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17. Mai 2012

Letztes Update:20:46:22

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Brief vom Kräuterdoktor

Einführung zu TCM

UW77GES-Einfuehrung_zu_TCMLiebe Leserin, lieber Leser,

ich werde Ihnen während der nächsten zwei Jahre in dieser Zeitschrift die Traditionelle Chinesische Medizin (kurz: TCM) näherbringen. Ich werde aus meiner sehr persönlichen Sicht und unter Berücksichtigung meiner sehr persönlichen Erfahrungen als ‚westlicher' Allgemeinmediziner, der den Weg zur Traditionellen Chinesischen Medizin gefunden hat, schreiben. Der Titel, den mir die Universität Wien im Jahre 1995 verliehen hat, lautet ‚Doctor Medicinae Universae', was man weitläufig übersetzt mit ‚Doktor der gesamten Heilkunde', man meint damit aber die ‚gesamte Heilkunde der westlichen Medizin'. Die gesamte Heilkunde unseres ‚Universums', unserer Welt, unserer Erde umfasst aber viel mehr, und wenn man mit dem Internet vertraut ist und Suchmaschinen wie Google zu nutzen weiß, wird man sehr schnell bemerken, dass unsere westliche Medizin nur einen Bruchteil der ‚gesamten Heilkunde' dieser Welt ausmacht, wenn auch den für uns ‚Westler' am meisten geläufigen.

‚Alternativmedizin' nennen wir gerne ‚den Rest', was für westliche Schulmediziner oft so viel heißt wie: „Wenn ich Ihnen mit unserer Medizin nicht helfen kann, na, dann können Sie ja gerne einmal einen Alternativmediziner aufsuchen" – also einen Mediziner, der eine ‚andere' Medizin praktiziert. Aber, großes Aber: Weltweit gesehen ist unsere westliche Medizin eine ‚Alternativmedizin'! Wenn hundert Menschen weltweit zu einem Arzt gehen, sind es nicht einmal drei, die zu einem westlichen Arzt gehen. Alle anderen müssen mit einem ‚Alternativmediziner' (aus unserer westlichen Sicht) vorliebnehmen! Und dieser Alternativmediziner macht dann eben Chinesische Medizin oder irgendeine Form der Naturmedizin oder Volksmedizin oder auch Homöopathie ...

Die Maxime eines Doktors der gesamten Heilkunde müsste also sein, so viel wie möglich von der gesamten Heilkunde der Welt zu kennen und zu wissen, um unseren Patienten die bestmögliche und damit maßgeschneiderte Therapie anbieten zu können. Das heißt zum Beispiel, dass man ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt bekommt (eine ‚westliche Methode'), aber vor und nach der Operation chinesische Kräuter schluckt, die den Blutverlust des Eingriffs möglichst gering halten. ODER dass man bei Menstruationsbeschwerden eine Akupunktur-Behandlung bekommt. ODER dass man bei einer chronischen Entzündung der Nasennebenhöhlen Spülungen mit dem indianischen Luffa-Schwämmchen macht. ODER dass man bei chronischer Verstopfung eine ayurvedische Panchakarma-Kur durchführt. ODER dass man bei chronischer Müdigkeit eine tibetische Kräuterrezeptur verordnet bekommt. ODER dass man bei einer Leberentzündung ein Medikament aus der japanischen Kampo-Medizin schluckt UND UND UND. Allein schon unser Doktoratstitel sollte uns Ärzten Ansporn genug sein, uns mit der GESAMTEN Heilkunde dieser unserer Erde zu beschäftigen und uns unserer westlichen ‚Wasserkopf der Welt'-Mentalität zu entledigen. Nur wenn ich von einer Methode weiß, kann ich sie anwenden. Ich muss um alle Möglichkeiten einer Therapie wissen, um eine ‚Alternative' zu haben, und das kann dann bei einer bestimmten Erkrankung eine Alternative zur Chinesischen Medizin oder eben zur westlichen Medizin sein ... Gott sei Dank haben wir unsere großartige westliche Schulmedizin! Unsere Schulmedizin ist wie ein Ferrari, und es gibt für einen Auto-Fan wohl nichts Schöneres und Perfekteres als einen roten Ferrari! Sie wissen, dass ein Ferrari sehr viel Geld kostet und ebenso wissen Sie, dass er sehr viel Benzin verbraucht. Wenn man Geld und Benzin hat, ist es wunderbar, mit dem Ferrari täglich in die Arbeit zu fahren, alle Besorgungen mit dem Ferrari zu machen, ihn auch zum Möbelkauf und zum Greißler nebenan zu steuern. Was für ein Luxus! Nun stellen Sie sich vor, dass es auf einmal kein Benzin mehr gibt oder dass Benzin sehr teuer geworden ist oder Sie Ihren Job verloren haben und sich das Benzin einfach nicht mehr leisten können. Was werden Sie dann als Fortbewegungsmittel wählen? Zum Beispiel Ihr altes Fahrrad! Sie brauchen kein Benzin und kommen trotzdem ans Ziel. Sie benötigen deutlich mehr Zeit und Sie müssen selber treten! Und das kann sehr anstrengend sein – vor allem, wenn es einmal bergauf geht. Das ist die Chinesische Medizin! Der Ferrari entspricht neueren Informationssystemen im Körper. Aber es gibt Störungen, Krankheiten, bei denen diese Informationssysteme nicht funktionieren. Sie sind zwar effektiver als die alten Systeme, deshalb wurden sie in der Evolution auch durch die neueren ersetzt, aber – wie bei allem, das eine gewisse Komplexität erreicht – auch störanfälliger. Wenn die neue Technik im Körper ausfällt, muss der Körper auf etwas Älteres zurückgreifen, um weiter funktionieren zu können. Und genau da setzt die Chinesische Medizin an. Der Vergleich Ferrari mit Fahrrad passt gut auf den Vergleich westlicher mit östlicher Medizin. Die westliche Medizin kann unglaublich viel, ist aber von Benzinpreis und Mechanikern abhängig. Ihren Ferrari können Sie nicht selber reparieren. Ihr Fahrrad schon. Die Chinesische Medizin gibt Ihnen eine Fortbewegungsart, die langsam ist, bei der Sie selber treten müssen, die Ihnen oft Anstrengung abverlangt, aber sie gibt Ihnen den Einfluss auf Ihren Körper und Ihre Gesundheit zurück. Chinesische Medizin ist 80 Prozent Lebensführung, 10 Prozent Akupunktur und 10 Prozent chinesische Kräutermedizin (Medikamente). Und mit diesen 80 Prozent haben Sie selbst in der Hand, ob Sie gesund sind oder krank (mit Ausnahme von Katastrophen und Unfällen und jenen Fällen in der Medizin, bei denen wir alle nicht verstehen, wie und woher die Erkrankung gekommen ist ...). Diese 80 Prozent inkludieren Ihr tägliches Essen und Trinken, Ihr tägliches Atmen, Ihre tägliche Bewegung, Ihren täglichen Schlaf, Ihren täglichen Stresspegel und wie Sie damit fertig werden sowie Ihre tägliche Lebensfreude. Die beste Krankheit ist die, die man nie bekommt! Unsere westliche Medizin ist eine Reparaturmedizin und das Reparieren kann sie sehr, sehr gut. Aber die Reparaturen kosten Geld und die Gesundheitssysteme unserer westlichen Welt beginnen zunehmend zu schwitzen. Viele Reparaturen wären definitiv nicht notwendig. Die westliche Medizin versucht, Reparaturen, die viel Geld kosten – zum Beispiel bei unserem Ferrari –, dadurch zu verhindern, dass sie regelmäßig ‚Gesundenuntersuchungen' unseres Ferraris macht, also horcht, ob der Motor irgendein komisches Geräusch von sich gibt, ob alle Flüssigkeiten, wie zum Beispiel die Kühlflüssigkeit, gut fließen und alle Leitungen im Ferrari gut leiten, ob alle Lichter funktionieren, ob die Profile der Reifen noch passen, ob der Motor nicht überhitzt und und und. Diese regelmäßigen Untersuchungen sind Früherkennungsuntersuchungen, keine Vorsorgeuntersuchungen. Sie verfolgen das Ziel, so früh wie möglich Störungen im Organismus ‚Ferrari' zu erkennen und wenn notwendig auch zu reparieren. Die Chinesische Medizin schaut sich den Ferrari an, schüttelt den Kopf und fährt mit dem Fahrrad ...



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