"Nein, es gibt kein unveränderliches, kein ewiges Ich, es gibt lediglich ein sich ständig veränderndes Ich-Erleben. Dein Körper und dein Geist machen dieses Ich-Erleben aus. Das ist ein Unterschied, du identifizierst dich mit dem Körper, aber du bist nicht dein Körper. Buddhistisch gesehen ist das Ich-Erleben durch die fünf Skandhas bedingt. Das sind Bereiche oder Daseinsgruppen, die das spezifische Ich-Erleben, also das Dasein ausmachen: der Körper (1), die Sinnes-Wahrnehmungen (2), die Gefühle (3), die Reaktionen darauf (4) und das Bewusstsein (5) von alledem.
Diese Dinge, somit das Ich, sind nicht statisch, sondern ein dynamischer Prozess. Du wirst mir recht geben, nichts von dem, was ich aufgezählt habe, ist fix, alles ist ständig in Veränderung. Der Körper gleicht sich von keiner Sekunde zur anderen. Gut, in einer Sekunde kann man das schlecht erkennen, aber lass nur ein Jahr vergehen oder zehn, da wird es ganz deutlich. Auch alles andere bleibt nie gleich. Die Wahrnehmungen ändern sich ständig, Gefühle kommen und gehen, die Reaktionen sind nicht gleich, und das Bewusstsein ändert sich ständig."
"Ich kann das nicht so sehen", widerspricht Thomas, "Vieles ändert sich, da hast du recht, aber vieles ist immer wieder gleich."
"Nichts ist jemals wieder gleich", entgegnet Jürgen. "Das kann gar nicht sein. Nimm nur das Bild vom Universum als flimmernde Quarks oder Elementarteilchen. Die sind niemals gleich, sondern ständig in Veränderung. Auch dein Körper und Geist verändern sich ununterbrochen. Das Ich braucht einen Bezugspunkt, Castanedas ‚Montagepunkt der Wahrnehmung' ist das. Noch einmal: Die Wahrnehmung und die dadurch bedingten Gefühle und Reaktionen machen das ‚Ich-Erleben' aus. Das Ich-Erleben als dynamischen Prozess gibt es. Das erlebe ich, deswegen können wir hier miteinander sitzen und darüber sprechen. Aber das Ich als Absolutes, Fixes, gibt es nicht. Das ist eine Illusion.
Damit komme ich zu einem weiteren Missverständnis: Es wird häufig gesagt, im Buddhismus gehe es darum, das Ich aufzulösen. Aber es kann gar nicht aufgelöst werden, weil es das Ich letztlich gar nicht gibt. Es geht darum, die Konstruktion eines unabhängigen Ich als Illusion zu durchschauen."
"Aber du sagst doch auch dauernd ‚Ich'!"
"Natürlich, denn das Ich-Erleben gibt es ja. Man kann aber auch Nicht-Ich-Erfahrungen machen. Ein unveränderliches, ewiges, unzerstörbares Ich gibt es nicht."
"Und im Christentum?"
"Da solltest du eher einen Theologen fragen. Für mich ist dort, wo gesagt wird, dass es ein Ich gibt und einen real existierenden Gott, Dualität, also Trennung. Gott und Mensch sind getrennt, zwei Dinge. Wenn du aber christliche Mystiker liest, die haben es anders erfahren und drücken es anders aus. Sie erleben nicht nur die ganze Schöpfung, die ganze Welt, sondern auch sich selbst als göttlich, und somit ist hier ebenfalls die Trennung aufgehoben. Nichts ist voneinander getrennt, alles ist all-ein. Dort unterscheidet sich das Christentum kaum vom Buddhismus und anderen mystischen Traditionen."
Auf ins Nirvana
Peter Riedl
Gebundene Ausgabe
Ibera Verlag, €9,90, 224 Seiten
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