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26. November

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Was ist Karma?

UW80SP-Was_ist_KarmaNicht nur in esoterischen Kreisen geistern über Karma allerlei seltsame Vorstellungen herum, die einer kritischen Prüfung nicht standhalten würden.

Buddha warnte davor, über den Bereich der karmischen Wirkungen nachzugrübeln; das führe nur zu Wahnsinn (A IV.77). Daraus wird vielfach der Schluss gezogen, dass man an Karma nur glauben könne – wie an eine göttliche Gerechtigkeit. Andererseits forderte der Buddha aber in seiner berühmten Rede an die Kalamer auch alle Menschen auf, nur das zu glauben und anzunehmen, was man jeweils selbst erkannt hat (A III.66). Tatsächlich kann man wichtige Aspekte der Karmatheorie durchaus vernünftig einsehen und bestimmte Theorien als nicht sinnvoll denkbar ausscheiden. Die Karmalehre sollte Leiden mindern, nicht noch mehr Verwirrung stiften.

Eine populäre Variante dieser Lehre argumentiert so: Man verübt gute oder böse Taten (karma = Tat, Handlung, Arbeit). Dieses Karma wird gespeichert. Irgendwann – in diesem oder einem späteren Leben – reift es dann und man empfängt Lohn oder Strafe durch entsprechende Erfahrungen. Im Buddhismus wird betont, dass nur die Motivation beim Handeln karmisch wirksam wird, nicht die aktuelle Tat. Gute Absichten produzieren später glückliche Erfahrungen, schlechte Absichten verursachen Leiden. Die Taten tragen karmische Zinsen oder erzeugen Schulden. „Karma ist unzerstörbar, wie ein unauflöslicher Schuldschein" (Tsong Khapa, Ocean of Reasoning, 355). Selbst als Metapher funktioniert dieser Gedanke aber nicht: Geld und Schulden sind kollektive Illusionen, die über Nacht verschwinden können, etwa bei Crashs. Nichts ist hier unauflöslich. Zudem: Wie kann man Tat und Vergeltung überhaupt vergleichen ohne gemeinsamen Maßstab? Es geht um jeweils subjektive Erlebnisse, nicht um Geld. Ist aber vielleicht Karma auch nur eine Illusion? Nāgārjuna hat exakt das gesagt und die Schuldenmetapher kritisiert (MMK 17.14-33). Doch seine Philosophie erschließt sich erst dann, wenn man die Schwächen der naiven Karmatheorie erkennt.

Menschen handeln nicht allein; Handlungen hängen voneinander ab. Ein Beispiel: Jemand hat – sagen wir in den 1930er Jahren – gestohlen und betrogen. Sein negatives Karma führt dazu, dass er wiedergeboren 2008 Opfer eines Bankers wird, der ihm wertlose Lehman-Papiere andreht. Der Banker, der ihn betrogen hat, mag seine Tat mit niedriger Motivation ausüben. Schafft er sich dadurch aber negatives Karma? Er musste ja so handeln, damit das ‚unauflösliche' Karma des Betrügers aus den 1930er Jahren erfüllt wird. Tatsächlich gibt es viele Erzählungen nach diesem Muster. In der Lebensbeschreibung von Padmasambhava erfindet der Autor eine Geschichte, in der Padmasambhava eine Fliege und ein Kind mit einem Stein tötet und legt ihm Folgendes in den Mund: „Wäre es nicht nach der Absicht des Karma geschehen, der kleine Stein hätte nicht Fliege und Kind töten können" (ed. Evans-Wentz, 176). Karma als Ausrede für Mord! Auch der eben erwähnte Banker wäre dann nur ein Agent des Karma. Seine Tat wäre sogar ‚gut', weil karmisch notwendig. Karmische Wirkungen in dieser naiven Theorie setzen stillschweigend die Taten anderer Menschen voraus, beispielsweise durch Zu- oder Abneigung anderer. Sind wir also alle nur Erfüllungsgehilfen des Karma? Wer nicht frei motiviert handelt, schafft gar kein Karma. Sind wir aber frei, was sollte uns nötigen, ein Karmagesetz an anderen zu vollziehen?

Hinzu kommt noch eine weitere Schwierigkeit. Der Buddha hat mehrfach betont, dass nicht jegliches Ereignis durch Karma bedingt ist. Eine Krankheit kann auch natürliche Ursachen haben. Im Milindapanha (ed. Nyanaponika, 153f.) finden sich viele Beispiele für natürliche Ursachen neben karmischen. Wenn aber unklar ist, was eine karmische und was eine natürliche Ursache hat, dann hört das Karma auf, eine rein moralische Kausalität zu beschreiben. Es tritt in Wettbewerb zu Naturgesetzen. Bestimmt dann aber ein Naturgesetz oder das Karmagesetz, wann fallweise ein Naturgesetz oder das Karmagesetz gilt? Die Erklärungen der naiven Karmatheorie führen also zu Widersprüchen oder liefern einfach nur Ausreden.

Was ist dann aber Karma? Es mag hilfreich sein, einen Blick auf die abendländische Handlungstheorie zu werfen. Das Handeln wird oft im Modell von Zweck und Mittel beschrieben. Man will einen Zweck realisieren, verwendet dazu bestimmte Mittel (darunter auch die eigene Arbeit) und verwirklicht dann das Ziel. Das Mittel, die Tat wird durch den Zweck bestimmt. Im Extremfall heißt es: „Der Zweck heiligt die Mittel." Es kommt auf das Ergebnis an, nicht darauf, wie man es erreicht. Auch unser Alltag funktioniert nach dieser Logik. Man arbeitet in einem (oft wenig befriedigenden) Job, um dann später – in der Freizeit, im Urlaub, im Alter – die Früchte der Arbeit zu genießen. Dabei macht man aber die Entdeckung: Der Genuss bleibt häufig aus, weil das Arbeiten uns geprägt hat. Wir werden krank, müde, stumpf, sind gefesselt in unseren Gewohnheiten. Der Zweck formt nicht nur das Resultat, die Tat formt auch uns. Das Handeln ist nie neutral, es kommt nie nur auf das Ergebnis an. Das Tätigsein programmiert den Tätigen. Bei unseren Handlungen bilden sich Gewohnheiten oder Fertigkeiten, werden vielfach unbewusst und prägen später die Art und Weise, wie wir empfinden und denken. Das ist Karma. Die Gewohnheitsmuster (samskāra) bestimmen das Denken und Wahrnehmen. Doch wenn man sie bewusst macht, kann man sie verändern. Nur unbeachtet, unbewusst wirken sie wie ein mechanisches Gesetz. Wenn man sie untersucht, hören sie auf, unbewusst zu funktionieren. Karma wird durch Achtsamkeit aufgehoben.

Es gibt also auch bei Gewohnheiten Ursache und Wirkung, aber nicht im Sinn der Wirklichkeit, sondern der Möglichkeit. Das Karmagesetz bezieht sich auf Handlungsmöglichkeiten, nicht darauf, was man in späteren Situationen als Wirklichkeit erfährt. Wer viel Klavier übt, besitzt die Fähigkeit, Klavier zu spielen. Welches Stück man dann tatsächlich unter welchen Umständen – oder überhaupt – spielt, das wird dadurch nicht festgelegt. Und wer andere Menschen missachtet, gewalttätig ist, lügt oder stiehlt, der verliert die Möglichkeit zu feineren Empfindungen, verlernt zu lieben, zu fühlen, erfährt Gegengewalt und landet in einer Hölle beschränkter Möglichkeiten. Karma wirkt nicht auf der Ebene der Wirklichkeit, sondern auf der Ebene der Möglichkeiten. Weder zwingt es jemanden zu Taten, noch kann es in Wettbewerb zu natürlichen Ursachen treten. Hierbei ist für die Formung der karmischen Gewohnheiten die Motivation entscheidend. Wer Freunden hilft und dabei schwer arbeitet, der tut das gerne. Wer in den Bergen wandert, strengt sich gerne an. Anders, wer mit Widerwillen einen Job erledigt. Nicht die Tat selbst prägt die Gewohnheiten und begleitenden Emotionen, sondern das lenkende Bewusstsein.



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