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18. April

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Dietrich Roloff über die Tradition: Tee

Der Geist des Tees

UW78SP-Der_Geist_des_TeesÜber Jahrhunderte hat sich die japanische Teezeremonie mit ihren vielen Regeln zu einer perfekten Meditationsform entwickelt, die der Zen-Philosophie zugrunde liegt. Die Teezeremonie ist ein Zusammenspiel aus Tradition, Respekt, Kultur und Genuss.

Eingeweihte sprechen nicht so sehr von Teezeremonie, sondern vielmehr vom Teeweg, und Teeweg bedeutet ein lebenslanges Bemühen – darum, sich selbst zurückzunehmen, dem vorlauten Ich Einhalt zu gebieten, anderen aus aufrichtigem Respekt heraus Wohlbefinden zu schenken, ein Höchstmaß an Achtsamkeit und Sorgfalt zu erreichen und – in der Sprache des Zen-Buddhismus – sich unserer Buddha-Natur anzunähern, unserem ‚ursprünglichen Antlitz, das uns schon zu eigen war, noch bevor Vater und Mutter geboren waren'.

Was landläufig Teezeremonie heißt, ist entweder eine formelle und auf einen kleinen Kreis von Teilnehmern beschränkte Tee-Einladung (Chaji) oder eine zumeist öffentliche Vorführung, für die es aufseiten der Gäste – anders als beim Chaji – keiner Vorkenntnisse bedarf und an denen daher jeder teilnehmen kann, der Neigung und Neugier in sich spürt. Aber auch eine solche Vorführung vermag durchaus Wesentliches vom Geist des Teewegs zu vermitteln: Immer wieder äußern Menschen, die bei einer öffentlichen Vorführungen zu Gast waren, nachträglich ihren Dank für die Erfahrung tiefer, wohltuender Ruhe und inneren Friedens.

So ist der Teeweg, trotz seines hohen Alters von mehr als 450 Jahren, keine antiquierte Folklore; vielmehr beweist er gerade in unserer von Unrast, Unsicherheit, ständig wachsenden AnforderungenUW78SP-Der_Geist_des_Tees2 und Zumutungen bestimmten Gegenwart seinen Wert und seine Lebendigkeit.

Es waren drei aufeinanderfolgende ‚Teemeister', Murata Jukô, Takeno Jôô und Sen no Rikyû, die im Laufe des 16. Jahrhunderts dem Teeweg diejenige Gestalt gegeben haben, in der er auch heute noch, und zwar weltweit, Freunde und Anhänger findet. Zwar hat es auch vorher schon Formen geselligen Teetrinkens gegeben, bei denen Angehörige der japanischen Adelsschichten sich zu Teespielen und anderen Unterhaltungen einluden und dabei einander ihre kostbaren chinesischen Kunstschätze, Porzellane, Kalligrafien, Rollbilder präsentierten. Murata Jukô, Takeno Jôô und Sen no Rikyû haben den gemeinschaftlichen Genuss des Tees aus dieser Vorherrschaft chinesischer Prunkstücke befreit und stattdessen, Schritt für Schritt, einen Tee der Schlichtheit geschaffen, bei dem auch und gerade Gerätschaften mit deutlichen Spuren von Alter und Gebrauch verwendet werden (den sog. Wabi-cha). Vor allem aber haben sie, sämtlich Männer mit langjähriger Zen-Ausbildung, den Geist des Zen-Buddhismus in den Teeweg eingeführt und damit den Teeveranstaltungen eine neue Dimension verliehen, die einer nachhaltigen spirituellen Tiefe. Fortan sollte sich jede Teezusammenkunft an vier Leitbegriffen ausrichten: Harmonie (Wa), Respekt (Kei), Reinheit (Sei) und Stille (Jaku). Insbesondere die beiden letzten, Reinheit und Stille, tragen eindeutig spirituellen Charakter: Sie zielen auf eine Reinigung des Herzens, auf die Reinheit eines von allen weltlichen Belangen befreiten Geistes sowie auf die Stille intensiver gemeinsamer Versenkung, die so weit gehen kann und soll, dass gleichsam niemand, kein Ich, mehr im Raum ist: „Kein Gast und kein Gastgeber!" Von diesem spirituell ausgerichteten Teeweg heißt es noch heute: „Cha zen ichimi!" „Tee und Zen sind ein einziger Geschmack!"

Eine Sonderrolle in der Geschichte des Teewegs hat Sen no Rikyû eingenommen. Er verdankt den überragenden Einfluss, den er auf die Welt des Tees insgesamt hat ausüben können, seiner sozialen Stellung als Lehrmeister, Ratgeber und Bevollmächtigter des damals mächtigsten Mannes, Toyotomi Hideyoshi. Rikyûs Hauptschüler, seine sog. Sieben Weisen, gehörten als Gefolgsleute Hideyoshis sämtlich dem Schwertadel an und haben, auf mehr oder weniger unterschiedliche Weise, den von Rikyû vorgegebenen Stil in den Kreisen des Schwertadels fortgeführt. Daneben hat es auch eine bürgerliche Tradition des Teewegs gegeben, maßgeblich von den nachfolgenden Generationen der Familie Sen bestimmt und vornehmlich von wohlhabenden Kaufleuten ausgeübt. Beiden war die Kehrtwendung weg von makellosem chinesischem Porzellan und hin zu unprätentiöser Keramik einheimischer und noch mehr koreanischer Herkunft gemeinsam. Zugleich aber konnten beide sich nicht gänzlich dem Bann chinesischer Eleganz und Perfektion entziehen und haben entsprechendes Gerät für den von ihnen gleichermaßen gepflegten sog. ‚wahren' Stil (Shin) bestimmter Zeremonien beibehalten.



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