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22. September

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Kolumne Marie Mannschatz

Mit Achtsamkeit Gefühle befreien

Mit Achtsamkeit Gefühle befreienWozu ist es eigentlich sinnvoll, Gefühle achtsam wahrzunehmen? Wenn wir dieser Frage nachgehen, wird deutlich, wie sehr Gefühle mit den Wurzeln unseres Daseins verknüpft sind. Wir brauchen den Kontakt mit unseren Gefühlen, um ein waches, lebendiges Leben zu führen. Gefühle sind strömende Lebenskraft. Sie stellen die Verbindung zum anderen und zu unserem Innersten her.

Wenn wir unsere Gefühle aufmerksam spüren, merken wir, dass sie Raum einnehmen und fließen möchten. Sie brauchen gar nicht viel. Sie möchten nur akzeptiert und verstanden werden, dann lösen sie sich ganz von selbst. Im Einklang mit unseren Gefühlen erleben wir inneren Frieden. Zwietracht mit den eigenen Gefühlen schmerzt. Nichts zu fühlen scheint noch schlimmer.

„Statt in die Klinik zu gehen, bin ich lieber hierher gekommen", sagte der Mann zum Beginn eines zehntägigen Schweigekurses. Und er klagte: „Ich spüre gar keine Emotionen, fühle mich wie innerlich eingemauert. Alles ist so dumpf, so leer.
Ich kann mich über nichts freuen. Auch meiner Frau gegenüber kann ich keine Gefühle mehr zeigen. Was ist nur mit mir los?" Wir versuchten, ihn morgens – auf seinen eigenen Wunsch hin – aus dem Bett zu holen, wir gaben ihm allen Raum, den er brauchte. Nichts konnte helfen. Das ‚Gefühl der Gefühllosigkeit' beherrschte ihn. Nach fünf Tagen wechselte er vom Kurs in die Klinik. Er hatte nicht mehr die Kraft, seine Achtsamkeit auszurichten.

Achtsames Wahrnehmen der inneren Erfahrungen ist eine Brücke zum gesunden Dasein. Marsha M. Linehan entwickelte achtsamkeitsbasierte Methoden (DBT) für den klinischen Alltag von psychisch Kranken. Ganz allmählich lernen sie in der Klinik, innere und äußere Aufmerksamkeit zu unterscheiden und die inneren Signale zu verstehen. Ich habe Menschen in langen Schweigekursen getroffen, die in vielen Jahren des Achtsamkeitstrainings mit ihrer Depression so einfühlsam umgehen konnten, dass sie sofort bemerkten, wenn ein inneres Ungleichgewicht entstand, das nach medikamentöser Hilfe verlangte. Im tief depressiven Geisteszustand fehlt für achtsames Wahrnehmen meist jegliche Kraft. Doch im normalen Alltag ist für Depressive das Üben bewusster Wahrnehmung ein Segen. Gezielte Aufmerksamkeit für Gefühle stärkt die psychischen Kräfte und bringt die Emotionen wieder ins Fließen. Buddhistische Psychologie beforscht seit zweitausend Jahren das Kultivieren positiver Gefühle. Mehr und mehr lässt sich die westliche Psychologie davon inspirieren. Buddhas ‚Vier Grundlagen der Achtsamkeit' sind inzwischen Bestandteil vieler Therapiemethoden und werden wissenschaftlich erforscht. Die Heilkraft der Achtsamkeit wirkt einfach überzeugend. 

Marie Mannschatz, praktiziert Achtsamkeits- und Metta-Meditation seit 1978. Die Gestalttherapeutin und Autorin von Büchern über Meditation lebt und schreibt in Schleswigholstein.Von Jack Kornfield zur Meditationslehrerin ausgebildet, unterrichtet sie seit zwölf Jahren in Europa und den Usa.

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