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17. Mai 2012

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Der buddhistische Blick auf die Depression

'Schön ist es auf der Welt zu sein'

Alois Payer, DepressionIst die pessimistische Weltsicht eines Depressiven der buddhistischen Weltsicht zu ähnlich und deshalb nicht als Heilsweg geeignet? Randbemerkungen von Alois Payer.

Der deutsche Dichter Christoph Martin Wieland (1768) schreibt in einem Vers:

Verdrossenheit und Trübsinn malte sich
In Blick und Gang und Stellung sichtbarlich.

Diese Zeilen machen deutlich, wie ein an Depressionen Erkrankter von seiner Mitwelt wahrgenommen wird. Wie anders hingegen der Buddha kurz vor seinem Dahinscheiden: Da humpelt ein altes, runzliges Männlein durch Nordindien, hat alle üblichen Altersbeschwerden und – wie es einer meiner Studenten metaphorisch so schön ausgedrückt hat – singt: „Schön ist es auf der Welt zu sein!" Nicht: „Halleluja, bald ist alles vorbei!", sondern: „Schön ist es auf der Welt zu sein!" Das ist der Zustand des Erlösten, der wirklich sagen kann: „Tod, wo ist dein Sieg, Tod, wo ist dein Stachel?!" (1. Korinther 15,55). Wäre also Buddhismus nicht die ideale Behandlung von Depressionen?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich spreche hier von der furchtbaren Krankheit Depression, die oft tödlich ist, weil sie zur Selbsttötung führt. Ich habe den Eindruck, dass man heute oft von Depression spricht, wo es sich um – sehr schwere – Traurigkeit, Frustration und Leiden handelt, wie sie Bestandteil unerlösten menschlichen Daseins sind, die in der ersten edlen Wahrheit beschrieben werden: „Geburt ist leidvoll; Altern ist leidvoll; Krankheit ist leidvoll; Sterben ist leidvoll; mit Unlieben vereint sein, ist leidvoll; von Lieben getrennt sein, ist leidvoll; und wenn man etwas, das man sich wünscht, nicht erlangt, ist das leidvoll." Von dem ist hier nicht die Rede, sondern von echter endogener Depression.

Diese schwere Krankheit wird von den Betroffenen und ihren Angehörigen häufig nicht als solche erkannt. Deswegen reagiert die Umwelt oft völlig falsch mit moralischen Appellen und dergleichen. Ich gebe darum die sehr anschauliche Beschreibung auffälliger Symptome wieder, die Oswald Bumke 1929 in seinem ‚Lehrbuch der Geisteskrankheiten' dargelegt hat (Bumke nennt Depression noch Melancholie):

„In schweren Fällen von Melancholie lässt sich die Zustandsdiagnose oft schon nach dem ersten Eindruck stellen. Die Kranken zeigen einen traurig-gedrückten, in sich gekehrten Gesichtsausdruck, an dem besonders das tränenlose Weinen, d.h. das Fehlen der Tränen bei einem Gesichtsausdruck, der dem Weinen entspricht, auffällt; alle Bewegungen sind gehemmt, das Auftreten ist schüchtern oder wenigstens übertrieben bescheiden. Der Kranke drückt sich mit gesenktem Kopf an den Wänden entlang, geht seinen Bekannten aus dem Wege und gönnt sich kaum einen Platz auf dem angebotenen Stuhl. Wer ihn von früher kennt, bemerkt sein gealtertes, ungepflegtes Aussehen, den müden, schleppenden Gang, das wortkarge, stille, befangene Wesen. Seine Antworten erfolgen langsam und zögernd; die Sprache ist leise, monoton und gepresst; der Kranke ist mit allem einverstanden, ängstlich bemüht, nicht aufzufallen, und meist außerstande, eine eigene Meinung zu äußern. Jeder Entschluss wird ihm schwer, selbst die gewohnte Arbeit geht ihm nicht von der Hand, seine Lebensführung wird sparsam oder selbst geizig. Erreicht die Störung höhere Grade, so werden die Patienten ganz still oder bewegungsarm – bis zum Stupor [Körperstarre] – oder sie jammern laut, rennen aufgeregt hin und her und suchen in unruhigen Bewegungen und manchmal sogar in Gewalttaten eine Entladung für ihre innere Spannung."



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