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25. Oktober

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Mein Navi kennt die Zukunft ...

UW82GES-Brief_Kraeuterdoktor3Liebe Leserin, lieber Leser!

Wir sind vor kurzem nach Mattersburg gezogen. Raus aus der Stadt, aus Wien, der Kinder wegen und auch unserer Seelen wegen, der Ruhe wegen, und schön langsam werden wir auch ruhig.

Doch dreimal die Woche pendle ich nun nach Wien, in meine Praxis. Dreimal die Woche wirkt der Sog der Großstadt, und um dem Massentreiben aus dem Weg zu gehen, verlasse ich das ländliche Haus um 5 Uhr morgens, Findus, mein Schäferhundmischling, an meiner Seite, und fahre derzeit noch mit dem Auto nach Wien hinein.

Bald wird sich auch das ändern. Bald wird Wiens Hauptbahnhof den über Wiener Neustadt geführten Zug empfangen und mir die Möglichkeit eröffnen, mit dem Zug die Stadt zu erreichen und wieder zu verlassen. Bald. Das ist die Zukunft. Bis dahin kennt mein Navi die Zukunft. Als Ex- und Neoprovinzler (und das sage ich mit stolzgeschwellter Brust mit zehnjähriger Zwischenstation direkt in der Wienerstadt, konkret Favoriten – auch das mit stolzgeschwellter Brust) danke ich dem Universum täglich für die Erfindung des Auto-Navigationsgerätes, auch noch mit freundlicher weiblicher Stimme. Als ein sich ständig in der weltlichen Welt Verirrender (und schon bei den Pfadfindern hat man mir nie den Weg, sondern immer das Feuer anvertraut) schalte ich in der Früh, um 5 Uhr, Findus im Rückteil des Pkws mit Blick zurück, ebendieses ein, und obwohl ich den Weg mittlerweile zwar unsicher, aber doch kenne, schalte ich es allmorgendlich wieder ein, weil ich es als Beruhigung empfinde, dass es mir, allmorgendlich, den Weg vorgibt und mir sogar voraussagt, wann meine Ankunft an meinem Wunschort, der Favoritner Hasengasse, sein wird. Mein Navi kennt die Zukunft! Allmorgendlich empfinde ich es als Wohltat, mich in die Hand dieses kleinen Gerätes mit der freundlich monotonen Stimme zu begeben. Und mittlerweile kenne ich schon ‚ihren' Wortschatz, ‚ihre' Formulierungen und bin jedes Mal von neuem überrascht und glücklich, wenn wir wirklich um fünf Uhr vierundvierzig in der Hasengasse ankommen. Und dann folgt mein Tagwerk, meine Arbeit, zuvor noch eine Favoritner Parkrunde mit Findus, dann etwas Yoga und Sitzen, und ab sieben Uhr bin ich bereit, für andere ‚die Zukunft zu kennen'. Das nämlich ist die Aufgabe der Traditionellen Chinesischen Medizin. Sie wissen vielleicht, dass man in der Tradition in China nur solange zum Arzt gegangen ist, solange man gesund war. Sobald man krank wurde, musste also der Arzt schlecht sein, weil er ja nicht richtig vorhergesehen hatte, was da alles im Körper falsch laufen würde, und nicht die entsprechenden Gegenmaßnahmen eingeleitet hatte.

Die Aufgabe des Arztes bestand (und in meiner Person besteht) also darin, vorherzusehen, in welcher Richtung etwas im Körper falsch laufen könnte mit dem wahrscheinlichen Effekt, die betreffende Person krank zu machen oder im schlimmsten Fall ‚abzustellen', was für die Person mit dem physischen Tod gleichzusetzen war. Die höchste Verantwortung in dieser Richtung hatte natürlich der Arzt des Kaisers. Er musste Sorge tragen, dass dieser entsprechend seiner göttlichen Position auch entsprechend göttlich alt wurde, sich entsprechend göttlich bewegen konnte und in seiner Zeit auf Erden nicht von Alltagswehwehchen abgelenkt war. Und um dieser Verantwortung entsprechend lange nachkommen zu können, musste der kaiserliche Arzt selber auch vergleichbar lange leben. Der chinesische Arzt lernte, aus all den vorhandenen Zeichen in einem und um einen Menschen ein Konzept für ein langes Leben dieses Menschen zu erstellen. Um zu einem umfangreichen Wissen über den aktuellen Gesundheitszustand eines Menschen zu gelangen, war alles erlaubt, was der entsprechende Mensch zuließ. Und so reichte er oder sie die Hand und der Arzt durfte sich die Hand, die Finger, die Haut, die Nägel und den Puls am Handgelenk ansehen und befühlen. Und so blickte der Arzt in das Gesicht des Menschen, in seine Augen, beobachtete seine Mimik, beurteilte die Farbe der Haut, ihre Feuchtigkeit, und wenn es der Patient erlaubte, durfte er sich auch die Zunge ansehen. Die ärztliche Untersuchung war also von Respekt und Achtung geprägt und machte es dem damaligen Kollegen nicht gerade leicht, eine allumfassende Diagnose zu stellen. Umso genauer musste er schauen und beobachten, umso mehr musste er aus den vorhandenen Untersuchungsmethoden lesen können. Über viele, viele Jahrhunderte haben chinesische Kollegen daher die Methode des Pulsfühlens und Zungenbeurteilens verfeinert und perfektioniert, ebenso die Antlitzdiagnose, ebenso die Befragung. Mein Lehrer sagte immer: Erzähle deinem Patienten einen Witz und wenn er dann lacht (vorausgesetzt, der Witz ist gut ...), dann besteht Hoffnung. Dann hat nämlich der Patient ‚Shen' und Shen ist als Geist des Herzens eine Art Leuchten, das nur dann entsteht, wenn im Körper alles halbwegs funktioniert.

Stellen Sie sich das mit dem Puls und der Zunge folgendermaßen vor: Wenn ich als TCM-Arzt in Ihrer Arteria radialis, der einen von zwei großen Arterien über dem Handgelenk, ‚etwas spüre', wie spürt sich dann wohl der Rest des Körpers an? Zum Beispiel spüre ich eine Art Spannung in der Arterie und diese Arterie ist ganz außen von Ihnen, am Ende Ihres Armes, quasi am Ende Ihres Körpers. Wie fühlen sich wohl dann alle anderen Arterien im Körper an? Und wie der ganze Rest des Körpers? Und die Zunge: Ich sage meinen Patienten immer: Die Zunge ist das einzige Organ, das sie mir freiwillig, ohne dass ich sie aufschneiden muss, zeigen können. Und so wie ihre Zunge aussieht, sieht's überall im Körper aus. Das ist nur eine Vorstellung, aber sie hilft, die Wertigkeit von Puls und Zunge zu verstehen. Wenn Sie zum Beispiel ganz, ganz viel Schleim auf Ihrer Zunge kleben haben, dann können Sie sich vorstellen, wie es überall im Körper aussieht. Und wie fühlt sich wohl Ihr Körper, wenn überall so viel Schleim herumliegt?

Natürlich hat sich die Chinesische Medizin weiterentwickelt. Und heute sind Patienten auch bereit, mehr von sich zu zeigen als nur Gesicht, Puls, Zunge. Aber durch diese Reduktion haben wir, haben meine alten Kollegen, Sinne und Verstand geschärft. Denken Sie daran: alles, was Sie mir erlauben. Sie gestatten mir zum Beispiel, Ihre Lunge mit dem Stethoskop abzuhören, dann ist das auch ein Teil meiner chinesischen Diagnose. Oder Sie gestatten mir, dass ich ganz viele Bilder von Ihrem Inneren machen lasse, mit Röntgen- und Magnetresonanzapparaten, dann ist auch das Teil meiner chinesischen Diagnose. ABER mein Lehrer hat immer gesagt: Das Wichtigste am Stethoskop ist der Teil zwischen den Ohren, also das Gehirn, das Denken, was ich mit all der Information mache.



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