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17. Mai 2012

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Stressforscher Louis Lewitan im Interview

Sich in seiner Gesamtheit bejahen

UW74SCHW-Sich_in_seiner_Gesamtheit_bjahenStressforscher Louis Lewitan, 55, über die Notwendigkeit der Entschleunigung und der Selbstakzeptanz auf dem Weg zu mehr Gelassenheit.

U&W: Kann Gelassenheit durch die Einhaltung von Ver- und Geboten erreicht werden?

Louis Lewitan: Gelassenheit nicht, aber Sicherheit. Für manche Menschen sind Gebote und Verbote, aber auch die Einhaltung von Ritualen eine Möglichkeit, sich nach einer Leitschnur zu richten und dadurch eine gewisse Sicherheit zu erlangen. Begrenzungen können beschützend sein und Halt geben. Über die Befolgung von Geboten und Verboten hinaus sollte man auch an sich selbst arbeiten, will man Gelassenheit erlangen. Die ausschließliche Einhaltung von Regeln ist zu wenig.

U&W: Gibt es Ihrer Meinung nach Menschen, die von Geburt an anfällig für bzw. resistent gegen Stress sind?

Lewitan: Ein gewisser Teil der Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress ist angeboren. Es gibt eine naturbedingte Robustheit, darüber hinaus kann man sich eine gelassene Lebenshaltung auch anlernen und antrainieren. Sowohl Psychotherapie als auch Coaching sind dafür geeignet. Wichtig ist zu wissen, woher der Stress kommt. Stress gibt es von Geburt an und solange wir leben. Es gibt unterschiedliche Arten von Stress – positiven oder negativen. Wenn ich arbeitslos bin, habe ich eine andere Art berufsbedingten Stress als ein erfolgreicher Manager.

U&W: Sie schreiben, Gelassenheit ist mit Angst nicht kompatibel. Wie sehr hat Stress mit Angst zu tun?

Lewitan: Wir sind an einer entscheidenden Differenzierung angelangt. Gelassenheit ist eine Grundhaltung, die über die aktuelle Stresshandhabung hinausgeht. Wer gelassen ist, akzeptiert die Angst und integriert sie in sein Leben. Er fühlt sich ihr nicht ausgeliefert und erlebt sie nicht als existenzgefährdend. Ich unterscheide zwischen Situationen, in denen ich Angst habe, und einer gelassenen Lebenseinstellung. In der weiß ich, dass es Angst gibt und dass sie zum Leben dazugehört, sie ist aber nicht übermächtig. Solange ich in der Angst selbst stecke, also die Angst bin, kann ich keine Lösung finden. Erst wenn ich aus diesen Ängsten mit dem Wissen, es gibt sie und sie gehören dazu, heraustrete, erlange ich persönliche Reife. Angst ist dann nicht mehr lähmend wie in der Depression, sondern Teil des Prozesses.

U&W: Es wird gesagt, durch Meditation und Achtsamkeitstraining könne man zu einer weitgehend gelassenen Haltung kommen.

Lewitan: Beides hilft, sich dem Ideal der Gelassenheit anzunähern. Gelassenheit ist nicht etwas, was ich besitze, sondern etwas, was ich bin. Ich kann mir zwar eine Technik aneignen, aber Gelassenheit geht darüber hinaus. Durch die Bereitschaft, sich durch einen kontinuierlichen Lernprozess weiterzuentwickeln, komme ich in einen anderen Reifeprozess. Jung und dynamisch, mit Familiengründung und Karriere beschäftigt, hat man eine andere Form von Stress als mit 65, wenn man den beruflichen Höhepunkt hinter sich hat und es um die Konsolidierung des Erreichten geht. Je erfolgreicher ich im Leben war, wobei ich Erfolg nicht nur durch Status oder Geld allein definiere, desto mehr Substanzkredit werde ich aufgebaut haben, um Probleme gelassener zu sehen. Je weniger es mir im Laufe des Lebens gelungen ist, bestimmte Situationen zu meistern, umso weniger Selbstwertgefühl werde ich haben, um gelassen auf neue Probleme zu reagieren. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Erfolg und Gelassenheit.

U&W: Sind Ärger und Unzufriedenheit auch Stress?

Lewitan: Ja, sie rufen Stress hervor und entstehen infolge von Stress. Ich definiere Stress als Lebensenergie und diese kann in eine positive und eine negative Richtung gelenkt werden. Wenn wir wenig Energie aufbringen können, steuern wir nicht, sondern werden gesteuert. So entsteht das Gefühl der Hilflosigkeit oder gar der Depression. Es gibt unterschiedliche Arten von Stress. Ärger ist eine gefühlsmäßige Stressreaktion als Zeichen meines Unmutes über etwas, was mir nicht gelungen ist oder mich verletzt hat. Den Ärger kann ich auch zum Anlass nehmen, mit dem, was ihn erzeugt hat, in einen Dialog zu treten und so den Knoten zu lösen. Ärger ist die eigene Wahrnehmung. Wir machen oft den Fehler, ihn zu externalisieren, also nach außen auf andere zu verlagern und uns so aus dem Prozess herauszunehmen. Wenn ich meinen Ärger, der sich nicht nur gefühlsintensiv, sondern wegen der Erregung auch körperlich auswirkt, bewusst wahrnehme, kann ich ihn zum Anlass nehmen, um in eine Kommunikationsschleife mit mir und meinem Gegenüber einzutreten. Das gelingt, wenn ich in Beziehung zur Quelle meines Ärgers bleibe.



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