, bevor sie ihn erwischen, ihrerseits vom Anglerfisch verspeist werden. Eine klare Täuschungsabsicht, sofern wir Fischen die Möglichkeit unterstellen, absichtsvoll zu handeln. Die gesamte Tierwelt ist voll von Tarnungen, Tricks und Täuschungen, die allesamt dem Überleben dienen. Ein befreundeter Kinderarzt hat mir einmal erzählt, dass er bei einer Waschmittelfirma angerufen hat, um die chemische Zusammensetzung der kleinen grünen Kugeln zu erfahren, die das Produkt dieser Firma nach deren Werbeaussagen so viel besser als die Konkurrenzprodukte gemacht hat: Ein Kind hatte von dem Waschmittel gegessen und musste jetzt entgiftet werden. Nach ausgiebigem Zögern der dortigen Auskunftsperson erfuhr er schließlich: Die kleinen grünen Kugeln enthielten exakt dieselbe Substanz wie der Rest des Waschmittels, nur mit dem Zusatz von etwas grüner Farbe. Es scheint so zu sein, dass sich größere und wohl auch kleinere Konzerne in ihrer Firmenpolitik stark an Anglerfischen orientieren.
Mit der Absicht zur Wahrheit ist das also so eine Sache: Es gibt sie, aber sie dient dem Überleben nur dann, wenn man die Beute ist. Dem Überleben des Jägers ist sie eher hinderlich.

Nun gut. Kann es also eine Gesellschaft ohne Lüge geben?
Die Antwort wird wohl je nach Wahrheitstyp anders ausfallen müssen. Für den Wahrheitstyp 1, bei dem es lediglich darum geht, innerhalb eines allgemein verbindlichen Zeichensystems Aussagen zu machen, die im Sinne dieses Systems nur entweder richtig oder falsch sein können, lautet die Antwort: Würde unsere Gesellschaft aus zwei deutlich getrennten Subgesellschaften bestehen, nämlich aus der der Jäger und der der Beutetiere, dann wäre die Antwort einfach: Die Jäger würden in einer Gesellschaft ohne Lüge verhungern. Für die Beutetiere wäre sie eine Art von Paradies. Leider ist aber in unserer Gesellschaft – so wie in großen Teilen der Tierwelt – jeder mal Jäger, mal Beute. Daher würde eine Gesellschaft ohne Lüge leider nicht funktionieren. Für den Wahrheitstyp 2, bei dem es um die Übereinstimmung von Interpretationen und Introspektionen geht, muss die Antwort wohl lauten: Die Wahrheit kann nur durch langsame und mühevolle Kleinarbeit erreicht werden, durch den Versuch, mehr und mehr Klarheit über die Deutungen und Deutungserwartungen unserer Kommunikationspartner zu erlangen. Einfacher geht es mit der Lüge: „Ich liebe dich" – und schon ist jede Diskussion zu Ende. Falsch, aber einfach. Für den Wahrheitstyp 3, die absolute und objektive Wahrheit, müssten wir wohl die diversen religiösen Oberhäupter zu einer gemeinsamen Konferenz versammeln. Auf die wäre ich wirklich neugierig.

Dr. Anselm Eder, geboren 1947 in Wien, ist Universitätsprofessor am Institut für Soziologie mit Forschungsschwerpunkten in den Bereichen ‚Medizinische Soziologie', ‚Körpersprache als Beobachtungsfeld' und ‚Simulation sozialer Interaktionen'.

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