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25. Juli

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Dietrich Roloff über die Tradition: Tee

Der Geist des Tees

UW78SP-Der_Geist_des_Tees3Damals wie heute verlangt eine formelle Tee-Einladung, das Chaji, nicht nur dem Gastgeber (und das kann heute auch eine Gastgeberin sind) großes Können ab, sondern ebenso den Gästen. Beider Rollen sind bis in Einzelheiten vorgeschrieben und deshalb müssen auch die Gäste eine Vielzahl von Kenntnissen und eingeübten Handlungssequenzen einbringen. Im Mittelpunkt der etwa vierstündigen Zusammenkunft steht ein aus pulverisiertem Grüntee zubereiteter Teebrei (Koicha, ‚dicker Tee'), von dem der Gastgeber vor den Augen der Gäste in einer einzigen Schale eine gemeinsame Portion für alle Anwesenden (außer sich selbst) herstellt. Dieser Teebrei ist in der Tat, wenn nicht gerade zum ersten Mal genossen, eine Köstlichkeit besonderen Ranges: Der erste Gast holt die Schale zu seinem Platz, bedankt sich beim Gastgeber und nimmt ein, zwei Schlucke zu sich; dann reinigt er sorgfältig die Stelle der Schalenwand, die er mit seinen Lippen berührt hat, und reicht die Schale so an den nächsten Gast weiter, dass der (und anschließend auch alle übrigen Gäste) sie an derselben Stelle wie der Vorgänger zum Mund führt und ‚trinkt', bis schließlich die leere Schale zum Gastgeber zurückkehrt und mit einer Mischung aus heißem und kaltem Wasser ausgewischt und gesäubert wird: Andächtige Aufmerksamkeit seitens der Gäste und ehrfürchtiges Schweigen herrschen während dieses Rituals, das von großer Würde gekennzeichnet ist. Über weite Strecken hin sind die Gäste in den Anblick der ruhigen und eleganten Handlungen des Gastgebers versunken, der sich seinerseits, erfüllt vom gleichen Geist des Nicht-Denkens (Mushin), vor einem Kessel leise summenden heißen Wassers und einem Gefäß mit Frischwasser kniend ganz in seine vielerlei Aktionen hineingibt. Beider Rollen, die der Gäste nicht weniger als die des Gastgebers, werden mit tiefer und anhaltend konzentrierter Aufmerksamkeit ausgeführt: Es entsteht eine Atmosphäre intensiven Friedens und freudiger Gelassenheit.

Dieses Ritual aus Zubereitung und Genuss des Teebreis wird eingerahmt von einem einleitenden Essen, das den Magen der Gäste auf den sehr kräftigen Koicha vorbereiten soll, und der abschließenden Zeremonie eines ‚dünnen Tees' (Usucha), die – nach Art eines Ausklangs – die ‚Strenge' des Mittelteils ins Leichtere wendet. Sowohl bei dem vorbereitenden Essen (Kaiseki) als auchUW78SP-Der_Geist_des_Tees5 bei der Zubereitung beider Teearten schließt der Gastgeber sich selbst vom Genuss dessen, was er seinen Gästen anbietet, aus: Aller Aufwand, den er (oder sie) bei der gesamten Veranstaltung treibt, alle Sorgfalt, die er (oder sie) dabei an den Tag legt, dient ausschließlich dem Wohlergehen der Gäste!

Bei öffentlichen Vorführungen wird in Japan wie im deutschsprachigen Raum in der Regel nur der ‚dünne Tee' angeboten, der – weil weniger formell – den Gästen keine bis ins Einzelne hinein korrekte Ausführung ihrer Rolle abverlangt und sich auch für eine größere Anzahl von Teilnehmern einfacher zubereiten lässt.

Außer dem vielfältigen Teegerät, das Stück für Stück künstlerischen Anspruch erhebt und von den Gästen respektvolle Aufmerksamkeit einfordert, befinden sich in dem ansonsten schmucklosen Teeraum noch ein Blumengesteck sowie eine Kalligrafie, von der schon Rikyû gefordert hat, sie solle möglichst ein Buddha-Wort oder sonst einen Ausspruch aus dem Umkreis der Buddha-Lehre zum Inhalt haben. So gibt es auch heute noch Kalligrafien mit den Schriftzeichen Fu ni, ‚Nicht-Dualität' (aus dem Vimalakirtî-Sûtra) oder Honrai mu ichi motsu, ‚Ursprünglich ist da kein einziges Ding' (aus dem angeblichen Erleuchtungsgedicht des Hui-neng), was beides auf den Zustand höchster Versenkung abzielt. Doch heutzutage haben Begriffe wie ‚Nicht-Dualität' häufig auch in der Welt des Tees keine handlungsleitende Bedeutung mehr – wie der Verfasser ganz allgemein einräumen muss, dass in der Gegenwart die allgemeine Praxis des Teewegs dem hier skizzierten spirituellen Ideal nur mit Einschränkungen entspricht.

Dr. Dietrich Roloff, geboren 1934 in Osnabrück, ist Teelehrer. Er studierte Altphilologie mit dem Hauptfach Europäische Philosophie. Er absolvierte sein erstes Sesshin im Stil der Rinzai-Schule und wandte sich schließlich der japanischen Teezeremonie zu. Roloff darf sich Meister der Ueda Sôko Ryû, Hiroshima, nennen. www.ueda-souko.de



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