Alle Jahre wieder zu Frühlingsbeginn startet die Pharmaindustrie ihre angsterregenden Kampagnen pro Zeckenschutzimpfung. Auch Ärzte und Experten stellen sich in diesen Dienst und weisen in Info-Portalen auf die Gefahr von Zeckenbissen hin. Doch wem hilft die ‚Angstmacherei' wirklich?
Fast jeder von uns kennt die Darstellung der Zecken aus der Fernsehwerbung: hinterhältige kleine, höchst gefährliche Biester, die aus dem Gras, dem Dickicht, dem Unterholz zuschlagen. Meist mit im Bild sind unschuldig spielende Kinder, die Szene wird wirkungsvoll untermalt mit dramatischer Musik. Diese Werbefilme können ohne weiteres mit dem Hollywood-Thriller ‚Arachnophobia' mithalten, dessen Plot sich um eine blutrünstige Spinnenart dreht, die Menschen einer US-Kleinstadt terrorisiert. Ein ähnliches Bild haben wir von den Zecken, zählen sie doch zur Klasse der Spinnentiere. Wie gefährlich sind die kleinen Blutsauger wirklich? Und droht uns stets Gefahr in Garten und Wald? Eines steht fest: Es gibteine Menge Gerüchte über Zecken – und viele davon sind schlichtweg falsch.
Der ‚Gemeine Holzbock' ist die bekannteste Zeckenart. Sie bevorzugt als Wirt nicht nur Wild- und Haustiere, sondern auch den Menschen. Dies kann vor allem dann von Bedeutung werden, wenn die Zecke mit Krankheitserregern infiziert ist, gilt sie doch als Überträger der für den Menschen gefährlichen Borreliose und der Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME). Zecken stürzen sich aber nicht von Bäumen, sondern leben im hohen Gras, im Gestrüpp, in Büschen und werden im Vorbeigehen abgestreift. Oft sitzen sie monatelang regungslos auf einem Grashalm, bis sie sich auf einen ‚Wirt' fallen lassen.
Die Klimaerwärmung begünstigt offenbar die Ausdehnung der Zeckengebiete in Richtung Norden, berichtet der Zeckenexperte Jochen Süss beim Symposium ‚Warnsignal Klima' in Hamburg. So wurden die kleinen Achtbeiner bereits in Tschechien, Schweden, Finnland und nur 200 Kilometer vor dem Polarkreis entdeckt. „Bis vor kurzem fand man FSME-infizierte Zecken nur bis auf 1000 Metern Seehöhe, der Klimawandel lässt sie heute bereits bis auf 1650 Meter klettern."
Nach dem Biss einer infizierten Zecke steht es jedoch nicht fest, ob eine Ansteckung stattgefunden hat oder nicht – dies geschieht nur in 60-70 Prozent der Fälle. Der deutsche Arzt und Impfkritiker Wolfgang Becker-Brüser gibt zu bedenken: „Nur jede hundertste bis tausendste Zecke ist überhaupt mit FSME infiziert – und das ist regional unterschiedlich. Eine Virusinfektion ist nicht gleichbedeutend mit einer Erkrankung und nicht jede infizierte Zecke überträgt das Virus." „Selbst wenn das FSME-Virus übertragen wird, bleiben zwei von drei Personen ohne Symptome. Und diejenigen, die Beschwerden entwickeln, haben zu zwei Drittel nur Lokalsymptome", erklärt Hans-Walter Pfister von der Neurologischen Klinik München. Nur ein Drittel erkrankt neurologisch. Bei der Hälfte dieser Fälle handelt es sich um Hirnhautentzündungen mit einem vergleichbar günstigen Verlauf. Bei der anderen Hälfte kann es zur Beteiligung des Gehirns – bei Erwachsenen häufiger als bei Kindern – kommen.
In Österreich haben große Impfkampagnen seit mehr als einem Jahrzehnt Tradition. Im Jahr 1973 gelang es dem österreichischen Virologen Christian Kunz vom Institut für Virologie der Universität Wien, den Impfstoff FSME-Immun herzustellen. Die industrielle Produktion begann nur einige Jahre später. Ende der 90er-Jahre übernahm Baxter International, ein US-amerikanischer Pharmakonzern, die Firma Immuno. Im Jahr 2001 wurde der Impfstoff ‚TicoVac' von Baxter aufgrund vermehrter Fieberanstiege und Fieberkrämpfe bei Kindern vom Markt genommen, worauf die Impfung für kurze Zeit nicht durchgeführt werden konnte. Seit 2002 sind verbesserte FSME-Impfstoffe von Baxter (FSME-Immun) und Novartis (Encepur) jeweils für Kinder und Erwachsene erhältlich.
Herwig Kollaritsch, Facharzt am Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin an der Universität Wien, der selbst als Zwölfjähriger mit einer FSME-Erkrankung im Spital lag, sieht in der Zeckenimpfung den einzig sinnvollen Schutz. „Für Österreich, wenn man die Zahl der jährlichen Fälle vor der Impfung weiterschreiben würde, kann man davon ausgehen, dass pro Jahr etwa 500 bis 700 Menschen an FSME erkranken würden." Derzeit werden pro Jahr nur rund 50 bis 70 Krankheitsfälle gemeldet, es werden also etwa 90 Prozent der Erkrankungen verhindert. Das entspricht einer Durchimpfungsrate von etwa 87 Prozent. Tropenmediziner Kollaritsch meint, dass etwa fünf Prozent der FSME- Erkrankten Dauerschäden davontragen: „Je älter die Patienten sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit." Auch in Bayern wird seit einigen Jahren intensiv geimpft, ebenso in Baden-Württemberg, nachdem in beiden deutschen Bundesländern ein enormer Anstieg an FSME-Erkrankungen zu verzeichnen war. Die Durchimpfung liegt laut Kollaritsch bei einer Größenordnung von fast 25 Prozent. Der Gründer des Impfforums ‚impfopfer.at', Martin Wöber, schätzt die Lage naturgemäß anders ein. Die Zeckenimpfung habe ihn das linke Auge gekostet und fast das ganze Leben, meint der österreichische Musikschullehrer und macht Bestandteile des seit 2001 wieder vom Markt genommenen Impfpräparates dafür verantwortlich. „Genau diese Massenimpfungen, die bei uns stattfinden, stören mich. Oft kennen die Ärzte, die impfen sollen, ihre Patienten nicht und haben keine Ahnung von deren allgemeinem Gesundheitszustand." Gegen große Impfkampagnen spricht, dass überall, wo Zecken sind, auch die Infektionskrankheit Lyme-Borreliose vorkommt, nicht aber FSME. Gegen Borreliose hilft der Impfstoff allerdings gar nicht. „Von den Millionen Zeckenstichen pro Jahr erkranken Schätzungen zufolge bis zu 100.000 Menschen in Deutschland an Borreliose", erzählt der Zeckenexperte Süss.
Wann ist man geschützt und wer soll sich impfen lassen? Die Grundimmunisierung erfolgt durch zwei Injektionen im Abstand von vier Wochen, eine dritte Impfung nach neun bis zwölf Monaten. „Der Impfschutz liegt nach der zweiten Teilimpfung bei 95 Prozent und nach der dritten bei 100 Prozent", so Herwig Kollaritsch und meint, dass Auffrischungsintervalle allgemeine Empfehlungen sind, die einen Sicherheitsspielraum beinhalten. Vor allem junge, gesunde Menschen können länger als drei Jahre geschützt sein. Durch Bluttests können die Antikörper festgestellt werden und daraus ist abzuleiten, ob eine neuerliche Auffrischung überhaupt notwendig ist.
Bei Kindern und Jugendlichen, so ist zumindest im unabhängigen Ärzte- und Apothekermagazin ‚Arznei-Telegramm' zu lesen, kann von einer Impfung abgesehen werden. Die Chance, ernsthaft an FSME zu erkranken, ist gering, da ihr Immunsystem noch stark ist. Die Todesrate bei FSME-erkrankten Kindern liegt fast bei null, weiß Süss. In der Schweiz empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit eine Zeckenimpfung sogar erst ab dem Alter von sechs Jahren. Befinden sich Erwachsene in einem Risikogebiet, also in Landkreisen, in denen im Zeitraum von einem Jahr mindestens zwei oder innerhalb einer Fünfjahresperiode mindestens fünf Erkrankungen festgestellt wurden, halten sie sich viel im Freien oder berufsbedingt in der Natur auf, kann eine Impfung sinnvoll sein.
Da die Zeckenschutzimpfung nur wirksamen Schutz gegen FSME bietet und nicht gegen Borreliose, ist es auf jeden Fall notwendig, den ganzen Körper genau nach Zecken zu untersuchen. Denn je länger eine Zecke saugt, desto größer ist die Gefahr, dass Krankheitserreger ins Blut gelangen. Für den bekannt kritischen Medizinjournalisten und Herausgeber des Bestsellers ‚Bittere Pillen', Hans Weiss, ist die Impfung nicht prinzipiell abzulehnen. „Man sollte immer den Nutzen und die Risiken abwägen. Von manchen Herstellern und Ärzten wird ganz bewusst mit Angst und Panik gearbeitet, um überhöhte Impfraten zu erreichen – und das muss sich ändern."
Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) ist eine entzündliche Erkrankung des Gehirns bzw. der Hirnhäute, wird durch das FSME-Virus ausgelöst und durch Zecken übertragen. Nach einer Inkubationszeit von etwa einer Woche (bis ca. drei Wochen) kommt es zu Fieber mit grippeartigen Beschwerden: Kopf-, Bauch- und Muskelschmerzen, allgemeine Abgeschlagenheit, Atembeschwerden, Durchfall.
Lyme-Borreliose ist eine Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Borrelia burgdorferi verursacht und durch einen Zeckenstich übertragen wird. Die Borreliose verläuft in mehreren Stadien: Zunächst ist die Haut im Bereich der Einstichstelle auffällig gerötet und entzündet, später kann die Erkrankung vor allem Gelenke, Muskeln und Nerven befallen. Die Erkrankung kann mit Antibiotika wirksam behandelt werden und heilt meist folgenlos aus.








