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19. Juni

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Interview mit Lama Irene

'Legen Sie eine Minipause ein'

UW77SCHW-Legen_sie_eine_Minipause_einDie tibetische Nonne Lama Irene über das Wesen der tibetischen Meditation, ihren eigenen buddhistischen Weg und wie auch wir Menschen im Westen ernsthaft meditieren lernen können.

U&W: Was ist das Wesen der tibetischen Meditation und unterscheidet sie sich von anderen Meditationsformen im Buddhismus?

Lama Irene: Alle buddhistischen Meditationen haben etwas gemeinsam. In allen ist es essenziell, einen gesammelten Geist zu entwickeln, auf Sanskrit heißt das ‚shamatha', auf Tibetisch ‚shine'. Gleichzeitig ist es wichtig, die Wirklichkeit zu erforschen, die äußeren Phänomene und das Subjekt. Das geschieht durch ‚intuitive Einsicht', auf Sanskrit ‚vipassana' und auf Tibetisch ‚lhaktong'. Im tibetischen Buddhismus gibt es sehr viele Methoden, um Geistesruhe und Einsicht zu üben, darin liegt der Unterschied zu anderen Traditionen des Buddhismus.

U&W: Wie wichtig sind Glaube und Vertrauen?

Lama Irene: Das ist ein zentraler Punkt. Ein Vorschussinteresse ist wichtig, aber dieser Weg, der in die Freiheit von allen Sichtweisen führen soll, geht über die landläufigen Vorstellungen von Glauben hinaus. Am Anfang kann es hilfreich sein, wenn man durch eine charismatische Persönlichkeit angezogen ist, weil man dadurch einen inneren Weg entwickeln kann. Vertrauen ist dafür sehr wichtig. „Worauf kann ich wirklich vertrauen?", ist jedoch eine grundlegende Kernfrage im Leben von uns allen. Am Anfang scheinen sich viele auf die äußeren Aspekte der Traditionen auszurichten. Wenn wir tiefer in den Weg eindringen, wird deutlich, dass es wichtig ist, Vertrauen jenseits von Sichtweisen zu finden.

U&W: Kann Glaube auch gefährlich sein, wenn zu blind geglaubt wird?

Lama Irene: Ein schrittweiser, kritischer Zugang ist für jeden Weg wichtig, deshalb soll man mit dem eigenen gesunden Menschenverstand immer in Verbindung bleiben.

U&W: Der tibetische Buddhismus tritt oft sehr prächtig, fast katholisch auf ...

Lama Irene: Ja, das finde ich auch (lacht).

U&W: Macht es das für Anfänger nicht schwierig, von der äußeren Erscheinung zum inneren Kern der Lehre vorzudringen?

Lama Irene: Die äußeren Aspekte des tibetischen Buddhismus haben sehr viel Faszination ausgelöst. Um die eigene Meditation zu entfalten, ist es wichtig, zu lernen wahrzunehmen, was in uns von Moment zu Moment vorgeht. Zu entdecken, dass es möglich ist, Gedanken und innere Eindrücke vorbeiziehen zu lassen, wie Wolken am Himmel. Dabei können diese Äußerlichkeiten zwar eine Stütze sein, aber auch vom eigenen Erfahrungsweg ablenken. Es ist zentral, dass wir Lehrer und Lehrerinnen finden, die uns darauf aufmerksam machen.

U&W: Trungpa Rinpoche, der Ihnen am Anfang Ihres buddhistischen Weges wichtige Impulse gab, spricht viel von den unheilsamen Emotionen Hass, Ärger und Gier, mit denen man üben kann. Hat Buddhismus auch einen therapeutischen Aspekt und wo ist der Unterschied zur Psychotherapie?

Lama Irene: Ein therapeutischer Weg ist ein Weg in die Gesundheit, zur inneren Integration. In dem Sinn ist der buddhistische Weg in die Freiheit ganz eindeutig therapeutisch. Es geht um ein Bewussterwerden, darum, mit inneren Paradoxen, Fragmenten und Unvereinbarkeiten einen gesunden und geschickten Umgang zu finden. Mehr und mehr Therapeuten und Ärzte haben einen buddhistischen Hintergrund, erforschen und entwickeln Wege in diese Richtung. Der Unterschied zur Therapie liegt darin, dass man im spirituellen Weg lernt, die eigene wahre Natur und die Wirklichkeit um sich herum als etwas zu erkennen, was keine feste, eigenständige und unabhängige Realität hat.

U&W: Es gibt neue Lehrmethoden, die aus dem Buddhismus kommen, aber auf den Buddhismus keinen Bezug mehr nehmen, z.B. die Methode der auf Achtsamkeit beruhenden Stressreduktion (MBSR) von Jon Kabat-Zinn. Sehen Sie darin eine Bereicherung oder eine Gefahr für den Buddhismus?

Lama Irene: Ich kenne Jon Kabat-Zinn persönlich, ich sehe darin eine positive Entwicklung. Mein Meister Gendün Rinpoche hat gesagt, dass wir in Zukunft die buddhistischen Methoden und Meditationen in unseren eigenen Sprachen mit unseren eigenen Worten lehren werden. Wichtig ist, dass diejenigen, die diese Adaptionen machen, selbst langjährige Erfahrung in buddhistischer Sichtweise und Praxis haben.



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