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22. Mai

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Depression

'Tabletten wirken oft nur wie Placebos'

Mathias Berger DepressionenDer deutsche Psychiater und Psychotherapeut Mathias Berger, 62, über die Ursachen der Depression und die sinnvollen Möglichkeiten der Behandlung.

U&W: Nehmen Depressionen im Vergleich zu früher zu?

Mathias Berger: Das ist nicht leicht zu beantworten, da die Dunkelziffer depressiv Erkrankter sehr hoch ist. Nur bei jedem zweiten bzw. dritten Patienten erkennt der Hausarzt die Erkrankung. Dies war in der Vergangenheit ein noch größeres Problem. Da das Stigma einer Depression jedoch rückläufig ist, sind Patienten inzwischen eher bereit, über ihren seelischen Zustand zu sprechen. Auch Ärzte fragen öfter nach, wenn die körperlichen Beschwerden die gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht erklären. Trotzdem können wir davon ausgehen, dass die leichten bis mittelschweren Erkrankungsformen zunehmen. Schwere Depressionen bleiben dagegen wohl auf dem gleichen Niveau. Das Risiko einer krankhaften Schwermut gehört zum Leben. So weit die Menschheit zurückdenken kann, musste sie gegen diese Krankheit ankämpfen. Gesellschaftliche Strukturen – das steht außer Frage – sind mitverantwortlich für ein Zunehmen dieser psychischen Störung. Häufige Wohnortwechsel und der damit verbundene Verlust von sozialen Kontakten, eine extreme Verdichtung des Arbeitsdruckes, die Instabilität von familiären Zusammenhängen, aber auch Arbeitslosigkeit scheinen die ‚Anfälligkeit' der Menschen zu erhöhen.

Worin sehen Sie die Ursachen in der Entstehung von Depression?

Die Entstehung von Depressionen wird am besten mit dem sogenannten ‚Vulnerabilitäts-Stress-Modell' erklärt. Unter Vulnerabilität versteht man die individuelle Verwundbarkeit, also die Wahrscheinlichkeit, in bestimmten Stresssituationen eine Depression zu entwickeln. Diese Verletzbarkeit hängt erstens stark von der Genetik ab, also ob eine Veranlagung zur psychischen Erkrankung vererbt wurde. Zweitens spielen auch vergangene Erlebnisse eine Rolle. Musste man als Kind viele belastende Erfahrungen durchmachen, steigert sich ebenfalls die Empfindsamkeit in Stresssituationen im Erwachsenenalter. Menschen mit einer sehr hohen Verletzlichkeitsausprägung können sogar bei einer harmlosen Viruserkrankung oder bei einem Wechsel der Jahrszeiten eine starke Depression entwickeln, hingegen neigen Personen mit einer niedrigen ‚Vulnerabilität' – selbst in den belastendsten Situationen – nicht zu krankhaften Depressionen. Vieles ist somit von jenem Teil des Schicksals, also Genen und frühen Kindheitserfahrungen, abhängig, für den man letztendlich nicht verantwortlich ist. Deshalb ist eine Stigmatisierung depressiver Menschen gänzlich ungerechtfertigt.

Werden grundsätzlich immer noch zu früh Medikamente verschrieben?

Ich denke schon, aber es hängt auch von der Präferenz der Patienten ab. Ältere Menschen und Männer nehmen lieber Tabletten ein, als sich für eine Psychotherapie zu entscheiden, jüngere Frauen hingegen stehen Antidepressiva skeptisch gegenüber. Es hat sich außerdem gezeigt, dass bei leichten Depressionen antidepressive Medikamente oft nicht mehr als eine Placebowirkung haben. Stützende Gespräche, psychotherapeutische Behandlungen scheinen hierfür sinnvoller zu sein. In der Regel kann man als Arzt, außer bei schwereren Depressionen, auf Medikamente verzichten, wenn Zeit und Qualifikation zu psychologischen Behandlungen vorhanden sind. Allgemein gilt: Bei Depressiven gibt es einen sehr starken Placeboeffekt, also jede Art von Zuwendung oder jede Art von Behandlung kann bei einer leichten Erkrankung zu einer Besserung führen. Deswegen ist bei einem leichteren emotionalen Ungleichgewicht eher kompetente hausärztliche Zuwendung zu empfehlen.



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