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22. August

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Über sexuelle Energie und 'heilige Huren'

Heilung und Sexualität

UW79SCHW-Heilung_und_SexualitaetDer amerikanische Psychologe, Autor und Schamane Ray Stubbs über den Begriff ‚heilige Hure'' und die Bedeutung von sexueller Energie bei geistiger und körperlicher Heilung.

Kann Sex heilen? Stimmt das überhaupt? Um diese beiden Fragen zu beantworten, müssen erst einmal vier Formen der Sexualität unterschieden werden:

1. Sexualität zum Zwecke der Fortpflanzung, also die biologische Reproduktion durch Geschlechtsverkehr.

2. Romantische Liebe – darum dreht sich die Welt und auch sie wird meist durch genitale Interaktion vollzogen.

3. Sexuelle Lust – daran denken die meisten Menschen, wenn sie über Sex sprechen.

4. Energieverschmelzender Sex – er wird in der tantrischen und taoistischen Philosophie verwendet. Dabei wird Sexualität als energetischer Austausch verstanden. Um die Heilkraft der Sexualität aufzuzeigen, werde ich mich im Folgenden auf diesen Energieaustausch von Liebenden beziehen.

Der Begriff ‚Heilung' suggeriert, dass eine Krankheit vorliegt, eine Dysfunktion, etwas Falsches oder sogar eine Sünde. Wenn wir Sexualität von diesem Ansatz aus betrachten, enden wir damit, dass wir unsere sexuelle Erregung und unsere Fantasien, unser Verlangen und die sexuelle Handlung selbst als krank und falsch ansehen. Wir sollten uns besser fragen, wie wir durch Sexualität unsere Verbindung mit der Welt, mit ‚allem, was ist' vertiefen können, wie Sex mehr Kraft in unser spirituelles Dasein bringen kann, wie Sexualität Freude, Liebe, Mitgefühl und Gelassenheit in unser Leben bringen kann. Für alle jene, die einen spirituellen Weg gehen, hat Sexualität meiner Erkenntnis nach eher einen integrativ-transformativen als nur einen krankheitsheilenden Charakter.

Stellt sich die Frage: Wie kann es durch Energieaustausch beim Sex zu Transformation und Heilung kommen?

Orgasmus
Bei kaum einer anderen Aktivität haben wir so viel nährenden Kontakt wie bei der körperlichen Liebe. Unser Selbstwertgefühl wird gestärkt und wir können sinnliche Leidenschaft empfinden. Diese physischen und psychologischen Begleiterscheinungen tragen zwar zu unserem allgemeinen Wohlbefinden bei, führen aber noch zu keiner tiefen Transformation oder Heilung. In der Sexualität selbst liegt die am stärksten transformative und heilende Kraft.

Der Orgasmus und seine unterschiedlichen Formen
Masters und Johnson haben in den 1960er Jahren in ihrer Sexualforschung dem Orgasmus eine physiologische Definition gegeben: Wenn man unwillkürliche Kontraktionen der Muskeln im Bereich des Beckenbodens in einer bestimmten Frequenz hat, stellt sich ein sexueller Orgasmus ein.

In den 1970er Jahren haben sich westliche Formen des sexuellen Tantra und Taoismus entwickelt. Verschiedene Ausdrucksformen des energetischen Orgasmus wurden bekannt. Diese energetischen Orgasmen können durch intensives Atmen, durch bestimmte Muskelkontraktionen, durch Visualisierung oder einfach durch eine Handbewegung über dem oder um den Körper einer Person hervorgerufen werden. Wenn wir fortgeschritten sind, können wir in vollkommener Ruhe unsere Energie auf eine bestimmte Art und Weise fokussieren, die einen energetischen Orgasmus hervorruft.

Ähnlich wie sexuelle Orgasmen haben auch energetische eine explosive Qualität. Diese ist aber nicht auf den Geschlechtsbereich beschränkt, sondern kann auch in der Brust, im Kopf oder im gesamten Körper sein. Diese Orgasmen können spontan auftreten, in der Regel ohne männliche oder weibliche Ejakulation, es sei denn in Verbindung mit einem sexuellen Beckenboden-Orgasmus.

Die Wirkung des Orgasmus
Alle Formen von Orgasmen haben Folgendes gemeinsam:
Erstens werden ‚feststeckende' Energien ‚gelöst'. So wie Holzstämme, Äste und Blätter einen Fluss verstopfen und zu einem Stau des Wassers führen, kann auch der normale Lebenslauf unterbrochen und gestaut werden und zum Erliegen kommen. Ein Orgasmus kann helfen, die emotionale Energie wieder zum Fließen und die energetischen Strukturen wieder in Bewegung zu bringen.

Zweitens werden Energien durch einen Orgasmus ausgeglichen. Die unterschiedlichen, voneinander abhängigen energetischen Systeme wie die Chakren halten uns dann gesund, wenn ihre einzelnen Teile flexibel auf die jeweils vorhandene Situation reagieren. Einen Marathon zu laufen erfordert eine ganz andere Funktionsweise und Balance als zum Beispiel der Schlaf. Wenn die Energien aus dem Gleichgewicht geraten sind, wird das Leben unnötig schwer. Nach meiner Auffassung hat der orgastische Prozess eine ausgleichende Wirkung auf unsere Energiesysteme – und macht mehr Spaß, als wenn wir etwa durch eine Psychotherapie wieder ins Gleichgewicht kommen.

Drittens stärken Orgasmen unsere Energien. Das beziehe ich allerdings nicht auf jene ‚Energie', die wir durch Nahrung, Sonnenlicht, Wasser und Luft erhalten. Diese bezeichne ich als die nährende Energie. Im Gegenteil, nach längerem, leidenschaftlichem Sex, eventuell mit Ejakulation, kommt es zu einer Reduktion dieser nährenden Energie, ähnlich wie nach anderen sportlichen Aktivitäten. Manche Menschen beschreiben nach dem Orgasmus einen Verlust von Energie, also das Gegenteil von Stärkung. Dieser Energieverlust muss durch Ernährung wieder ausgeglichen werden.

Aber der Mensch lebt nicht ‚allein von Brot'. Hoch entwickelte Yoga-Meditierende verfügen über Methoden, Energien aus anderen Quellen zu schöpfen. Die daraus resultierende Energie nenne ich elementare oder natürliche Energie, da sie aus dem Erde-Wind-Wasser-Feuer-Aspekt entsteht. Im Orgasmus findet der gleiche Prozess statt – elementare Energie entsteht aus anderen Quellen. In beiden Fällen ist dies aber nicht jene nährende Energie, die Nahrung für die Muskeln zur Verfügung stellt und neues Sperma für die Ejakulationsflüssigkeit produziert.

Elementare Energie wird, im Gegensatz zur nährenden, beim Sex und der Ejakulation nicht verbraucht. Im Gegenteil: Elementare Energie wird im Laufe des Lebens angesammelt und verdichtet, je mehr wir sie durch gewisse Meditationsformen, Orgasmen oder andere derartigen Aktivitäten ‚hereinbringen'. Dieser Verdichtungsprozess macht Energie immer kompakter, was zu höherer Intensität führt.

Die vierte Wirkung des Orgasmus ist die Transformation, die ich als Änderung der Struktur oder ihrer Funktionsweise definiere. Wenn wir ein Werkzeug haben und wissen, wie wir es verwenden können, aber nicht genügend Pep (energetische Intensität), können wir mit dem Werkzeug nicht arbeiten. Orgasmus führt zu einer höheren Intensität und damit sind wir eher in der Lage, unsere energetischen Strukturen und Funktionen zu transformieren oder zu heilen. Die offensichtlichsten Effekte sind jene auf unsere Emotionen.



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