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28. Juli

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Führer im Tier- und Menschenreich

Wer leitet, leidet auch mit

UW80SCHW-Wer_leitetWahre Führer sind in der Lage, die Gefühle und Bedürfnisse ihrer Mitmenschen vorweg zu empfinden. Unser Großhirn hilft uns bei dieser schwierigen Aufgabe.

Kein Mensch könnte alleine auf sich gestellt und ohne andere Menschen überleben. Selbst speziell darauf trainierte Soldaten verfügen zumindest über Kleidung, Messer und andere kleine Werkzeuge, die es ihnen gestatten, einige Wochen in wärmeren Wildniszonen der Welt zu bestehen. Aber ganz ohne Unterstützung seitens unserer Artgenossen wäre jedem von uns nur ein kurzes Leben möglich. Und darauf, nämlich auf unsere Zivilisation, sind wir auch stolz. Wir betonen gerne, dass uns genau diese Kulturleistung von allen anderen Lebewesen unterscheidet: die Entwicklung einer Gesellschaft, die auf den Erkenntnissen und Errungenschaften einiger Jahrtausende beruht.

Dazu hat uns vor allem ein Organ verholfen, unser Gehirn. Dieses ist auch aus evolutionsbiologischer Sicht herausragend: Es war in seiner Entwicklungsgeschichte aufwendig, denn dazu mussten unsere Vormenschen besonders energie- und eiweißreiche Nahrungsquellen erschließen, die diese Größenzunahme unseres ‚Nervenknotens' erst ermöglicht haben. Aber unser Gehirn ist auch in seinem Betrieb überaus ressourcenintensiv: Es macht zwar nur zwei Prozent des Körpergewichts aus, verbraucht aber zwanzig Prozent der gesamten im Körper zur Verfügung stehenden Energie. Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich die Frage, welche Umstände vor einigen hunderttausend Jahren zu dieser rasanten Größenentwicklung der Gehirne unserer Vorfahren geführt haben. Oder um es anders zu formulieren: Bloß weil es biologisch möglich war, vergrößerte sich nicht einfach unter hohem Energieaufwand ein Organ. Aus ökonomischer wie ökologischer Sicht mussten die Vorteile den Aufwand eindeutig überwogen haben.

Durch den Vergleich mit heute lebenden Menschenaffen können wir für diese ferne Epoche rekonstruieren, dass sich in dieser Phase der Menschwerdung die Individuenzahl in diesen Urhorden deutlich vergrößert hat. Robin Dunbar, ein britischer Psychologe und Leiter des Instituts für kognitive und evolutionäre Anthropologie an der Universität Oxford, stellte Anfang der 1990er Jahre fest, dass es einen Zusammenhang zwischen der Gehirngröße von Primaten und der Größe der Gruppe, in denen diese jeweils leben, gibt.

Bei Schimpansen liegt die maximale Gruppengröße bei etwa achtzig, bei Menschen hingegen bei 150 Mitgliedern. Bis zu dieser Anzahl können einzelne Individuen miteinander interagieren, also sich die einzelnen Persönlichkeitsmerkmale, Charaktere und Temperamente, Vorlieben und Abneigungen oder beim Menschen die Namen der anderen merken.

Die Vergrößerung dieser sozialen Gruppen brachte aber nicht nur mehr Sicherheit gegenüber Feinden und erleichterte die Nahrungsbeschaffung, sondern schuf auch neue Interessenskonflikte und Rivalitäten. Das größere Gehirn erlaubte einen differenzierten Blick auf die sozialen Beziehungen: Der Biologe Frans de Waal beobachtete bei Schimpansen, dass sechzig Prozent der ernsthaften Auseinandersetzungen innerhalb von Gruppen darin ihren Ursprung haben, dass sich zwei Tiere nicht rangadäquat begrüßen.

Das intensivere Zusammenleben von Individuen führte offenbar zur Herausbildung komplexer sozialer Hierarchien, die durch verschiedene Rituale und Gesten regelmäßig überprüft und erneuert wurden. Rangniedrigere kraulen und lausen (‚groomen') Höherstehende zehnmal öfter als sie selbst eine Fellpflege erhalten. Dafür haben Anführer einer Gruppe Teile ihrer Beute abzugeben und auch für eine statusadäquate Verteilung zu sorgen.



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